Forscher über wegfallende Regeln: „Viele haben nicht gelernt, die Risiken richtig einzuschätzen“

Eine Figur des Brettspiels „Risiko“: Um die richtigen Entscheidungen zu treffen, braucht es unter anderem mehr statistische Kompetenz, meint der Risikoforscher Gerd Gigerenzer (Symbolfoto).

Das Frühjahr steht vor der Tür und mit den wärmeren Temperaturen und einer entspannteren Corona-Situation kommen auch die Lockerungen. Ab dem 20. März könnten in Deutschland so gut wie alle Corona-Beschränkungen wegfallen. Neben mehr Freiheiten bedeutet das jedoch auch mehr Eigen­verantwortung für jeden Einzelnen – denn das Virus ist nicht weg.

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Im RND-Interview erklärt Gerd Gigerenzer, emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungs­forschung und Leiter des Harding-Zentrums für Risiko­kompetenz, warum viele die Risiken rund um Corona nicht richtig einschätzen können, welchen Anteil Politik und Medien daran haben und weshalb Deutschland ein Land der „Zahlenblinden“ ist.

Gerd Gigerenzer, emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und Leiter des Harding-Zentrums für Risikokompetenz, sieht in Deutschland eine mangelnde Risikokompetenz und mangelnde Risikokommunikation.

Gerd Gigerenzer, emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und Leiter des Harding-Zentrums für Risikokompetenz, sieht in Deutschland eine mangelnde Risikokompetenz und mangelnde Risikokommunikation.

Herr Gigerenzer, Bund und Länder haben sich auf umfangreiche Corona-Lockerungen geeignet. Wie schnell wird nun alles wieder „normal“? Oder tun wir uns schwer damit, bald wieder in volle Diskotheken und Konzerthallen zu gehen?

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Viele Menschen sind vorsichtig geworden, all diesen Maßnahmen, Versprechungen und Vorhersagen zu trauen. Und das ist auch richtig so. Denn wir wissen nicht, wie sich das Virus weiter entwickelt und wie es im nächsten Herbst sein wird. Wir leben in einer Situation von Ungewissheit, in der wir die Risiken nicht genau berechnen können. Wahrscheinlich müssen wir mit Virusvarianten leben lernen und es werden auch weiterhin Schutz­maßnahmen wie Impfungen und Masken immer wieder nötig sein.

Wenn Beschränkungen wegfallen, muss jeder selbst entscheiden, wie er mit dem Infektions­risiko umgeht. Sie vertreten die Auffassung, dass viele Menschen nicht gelernt haben, Risiken richtig einzuschätzen. Was meinen Sie damit?

In Deutschland herrscht eine mangelnde Risikokompetenz in der Bevölkerung. Deren Grundprinzipien sind vielen nicht bekannt. Zum einen, dass es keine absoluten Sicherheiten gibt. Wenn Menschen hören, dass sich trotz Impfung Leute mit Corona infiziert haben oder sogar im Krankenhaus gelandet sind, verlieren sie das Vertrauen in die Impfung, weil sie der Illusion anhängen, dass eine Impfung absolut gegen Corona schützt. Das andere Grundprinzip der Risikokompetenz besteht darin, dass man Risiken immer gegeneinander abwägt. Doch wenn ich mich aus Angst vor Nebenwirkungen nicht impfen lasse, vergesse ich dabei, dass das Risiko wegen Corona auf der Intensivstation zu landen, dadurch deutlich erhöht wird.

Wie lässt sich die Risikokompetenz denn verbessern?

Wir sollten schon in den Schulen damit anfangen. Zum Beispiel, indem die Bedeutung und das Verständnis von statistischen Zahlen im Mathematik­unterricht eine größere Rolle spielt. Oder warum lassen wir die Jugendlichen in den Schulen nicht über Corona-Maßnahmen diskutieren? Das alles trägt zu einer verbesserten Risikokompetenz bei.

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Wenn es vielen Menschen an Risikokompetenz mangelt, ist es dann überhaupt richtig, bei Corona statt strenger Vorschriften auf Eigen­verantwortung zu setzen?

Man kann nur auf die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger setzen, wenn man auch etwas dafür tut. Hier ist der Staat in der Pflicht, den Erwerb von Risikokompetenz nachhaltig zu stärken. Bislang wird dafür in Deutschland wenig getan. Nur ein Beispiel: Das Harding-Zentrum für Risikokompetenz ist am Anfang der Pandemie nach Potsdam gegangen, um dort in der neuen Fakultät Gesundheits­wissenschaften die Risikokommunikation zu einem wichtigen Thema zu machen. Nun könnte man meinen, dass das unterstützt wird, da ja die Kommunikation nicht immer gut geklappt hat. Aber das Land Brandenburg hat kürzlich erst die Mittel halbiert und wird die Fakultät demnächst wahrscheinlich wieder auflösen.

Generell tendieren Menschen dazu, Gefahren entweder zu überschätzen oder zu unterschätzen. Wie sieht das bei Corona aus?

Das ist ganz unterschiedlich, da wir in der Bevölkerung ein unterschiedliches Maß an Risikokompetenz haben. Manche haben vor dem Virus totale Angst, andere nehmen die Maßnahmen nicht wirklich ernst. Was uns in meinen Augen aber fehlt, ist eine Institution, die das Vertrauen der Bevölkerung genießt und Risiken klar und verständlich kommunizieren kann. Wir haben mit dem Robert Koch-Institut oder dem Paul-Ehrlich-Institut zwar exzellente Einrichtungen. Jedoch ist deren Aufgabe nicht effektive Kommunikation.

Warum ist eine gute Risikokommunikation so wichtig?

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Als im Frühjahr bekannt wurde, dass bei der Impfung mit Astrazeneca sehr seltene, aber schwere Thrombosen möglich sind, hat die Bundesregierung den Impfstoff eine Zeit lang ausgesetzt. Das war ein Fehler, denn das Vertrauen ist dadurch nicht gestiegen, sondern gesunken. Viele haben sich deshalb nicht impfen lassen, sondern lieber mehrere Monate auf einen anderen Impfstoff gewartet. Richtig wäre es gewesen, die Unsicherheit aller Impfstoffe besser zu kommunizieren.

Auch die Medien müssen hier ihren Teil beitragen. Die haben sich bei Astrazeneca auf die Thrombosen gestürzt, anstatt eine andere Botschaft zu senden. Statt fast nur die schweren Nebenwirkungen zu thematisieren, hätte man vergleichen und die Risiken gegeneinander abwägen können. Das ist aber kaum passiert.

Neben dem Abwägen spielen bei der Risikoeinschätzung auch Zahlen eine große Rolle.

Die Corona-Pandemie ist besonders, weil uns nicht Bilder Angst machen, sondern Zahlen. Und es sind auch Zahlen, die uns Hoffnung machen. Egal, ob Infektionszahlen, Impfquote oder die Belegung der Intensiv­stationen. Gleichzeitig leben wir aber in einem Land der „Zahlenblinden“. Es wird wenig getan, um Menschen die Kompetenz zu vermitteln, Zahlen verstehen und hinterfragen zu können. Das ist meinen Augen einer der Gründe dafür, weshalb immer noch viele von der Wirkung der Impfung nicht überzeugt sind.

Das müssen Sie erklären.

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Im vergangenen November wurden in einer Talkshow beispielsweise Zahlen zur Wirksamkeit der Impfung nicht richtig erklärt. Dadurch ist bei Millionen von Menschen ein falscher Eindruck entstanden. Im konkreten Fall ging es um eine Grafik, die zeigte, dass in Deutschland 91 Prozent der Menschen über 60 Jahren geimpft sind und 9 Prozent nicht. Darunter wurde dann eine Grafik eingeblendet, dass unter den Neuinfizierten 60 Prozent geimpft sind und unter den mit Covid-19 Verstorbenen 43 Prozent geimpft waren. Der Showmaster sagte: „Mir geht’s da kalt den Rücken runter.“ Und es entstand der Eindruck, dass diese Zahlen zeigen würden, dass die Impfung wenig wirksam sei. Keiner in der Runde konnte erklären, dass diese Grafiken nicht zeigen, wie schlecht die Impfung ist, sondern wie wirksam.

Dabei wäre das ganz einfach gewesen: Von 100 Personen sind 91 geimpft und neun nicht. Nehmen wir an, von diesen infizieren sich zehn Personen – sechs davon sind geimpft und vier nicht. Während die sechs Personen unter den 91 Geimpften also nur einen Bruchteil ausmachen, sind es bei den Ungeimpften fast die Hälfte. Jetzt wird klar, wie wirksam die Impfung ist. Mangelnde Kommunikation von Risiken ist einer der Gründe, warum sich zu viele Menschen vor Impfungen scheuen. Hier könnten wir aus der Corona-Pandemie lernen.

RND

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