Herdenimmunität: Wann sind die Menschen vor dem Coronavirus geschützt?

Anfangs ist man davon ausgegangen, dass eine Corona-Impfquote von 60 bis 70 Prozent für eine Herdenimmunität ausreicht. Dieser Wert scheint manchen Experten aber nun zu gering.

Anfangs ist man davon ausgegangen, dass eine Corona-Impfquote von 60 bis 70 Prozent für eine Herdenimmunität ausreicht. Dieser Wert scheint manchen Experten aber nun zu gering.

Braunschweig/Bremen. Klaus Reinhardt ist im Kampf gegen die Corona-Pandemie optimistisch: In den kommenden Monaten werde die Impfbereitschaft steigen. „Für Geimpfte verliert die Pandemie ihren Schrecken, sie werden sich besser fühlen und entspannter sein“, sagte der Präsident der Bundesärztekammer kürzlich dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Das werde im positiven Sinne ansteckend sein. Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur gaben etwa zwei Drittel der Deutschen an, sich gegen das Coronavirus impfen lassen zu wollen. Aber reicht das?

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Wann entsteht eine Herdenimmunität?

Bei der Antwort auf diese Frage ist noch vieles ungewiss. So ist bislang nicht klar, ob die zugelassenen Impfstoffe auch davor schützen, das Virus an andere weiterzugeben. Generell könnten Viren, die sich wie Sars-CoV-2 unmittelbar auf der Nasenschleimhaut oder in den oberen Atemwegen befinden, schnell wieder ausgehustet oder -geniest und damit weitergegeben werden, sagt Luka Cicin-Sain vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

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Auch gebe es Einzelfälle, in denen sich schon einmal Erkrankte rasch erneut mit dem Virus ansteckten. Wie lange der Impfschutz halten werde, könne niemand wirklich sagen. Der Schutz nach einer Infektion könnte aber kürzer sein als der durch eine Impfung, erklärt Cicin-Sain.

Ein weiterer Faktor ist, dass sich das Coronavirus stetig verändert. Die zunächst in Großbritannien und dann auch in Deutschland und anderen Ländern nachgewiesene Mutation B.1.1.7 zum Beispiel ist nach derzeitigem Kenntnisstand deutlich ansteckender – das heißt, ein Infizierter steckt im Schnitt mehr Menschen an, was wiederum die Ausbreitung des Erregers beschleunigt.

Der Anteil an Geimpften in der Bevölkerung müsse dann steigen, um eine sogenannte Herdenimmunität erreichen zu können, erklärt der Mediziner Cicin-Sain. Mit dem Begriff wird ein Zustand bezeichnet, bei dem ein großer Teil der Gesellschaft – durch Infektion oder Impfung – immun gegen eine ansteckende Krankheit ist. Der Erreger findet dann immer weniger Menschen, in denen er sich vermehren kann, seine Ausbreitung wird deutlich vermindert.

Für eine Herdenimmunität bei Corona galt anfangs eine Durchseuchungs- oder Impfquote von 60 bis 70 Prozent als nötig – was mit jenen zwei Dritteln abgedeckt wäre, die bei der YouGov-Erhebung ihre Impfbereitschaft sofort oder nach etwas mehr Erkenntnissen über mögliche Folgen der Injektion signalisiert haben. Wegen all der Unwägbarkeiten jedoch scheint dieser Wert manchen Experten zu gering.

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Angaben zur Herdenimmunität basierten auf Vermutungen

So erklärt Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen, dass bei der neuen Virusvariante nach den bisher vorliegenden Daten 80 Prozent der Bevölkerung immun sein müssten, „um die weitere Ausbreitung im Sinne der Herdenimmunität zu verhindern“. Zu beachten sei darüber hinaus, dass die Ausbreitung sehr variabel verlaufe, beispielsweise punktuell recht gewaltig durch sogenannte Superspreading-Ereignisse.

Warum Herdenimmunität wichtig ist, macht Cicin-Sain deutlich: Es gebe Menschen, die nicht geimpft werden können, etwa weil sie an Leukämie erkrankt seien oder ihnen ein Organ transplantiert worden sei und sie immunhemmende Medikamente nehmen müssten. „Sie können nur durch Herdenimmunität geschützt werden“, sagt der Wissenschaftler. Den Anteil Betroffener schätzt er auf ein bis zwei Prozent.

Alle Angaben zur Herdenimmunität basierten bislang auf Vermutungen, betont Cicin-Sain. Die anfangs genannten 60 bis 70 Prozent hält auch er für recht optimistisch. „Das ist zwar besser als nichts, aber ein höherer Anteil wäre besser.“ Er spricht von 80, 85, vielleicht sogar 90 Prozent. Zum Vergleich: Masern sind deutlich ansteckender als alle bislang bekannten Mutationen des Coronavirus. Hier ist eine Impfrate von über 90 Prozent nötig.

Impfbereitschaft muss steigen

„Die Botschaft muss sein: Diejenigen, die Zugang zum Impfstoff haben, sollten nicht zögern, sich impfen zu lassen“, sagt Cicin-Sain. Mediziner Zeeb ist etwas zurückhaltender: Er würde nicht ausschließlich das Ziel (kompletter) Herdenimmunität über alles stellen, erklärt er. Wenn 60 oder 70 Prozent der Bevölkerung geschützt wären – und vor allem die Risikogruppen – würde das enormen Druck vom Gesundheitssystem und der Gesellschaft nehmen.

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Corona werde bleiben, aber sich in den Reigen der anderen Infektionskrankheiten einreihen, ist Zeeb überzeugt. Mit weiteren Impfungen, hoffentlich besseren Therapien und gegebenenfalls doch auch ausreichender Impfbereitschaft, wenn sich alles etwas normalisiert habe.

RND/dpa

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