Das Schweigen der Männer: Warum eine Depression bei ihnen so oft unentdeckt bleibt

Männer suchen sich bei einer Depression seltener Hilfe – das hängt auch mit gesellschaftlich verankerten Rollenbildern zusammen.

Jede Depression ist anders, fühlt sich anders an. Für Betroffene ist es schwierig, ihr Leben mit der Erkrankung so zu beschreiben, dass der Schmerz für andere Menschen greifbar wird. „Es kommt eine Zeit, wenn die Zukunft so extrem leer aussieht – wie eine schwarze Wand des Nichts“, beschreibt etwa der englische Schriftsteller und Schauspieler Stephen Fry sein Leben mit einer manisch-depressiven Störung. Der 33-jährige Brite Jake Tyler, der 2017 im Kampf gegen seine Depression durch ganz Großbritannien lief, findet dagegen andere Worte für seine Erkrankung: „Eine Depression fühlt sich für mich wie eine Prüfung an, bei der ich weiß, dass ich durchfallen werde.“

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Ähnliche Gedanken und Gefühle begleiten viele Männer, die an einer Depression erkrankt sind. Doch die Krankheit bleibt gerade bei ihnen zu oft noch unentdeckt – mit schwerwiegenden Folgen. Zwar leiden in Deutschland etwa doppelt so viele Frauen an einer Depression wie Männer, jedoch ist die Suizidrate bei Männern Statistiken zufolge bis zu dreimal so hoch. Am häufigsten erfolgen Suizide nach Angaben der Deutschen Depressionshilfe vor dem Hintergrund einer unzureichend behandelten Depression.

Psychiaterin: Forschungslücken bei Diagnosekriterien einer Depression

Die Autoren Fry und Tyler können aus erster Hand berichten, was das Gefühl der Leere mit Betroffenen machen kann. Fry überlebte 2012 nur knapp einen Suizidversuch, nachdem er eine Überdosis an Tabletten zu sich nahm und bewusstlos wurde. Tyler wollte sich 2016 kurz vor seinem 30. Geburtstag das Leben nehmen, weil er sich nach zahlreichen Jahren mit der Depression nicht mehr an das Gefühl erinnern konnte, glücklich zu sein.

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Bis zu diesem Zeitpunkt verschwieg Tyler seine überfordernden Gedanken und Gefühle. Genau das ist ein großes Problem bei vielen Männern, die mit der Erkrankung zu kämpfen haben: „Männern fällt es schwerer, mit Ärzten oder nahestehenden Menschen über Depression und Suizidgedanken zu reden. Dabei wäre es in dieser Situation wichtig, dass sie mit Vertrauenspersonen über ihre Gefühle und Gedanken sprechen“, sagt Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

„Bei den Diagnosekriterien einer Depression bei Männern gibt es Defizite.“

Christa Roth-Sackenheim,

Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater

Daher sei es auch schwieriger, bei Männern eine Depression überhaupt zu erkennen, obwohl es bei den Diagnosekriterien zwischen den Geschlechtern grundsätzlich keine Unterschiede gibt. Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater, führt das auf Forschungslücken zurück: „Bei den Diagnosekriterien einer Depression bei Männern gibt es Defizite. Die Forschung hat sich bislang primär auf das gestützt, was leichter festzustellen ist“, bemängelt sie. Frauen könnten ihre Sorgen und Emotionen besser wahrnehmen und äußern – daher werde eine Depression bei ihnen auch schneller erkannt.

Depressionen: Männer neigen eher zu Aggressivität, Gereiztheit und Suchtverhalten

Roth-Sackenheim betont, dass gewisse Symptome bei Männern durchaus häufiger auftreten – beispielsweise neigen depressive Männer eher zu Aggressivität, Gereiztheit und Suchtverhalten. „Im Vergleich zu Frauen löst eine Depression bei Männern zudem seltener eine Antriebsarmut aus – stattdessen ‚zwingen‘ sie sich, aktiv zu sein und exzessiv Leistungen zu erbringen. Deswegen ahnt man bei vielen Männern erst gar nicht, dass sie an einer Depression erkrankt sind“, erklärt die Psychiaterin. Manche Männer trieben beispielsweise exzessiv Sport, um ihre Gefühle und Gedanken zu verdrängen.

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Zu den Hauptsymptomen einer Depression zählen vor allem ein Verlust von Interesse und Freude, eine depressive Stimmung und ein verminderter Antrieb, die seit mindestens zwei Wochen bestehen. Weitere häufige Symptome sind beispielsweise Schuldgefühle, Gefühle von Wertlosigkeit sowie Schlafstörungen. Bei diesen Kernsymptomen gibt es laut Hegerl keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. „Die Vor­stellung, dass Männer ganz andere Krankheitszeichen haben, stimmt nicht“, betont Hegerl.

Toxische Rollenbilder: Männer suchen sich bei einer Depression seltener Hilfe

Bei einer Depression gebe es dennoch geschlechterspezifische Unterschiede, die man berücksichtigen müsse. „Beispielsweise ist die Bereitschaft, sich Hilfe zu suchen, bei Männern viel geringer als bei Frauen“, sagt Hegerl. Das kann auch Roth-Sackenheim bestätigen – daher seien Männer oft auch erst in einem höheren Alter in Behandlung. „Wenn sich Männer in Behandlung begeben, sind die Symptome oft bereits weit fortgeschritten oder bestehen schon relativ lang“, sagt sie. Das liege auch daran, dass Männer, aber auch Ärztinnen und Ärzte oft andere Ursachen für ihre Symptome vermuten. Somit werden etwa Schlaflosigkeit, Antriebslosigkeit oder Konzentrationsstörungen eher auf den Stress bei der Arbeit geschoben.

Ein weiteres großes Problem ist laut Roth-Sackenheim, dass Männer Angst davor haben, wegen ihrer Erkrankung in ihrem Umfeld diskriminiert zu werden – und sich daher wiederum keine Hilfe suchen. Auch gesellschaftlich verankerte Rollenbilder wie „Männer weinen nicht“ erschwerten es Männern, eine Ärztin oder einen Arzt aufzusuchen. Anders gesagt: Männer dürfen nur dann als krank gelten, wenn ihr Körper krank ist – alles andere wäre schwach. Und der Mann darf sich keine Schwäche erlauben, so immer noch die weit­verbreitete Annahme.

Depression: Lebensumstände sind manchmal Auslöser, aber selten Ursache

„Eine Depression ist mehr als eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände, sie ist eine eigenständige Erkrankung.“

Ulrich Hegerl,

Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe

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Hinsichtlich der Ursachen der Depression gibt es keine generellen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Hegerl stellt dabei klar: „Eine Depression ist mehr als eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände, sie ist eine eigenständige Erkrankung. Das zu verstehen ist für Betroffene sehr wichtig.“ Eine Veranlagung zu Depression sei demnach die entscheidende Ursache. Wenn man eine Veranlagung habe, könnten äußere Umstände aber Auslöser einer Depression sein. „Ohne diese Veranlagung ertragen Menschen große Bitternisse, ohne zu erkranken“, betont Hegerl.

Die Sorgen, die Betroffene bei einer Depression begleiten, sind individuell unterschiedlich. „Die Depression holt sich ihre Themen aus dem jeweiligen Lebensumfeld. Deswegen haben Männer bei einer Depression auch oft andere Sorgen und Gedanken als Frauen“, sagt Hegerl.

Die Probleme können, müssen aber nicht der Auslöser einer Depression sein: Menschen können laut der Deutschen Depressionshilfe selbst dann an einer Depression erkranken, wenn positive Veränderungen in ihrem Leben eintreten. Also etwa auch bei einer glücklichen Beziehung oder Erfolg im Berufsleben. Von außen lässt sich eine Depression deshalb auch selten erkennen. Auch bei dem 2014 gestorbenen Komiker Robin Williams hätten wohl nur die wenigsten Menschen vermutet, dass er an einer schweren Depression litt.

Frauen erkranken häufiger – aber hohe Dunkelziffer bei Männern

Roth-Sackenheim geht von einer hohen Dunkelziffer bei der Zahl der Männer aus, die an einer Depression erkrankt sind. Laut einer Studie waren 2016 11,3 Prozent der Frauen und 5,1 Prozent der Männer in Deutschland erkrankt – dabei handelt es sich allerdings nur um diagnostizierte Erkrankungen. Männer suchen sich bei einer Depression jedoch seltener Hilfe, und die Erkrankung wird bei ihnen mitunter auch gar nicht erkannt. Diese Faktoren trügen dazu bei, dass die Zahl der festgestellten Erkrankungen bei Frauen höher sei, so Roth-Sackenheim.

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Allerdings betont Hegerl: „Der höhere Anteil an Frauen, die an einer Depression erkrankt sind, ist nicht allein dadurch zu erklären, dass sich Männer seltener Hilfe suchen.“ Der Geschlechtsunterschied könne verschie­dene Gründe haben, etwa der unterschiedliche Hormonhaushalt bei Frauen und Männern. Auch das Rollenverhalten vieler Männer könne dazu beitragen, dass sie seltener an einer Depression erkranken. Zwar suchten sich Männer dadurch seltener Hilfe. „Aber es kann auch Vorteile für sie haben, wenn sie sich beispielsweise dadurch nicht nur mit Problemen beschäftigen, sondern aktiv bleiben“, sagt der Psychiater.

Bei einer Depression sind – unabhängig vom Geschlecht – Antidepressiva und Psychotherapie die wichtigsten Säulen der Behandlung, heißt es bei der Deutschen Depressionshilfe. Männer haben laut Roth-Sackenheim mitunter jedoch Vorbehalte gegen die Medikamente, weil sie befürchten, dass Nebenwirkungen wie Erektions- oder Orgasmusstörungen bei einigen Gruppen von Antidepressiva auftreten. Jedoch gebe es inzwischen bestimmte Medikamente, bei denen solche Nebenwirkungen kaum oder gar nicht aufträten. „Grundsätzlich sind Männer aber eher offen für medikamentöse Lösungen oder auch Behandlungsmethoden wie Schlafentzug und Lichttherapie. Denn sie haben oft den Wunsch, schnell wieder zu funktionieren“, betont die Psychiaterin.

Psychiaterin: „Ich habe es schon oft erlebt, dass bei Männern ein großer Redeschwall ausbricht“

Roth-Sackenheim rät Männern, bei Symptomen einer Depression zunächst zur Hausärztin oder zum Hausarzt zu gehen. „Das ist in den meisten Fällen die erste Anlaufstelle, da auch körperliche Ursachen einer Depression ausgeschlossen werden müssen, falls sie nicht direkt zu einer Psychiaterin oder einem Psychiater gehen wollen oder können“, sagt sie. Weitere erste Anlaufstellen können auch die sozialpsychiatrischen Dienste der Gesundheitsämter oder Selbsttests im Netz sein. Über diese Wege können sich Betroffene beraten lassen.

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Beim Erstkontakt mit Psychiaterinnen und Psychiatern werde oft deutlich, wie viele Sorgen und Probleme sich bei depressiven Männern angestaut haben, berichtet Roth-Sackenheim. „Ich habe es schon oft erlebt, dass bei Männern ein großer Redeschwall ausbricht, wenn sie sich in Behandlung begeben – denn viele Betroffene tragen ihre belastenden Gefühle und Gedanken schon ihr ganzes Leben lang mit sich“, sagt sie.

Hilfe für Betroffene

Sie leiden an Depressionen oder krankhafter Niedergeschlagenheit oder haben düstere Gedanken? Bitte holen Sie sich Hilfe. Bei Notfällen können Sie unter 112 den Notarzt rufen.

Das Infotelefon Depression hat die Telefonnummer (0800) 33 445 33. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar unter den Telefonnummern (0800) 11 10 111 oder (0800) 11 10 222 oder 116 123.

Betroffene können ihre Erfahrungen im moderierten Onlineforum www.diskussionsforum-depression.de austauschen. Weitere Informationen für Betroffene und Angehörige gibt es etwa bei der Stiftung Deutsche Depressions­hilfe im Internet: www.deutsche-depressionshilfe.de.

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