Popstars ehren eine Ikone

Akustischer Cognac – ein Tributalbum für Leonard Cohen

Leonard Cohen

Songwriterlegende mit Gänsehautstimme: Leonard Cohen starb 2016. Auf dem Album „Here It Is“ (erscheint am 14. Oktober) feiern Kolleginnen und Kollegen seine Songs.

Manche, die zu diesem Album beitragen, haben hörbar den Leonard Cohen in sich gefunden. Und so ähneln ihre Ehrerbietungen gesangstechnisch den Originalen der Songs, ähneln dabei mehr Gebeten als Liedern. Wenn Peter Gabriel im Titelsong „Here It Is“ des „Tribute to Leonard Cohen“ vom Leiden an der Liebe singt („Hier ist dein Kreuz, hier sind deine Nägel, ist dein Hügel“), erinnert er kaum noch an den Sänger von Genesis oder den Solokünstler von „Solsbury Hill“ und „Sledgehammer“. Die Stimme ist dunkel, sonor, ohne jede Kapriziösität. Der Song, im Original durch Casio-Klänge plastikhaft verpluckert, klang nie so edel wie hier.

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Iggy Pop breitet das Sortiment des Abschieds aus

Und auch Iggy Pop , der sich „You Want It Darker“ zu eigen macht, die vor sechs Jahren (nur gut zwei Wochen vor Cohens Tod) erschienene letzte Single des Kanadiers, lehnt sich an Cohens Rezitationsgesang an. Der depressive Poet Cohen, gebeugt von Rückenfrakturen und Leukämie, umarmte darin 2016 sein eigenes Ende: „I‘m ready, my Lord.“

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Und der auch schon 75-jährige einstige Rock-‘n‘-Roll-Wildmann Iggy, der zuletzt Donovans „Sunshine Superman“ gecovert hatte, klingt in der dunklen Ballade, als sei die Sonne erloschen und als beschäftige er sich mit den eigenen letzten Dingen. Mit schwerer, rauer Stimme breitet Pop das Sortiment des Abschieds vor dem Hörer aus: „Hier ist deine Krankheit, hier ist dein Bett und dein Schmerz, hier ist deine Liebe für die Frau, für den Mann.“

Eine Stimme – dunkel wie der Fluss, an dem Suzanne lebt

Niemand hat mit einer so limitierten Stimme mit nur minimalen Modulationen mehr Gefühl in die Welt gebracht als der 1934 auf der Île de Montréal geborene Leonard Cohen, einer der größten Songwriter der Popmusik, der das Leiden am Leben und an der Liebe und die Wonne in beidem besang. Man erinnert sich an ihn als einen zuletzt wunderschönen alten Mann, der bei seinen großen Konzertreisen im ersten Jahrzehnt des neuen Millenniums die Würde in Person war – mit einer Stimme, die so tief und dunkel geworden war, wie man sich den Fluss vorstellte, an dem die schöne und verrückte Suzanne wohnte. Jenen Fluss, der die Botschaft raunte, man sei immer schon Suzannes Liebhaber gewesen.

Mit dem Lied über diese verwunschene Frau begann 1967 die Popkarriere des zuvor als Dichter bekannt gewordenen Mannes aus Montreal, mit der „lady of the harbor“ stieg er zum Weltstar auf, der er blieb, auch wenn nicht jedes seiner 14 (mit dem postum erschienenen „Thanks for the Dance“ 15) Alben ein Bestseller wurde. Die letzten Tourneen waren akustischer Cognac der L’Esprit-de-Courvoisier-Klasse. Seinen Toursaxofonisten Dino Soldo nannte Cohen sinnlich den „Meister des Atems“ auf den „Instrumenten des Winds“. Poesie selbst in der Vorstellung der Band.

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Eine exquisite Jazzband gibt dem Album einen einheitlichen Sound

Um „Suzanne“ kümmert sich auf „Here It Is“ der kalifornische Soul- und Jazzsänger Gregory Porter, und er macht selbst ein Wort wie „stone“ lang und weich und geschmeidig. „Meister des Winds“ ist hier Immanuel Wilkins, dessen Altsaxofon auf „Avalanche“ hervorsticht, einer Instrumentalversion des Cohen-Songs, auf der der Jazz ein einziges Mal heftig aus der Korsage eines eleganten Umschmeichelns der Gesangsdarbietungen ausbricht. Produzent Larry Klein, der eng mit Cohen befreundet war, hat für das Album in Los Angeles eine erstrangige Jazzcombo versammelt. Neben Wilkins spielen Gitarrist Bill Frisell, Pianist Kevin Hayes, Bassmann Scott Colley und Schlagzeuger Nate Smith – gelegentlich verstärkt durch Pedal-Steel-Gitarrist Greg Leisz und Organist Larry Goldings.

Was dem Album anders als die meisten Cohen-Tribute davor ein einheitliches Gepräge gibt, ob nun die Brasilianerin Luciana Souza „Hey That‘s No Way to Say Goodbye“ zum Besten gibt oder die 83-jährige Blues- und Gospelfrau Mavis Staples „If It Be Your Will“ intoniert. „Lenk dein Herz an der Wahrheit vorbei / an die du gestern geglaubt hast“, flüstert Norah Jones in „Steer Your Way“ und Frisells Gitarrentöne schimmern, Wilkins Altsax ist wie eine Brise. Keine Muzak hier, kein Song, der unter den allzu sterilen Synthi-Instrumentierungen leidet, mit denen Cohen zumindest eine Weile auf seinen Alben spielte – zum Leidwesen seiner Fans.

Der Brite David Gray, den Joan Baez den bedeutendsten Dichter seit Dylan nannte, singt „Seems So Long Ago, Nancy“. Und der große James Taylor, der sein Debüt einst auf dem Apple-Label der Beatles veröffentlichte, hat den Blues bei „Coming Back to You“. Keinen der Künstler hatte Klein gefragt, wie er zu Cohen und seinem Werk stand. Sie scheinen ihn zu verehren und zu lieben.

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„Hallelujah“ war das größte Risiko hier – Cohens „Yesterday“, sein vermutlich meistgecoverter und inzwischen weltweit bekanntester Song, den die Plattenfirma 1984 für zu schlecht befand, ihn zu veröffentlichen, und der durch Jeff Buckley, Rufus Wainwright und k. d. lang schon definitive Coverversionen erfahren hat. „Da war ihr Hunger, den Song zu singen“, sagt Klein über die Kanadierin Sarah McLachlan. „Sie sang ihn, als hinge ihr Leben davon ab.“ Und Wilkins‘ Saxofon wird zu McLachlans Beschützerin.

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„Bird on a Wire“ gehört dann am Ende Frisell und Wilkins und Smiths raschelnden Fellen und Becken: Der Vogel auf der Leitung, der Betrunkene im Mitternachtschor, die Freiheit und den Schwur auf den Song, zur Liebsten zu kommen, all diese Bilder im Text werden hier von den Instrumenten gemalt. Den Text kennt der Hörer und ist frei, ihn mitzusingen – als letzter Gast auf dieser Hommage.

Diverse – „Here It Is: A Tribute to Leonard Cohen“ (Blue Note Records) – erscheint am 14. Oktober

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