Entspannung oder Ruhe vor dem Sturm?

Zenit der Sommerwelle überschritten: Wie geht es nun weiter mit Corona?

Badegäste genießen den Sonnenschein am Timmendorfer Strand: Das Coronavirus breitet sich immer noch in der Bevölkerung aus, aber es scheint nun an Dynamik zu verlieren.

Badegäste genießen den Sonnenschein am Timmendorfer Strand: Das Coronavirus breitet sich immer noch in der Bevölkerung aus, aber es scheint nun an Dynamik zu verlieren.

Die Corona-Sommerwelle ebbt ab: Wie das Robert Koch-Institut (RKI) vergangenen Donnerstagabend in seinem Wochenbericht mitteilte, scheine der Wellengipfel überschritten zu sein. Dafür spricht vor allem die Entwicklung bei den Corona-Kennzahlen. Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz ist in den vergangenen Wochen deutlich zurückgegangen – in allen Altersgruppen und in allen Bundesländern –; die Zahl der Schwerstkranken auf den Intensivstationen ist gesunken, ebenso wie die der durch Covid-19 bedingten Todesfälle; in Krankenhäusern und Pflegeheimen kommt es seltener zu Corona-Ausbrüchen.

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„Wir haben eine günstige Entwicklung bei der Sommerwelle“, bestätigte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) am Freitag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Charité-Impfstoffforscher Leif Erik Sander in Berlin. Können wir uns jetzt also entspannen? Liegt das Schlimmste hinter uns?

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Lauterbach: Kein Grund zur Entwarnung

Dass der Zenit bei der Sommerwelle überschritten ist, ist erst einmal ein gutes Zeichen – und vor allem ein Hoffnungsschimmer für die Krankenhäuser. „Die fallende Inzidenz kommt in unserer Klinik an“, berichtete Cihan Çelik, Oberarzt der Corona-Isolierstation des Klinikums Darmstadt, auf Twitter. Es gebe zwar noch viele stationär behandelte Covid-19-Patientinnen und -Patienten, aber die symptomatischen Neuaufnahmen würden zurückgehen. „Baldige Rückkehr zum Regulärbetrieb für einige Wochen ist die Hoffnung und der Plan.“ Ein Ende der Sommerwelle bietet für die Kliniken die Chance, verschobene Operationen nachzuholen, sich anderen Erkrankten wieder intensiver zu widmen – einfach für einen kurzen Moment aufzuatmen.

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Doch klar ist auch: Dass die Sommerwelle an Dynamik verliert, bedeutet nicht, dass nun keine Infektionen mit dem Coronavirus mehr stattfinden, dass Menschen nicht mehr schwer an Covid-19 erkranken. Der Infektionsdruck in der Bevölkerung bleibt in allen Altersgruppen hoch, schreibt das RKI. „In den kommenden Wochen ist mit einer weiterhin hohen Zahl an Hospitalisierungen, intensivmedizinisch zu betreuenden Covid-19-Patientinnen und Patienten und Todesfällen, insbesondere in höheren Altersgruppen, zu rechnen.“

Auch Gesundheitsminister Lauterbach sieht aktuell keinen Anlass dafür, Entwarnung zu geben. Die Sterblichkeit gehe zwar zurück, sei aber noch nicht auf dem Niveau, wie er es gerne hätte. Allein am Donnerstag wurden dem RKI 167 neue Todesfälle im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 übermittelt. Außerdem müsse berücksichtigt werden, dass der Anteil der nicht registrierten Corona-Erkrankungen zugenommen hat, stellte Lauterbach klar. „Die Dunkelziffer steigt.“ Es dürften also aktuell mehr Menschen mit dem Coronavirus infiziert sein, als in den Statistiken ausgewiesen wird.

Wie verläuft die Infektionswelle weiter?

Es wird noch dauern, bis sich das Infektionsgeschehen in Deutschland maßgeblich entspannt. Wie lange, das lässt sich nicht sagen. Zumal noch fraglich ist, ob sich die Welle wirklich drastisch abflacht, oder irgendwann auf niedrigem Niveau verharrt, oder sich direkt eine weitere Infektionswelle anschließt.

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„Wenn wir jetzt in die Zukunft blicken, erwarte ich eigentlich erst einmal, dass diese abfallende Sommerwelle sich irgendwann wieder in einem Plateau ausläuft“, sagte Thorsten Lehr dem ZDF. Der Professor für Klinische Pharmazie der Universität des Saarlandes modelliert regelmäßig das Infektionsgeschehen in Deutschland. „Und dass wir dann, wenn die Reiserückkehrer zurückkommen, wieder einen Anstieg der Inzidenzen sehen.“

Corona-Sommerwelle und Impfstoff entwickeln sich günstig

Der Bundesgesundheitsminister sprach am Freitag in Berlin über die neusten Entwicklungen in der Pandemie.

Das sind die drei möglichen Szenarien für den Herbst

Die Aussicht auf einen entspannten Spätsommer ist gleichermaßen getrübt von düsteren Herbstprognosen. Fachleute rechnen damit, dass sich die Corona-Lage im Herbst und Winter noch einmal zuspitzen wird. Auch, weil schlimmstenfalls eine Virusvariante entstehen könnte, die noch besser den Immunschutz von Geimpften umgehen kann, noch leichter übertragbar ist und wieder häufiger schwere Krankheitsverläufe verursacht. Der Corona-Expertenrat hat in seiner letzten Stellungnahme von Anfang Juni drei Szenarien zur weiteren Entwicklung des Infektionsgeschehens skizziert:

  1. Das günstigste Szenario: Eine Virusvariante setzt sich in Deutschland durch, die zwar ansteckender und immunflüchtiger ist, aber weniger krankmachend. Stärker eingreifende Schutzmaßnahmen sind dann nicht notwendig, oder nur für Risikopersonen. Ohne Kontaktbeschränkungen werden sich aber andere Atemwegserreger verbreiten und Infektionen setzen, vor allem bei Kindern.
  2. Das Basisszenario: Die Krankheitslast von Covid-19 ist ähnlich hoch wie bei den jetzigen Omikron-Varianten BA.4 und BA.5. Die Belastung auf den Intensivstationen bleibt moderat. Aber es treten vermehrt Infektionen auf, Menschen müssen sich isolieren, es kommt zu Arbeitsausfällen. Es gibt mehrere Infektionswellen über einen längeren Zeitraum. Flächendeckende und regionale Maßnahmen wie eine Maskenpflicht in Innenräumen und begrenzte Teilnehmerzahlen für Veranstaltungen in geschlossenen Räumen sind erforderlich.
  3. Das ungünstigste Szenario: Es dominiert eine Virusvariante, die noch immunflüchtiger, noch übertragbarer und noch krankmachender ist. Auch Geimpfte können ohne zusätzliche Impfung schwer erkranken. Das Gesundheitssystem erlebt wieder eine starke Belastung, Patientinnen und Patienten müssen zum Teil innerhalb Deutschlands verlegt werden. Die Impfkampagne geht nicht schnell voran, sodass einschränkende Maßnahmen notwendig werden. Erst im Frühjahr 2023 können allgemeine Schutzmaßnahmen wie eine Maskenpflicht und Abstandsgebote aufgehoben werden.

„Keines dieser Szenarien können wir derzeit ausschließen“, sagte Impfstoffforscher Sander vor wenigen Tagen im RND-Interview. „Ich glaube, man kann leider noch keine vollständige Entwarnung geben. Wer das tut, verschließt die Augen davor, was passieren könnte. Prävention, Therapie und gute Datenerhebung bleiben weiterhin wichtig.“

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Länder können ab 1. Oktober Maskenpflicht einführen

„Im Herbst wird die Lage eine andere sein“, ist auch Lauterbach überzeugt. Kritik an der zusammen mit Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) erarbeiteten Neufassung des Infektionsschutzgesetzes wies er zurück. Ab dem 1. Oktober könnten die Länder, unabhängig von Inzidenzen, in Innenräumen eine Maskenpflicht einführen. Sie müssten dies aber nicht, erläuterte der Minister. Aber: „Ich glaube, dass die Länder das alle machen werden, weil wir zum 1.10. wieder höhere Fallzahlen haben werden.“

Das RKI rät derweil, bei coronatypischen Symptomen wie Husten, Schnupfen und Halsschmerzen weiter Kontakte zu meiden, vorsorglich zu Hause zu bleiben und den Hausarzt oder die Hausärztin zu kontaktieren. Denn der weitere Verlauf der Pandemie hänge nicht nur davon ab, wie sich das Coronavirus weiter entwickelt, sondern auch davon, wie die Impfungen in Anspruch genommen werden und wie sich die Menschen verhalten.

mit Material der dpa

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