Eine Art Therapie

Bestsellerautorin Amélie Nothomb: „Schreiben ist für mich lebens­notwendig“

Bestsellerautorin Amélie Nothomb.

Paris. Frau Nothomb, in Frankreich und Belgien sind Sie sehr berühmt, im deutschsprachigen Raum etwas weniger. Würden Sie sich für die deutschen Leserinnen und Leser vorstellen: Welche Themen treiben Sie um?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ich veröffentliche seit 30 Jahren jährlich einen Roman – eine Tatsache, die mir früher völlig unmöglich erschienen wäre. Ich war eine sehr verstörte Jugendliche und niemand hätte damals auf mich gewettet. Mein Erfolg ist etwas total Unerwartetes. Meine Romane sind jeweils kleine Labore, in denen man ein paar menschliche Wesen zusammentut und dann beobachtet, was passiert. Japan kam oft darin vor, weil ich meine Kindheit dort verbracht habe und als junge Erwachsene zurückkehrte in der Überzeugung und mit dem Ehrgeiz, Japanerin zu sein – eine Überzeugung, die sich als falsch herausstellte, und ein Ehrgeiz, mit dem ich gescheitert bin. Seit meinem 17. Lebensjahr schreibe ich Manuskripte, doch nie hätte ich damals gedacht, Schriftstellerin zu werden. Erst nach meiner Erfahrung des Scheiterns in Japan, über die ich ein Buch verfasst habe, wagte ich es, dieses einem Verlag zu zeigen. Beim zweiten Verlag, an den ich mich wandte, Albin Michel in Paris, bin ich bis heute. Kennzeichen meiner Romane ist ein gewisser Zynismus.

Wie erklären Sie sich, dass Ihre Romane so viele Menschen ansprechen?

Ich schreibe über Außenseiter, und die große Überraschung ist, dass wir alle Außenseiter sind. Viele Leser schreiben mir, weil Sie sich in meinen Figuren wiedererkennen. Nicht nur Frauen, auch Männer, jeden Alters. Auch in Romane, die nicht auto­biografisch sind, wie zum Beispiel „Ambivalenz“, lege ich sehr viel von mir selbst hinein. Mein Thema ist das menschliche Wesen, und ich bin Teil meines Themas.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Handelt es sich um eine Art therapeutisches Schreiben?

Das ist nicht das Hauptziel, aber es gibt diese Wirkung, ja. Der wahre Grund meines Schreibens entzieht sich mir völlig. Es geht mir nicht um die Veröffentlichung, denn ich schreibe unendlich viel mehr als das, was erscheint. Ich veröffentliche gern, aber es ist kein Zweck an sich. Ich schreibe, sobald ich etwas nicht verstehe. Und offensichtlich passiert mir das sehr oft.

Denken Sie, dass Schreiben sich erlernen lässt?

Nein, ich glaube nicht, dass das möglich ist. Manchmal wenden sich junge Menschen, die Schriftsteller werden wollen, an mich. Das ist berührend, aber auch unangenehm, denn sie setzen Hoffnungen in mich, die ich nicht erfüllen kann. Ich versuche, so transparent wie möglich zu sein, und sage: Ich trete gerne in einen schriftlichen Austausch mit Ihnen ein, aber ich kann Ihnen nicht beibringen, wie man ein Buch schreibt. Das ist, als würden Sie mich fragen, wie man sich verliebt! Ich weiß nicht, wie das geht. Der einzige Ratschlag, den ich mir zu geben erlaube, ist: Sie wollen schreiben? Lesen Sie! Ich komme aus einer Familie leidenschaftlicher Leser und begann selbst sehr früh. Ich kann mir kein Leben ohne das Schreiben vorstellen, aber noch weniger ohne das Lesen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Sie schreiben mehr Bücher, als Sie veröffentlichen. Wie gehen Sie dabei vor?

Die Bücher entstehen eins nach dem anderen, nie gleichzeitig. Ich sage immer, ich bin mit einem Buch schwanger. Es sind drei pro Jahr, und ich entscheide selbst darüber, welches ich meinem Verlag bringe. Bis jetzt hat er zwei zurück­gewiesen. Das stellt unsere Vertrauens­beziehung unter Beweis: Mein Verlag weiß, dass ich treu bin, denn ein Manuskript, das er ablehnt, würde überall sonst angenommen. Ich habe keine Verpflichtung und könnte mir wahrscheinlich sogar erlauben, nie mehr ein Buch zu veröffentlichen. Aber es macht mir Freude, und ich bin immer neugierig auf die Reaktion der Leser.

Wie gehen Sie mit Kritik um und mit dem rauen Ton in den sozialen Medien?

Seit 30 Jahren werde ich kritisiert oder bewertet, von exzellent bis desaströs. Komplimente freuen mich, Beleidigungen treffen mich, aber meine Art zu schreiben gehorcht eigenen Regeln und kann von der Außenwelt nicht beeinflusst werden. Die sozialen Medien sind mir völlig fremd. Wer mich erreichen will, trifft mich bei einer Signierstunde in einer Buch­handlung oder schreibt mir einen Brief, aber ich lese keine Mails. Das schützt mich sehr. Die sozialen Medien sind eine große Gefahr für Schriftsteller und können eine Art Droge werden. Ich habe nicht den Hauch eines Verlangens, diese Welt zu betreten. Es gibt viele Profile auf Facebook mit meinem Namen, aber das bin nicht ich.

Bei Ihrem Verlag haben Sie Ihr Büro, in dem Sie regelmäßig Ihre Leserbriefe beantworten.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ja, es sind sehr viele Briefe, und das fasziniert mich. In diesen Briefen finden Sie absolut alles. Viele Leute schreiben über meine Bücher, andere über etwas ganz anderes. Ich erhalte sehr intelligente und manchmal etwas dumme Briefe, aber auch die dummen Briefe können sehr interessant sein. Ich beantworte neun von zehn Briefen, was eine Herkules­arbeit ist. Alleine sie zu lesen ist schon kolossal. Nur wenn sie zu unverschämt oder zu dumm sind, antworte ich nicht. Oder wenn sie auf Türkisch oder Chinesisch sind: Das finde ich großartig, aber leider kann ich sie nicht lesen.

Haben Sie einen festen Arbeits­rhythmus?

An meinem Roman schreibe ich absolut jeden Tag. Die Briefe bearbeite ich wie eine Angestellte, fünf Tage pro Woche. Seit Jahren ist das so, und offensichtlich gefällt es mir. Ich nehme sechs Wochen Urlaub im Jahr, in dem ich weder Briefe beantworte noch Interviews gebe. Aber in den vergangenen 35 Jahren gab es nur einen einzigen Tag, an dem ich nicht geschrieben habe, es war ein Sonntag im Jahr 1997. Es war fürchterlich. Eine Erfahrung, die ich nicht wiederholen möchte. Schreiben ist für mich lebens­notwendig, ich bin davon abhängig.

Sie schreibt gerade an ihrem 105. Buch

Sie haben sehr viele unveröffentlichte Bücher in Ihrer Schublade?

Ja, es sind wahnsinnig viele, ich schreibe gerade an meinem 105. Buch, herausgegeben wurden davon 31. Mein Testament ist schon verfasst, damit nichts davon nach meinem Tod veröffentlicht wird. Meine Bücher sind meine Kinder, und es kommt nicht infrage, sie zu zerstören. Das Testament schützt, aber nur für eine bestimmte Dauer. Darüber hinaus habe ich eine weitere Lösung gefunden, nämlich Kunstharz: Meine nicht veröffentlichten Manuskripte sollen in einen riesigen Block aus Harz versenkt werden, um sie gleichzeitig ewig und unzugänglich zu machen. Ich weiß noch nicht, wo dieser Block sein wird. Idealerweise hätte ich ihn im Vatikan aufgestellt, denn das scheint mir ein sicherer Ort zu sein. Aber ich fürchte, dass es seit der Veröffentlichung meines Buchs über Jesus um meine Beziehungen zum Vatikan nicht gut steht.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

War das Lesen, das Schreiben wichtig in Ihrer Familie?

Als ich mit 17 anfing zu schreiben, tat ich es heimlich, weil es mir schändlich vorkam. Ich komme aus einer Familie, in der die Literatur verehrt wird, nie hätte ich mir vorstellen können, dass ich das Recht dazu habe. Dann habe ich ein überwältigendes Buch von Rainer Maria Rilke gelesen, „Briefe an einen jungen Dichter“, in dem die Frage der Literatur radikal anders gestellt wurde – und ich wagte es. Die Familie Nothomb begegnet mir bis heute mit Bestürzung. Das gilt nicht für meine Eltern, denn sie haben im Ausland gelebt, waren sehr offen. Aber meine restliche Familie kommt aus traditionellen, katholischen, bürgerlich-konservativen Kreisen. In ihren Augen ist es die Aufgabe einer Frau, Kinder auf die Welt zu bringen. Ich gelte als schwarzes Schaf der Familie, weil ich eine der wenigen Nothomb-Frauen ohne Kinder bin.

Haben Sie auch deshalb Distanz zur Familie gesucht – in Paris?

Ja, aber vor allem spielt sich für mich alles hier ab: meine Arbeit durch meinen Verlag, mein Liebesleben – das ist schon ganz schön viel. Und auch wenn es wie ein Klischee klingt, bleibt Paris die Hauptstadt der Literatur. Schriftsteller sind hier sehr respektiert. Ein weiterer Grund ist meine große Leidenschaft für Champagner. In Paris können Sie sicher sein, dass Sie in jedem noch so einfachen Bistro mindestens einen sehr guten Champagner auf der Karte finden.

Ihr Buch „Ambivalenz“, das in Frankreich bereits 2018 heraus­gekommen ist, erscheint jetzt auf Deutsch.

Ja, aber es bleibt mein Kind, und ich liebe es immer noch sehr, darum spreche ich gern darüber. Dieses Buch ist wichtig, weil es ganz anders ist als das, was ich erlebt habe, denn es geht um den Hass des Vaters auf die Tochter und der Tochter auf den Vater. Ich habe mich immer gefragt, wie man mit dieser Situation umgeht.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auf Französisch heißt das Buch wortwörtlich „Die geschlechts­neutralen Vornamen“. Halten Sie den deutschen Titel „Ambivalenz“ für gelungen?

Ja, er passt gut und könnte wohl auf alle meine Bücher zutreffen, denn in fast allen geht es um ambivalente menschliche Beziehungen. Das ist eines meiner großen Themen: die Liebe, die sich in Hass ausdrückt, und umgekehrt. Auch die Familie, um die es sich in diesem Buch dreht, ist ein ambivalenter Ort: Dort, wo es einem am meisten wehtut, ist man zu Hause. Das heißt nicht, dass es keine Liebe gibt. Vielleicht heißt es, dass viel Liebe da ist.

Eine der Hauptfiguren heißt Épicène, was im Französischen „geschlechts­neutral“ oder „unisex“ bedeutet. Welche Bedeutung hat der Vorname eines Menschen?

Er ist enorm wichtig. Er ist die erste Erwartung, die unsere Eltern uns gegenüber formulieren, ob bewusst oder nicht. Den Vornamen eines Kindes zu wählen heißt, ihm eine Mission aufzutragen. Im Fall von Épicène passt er perfekt, denn ihre Existenz ist von Anfang an ambivalent. Das wird verstärkt durch die Tatsache, dass ihr Vater sie nicht liebt. Ich kenne Frauen, die diese Situation erlebt haben. Die Freundin, die mich am stärksten zu diesem Buch inspirierte, sagte: Weil mein Vater mich nicht geliebt und mich nie wie eine Frau angesehen hat, habe ich mich nie als Frau gefühlt.

Gibt es eine Moral von der Geschichte?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Derjenige, der liebt, ist immer stärker. Das ist das Gegenteil dessen, was man versucht, uns beizubringen, nämlich: Wer liebt, wird untergehen und leiden.

Das ist Amélie Nothomb

Amélie Nothomb, geboren 1967 im japanischen Kobe, ist eine belgische Schriftstellerin französischer Sprache. Sie lebt in Paris. Ihre Kindheit und Jugend hat sie als Tochter eines Diplomaten zunächst in Japan und dann in China, New York, Myanmar und Laos verbracht, bis sie im Alter von 17 Jahren nach Europa kam. Über das Leben eines europäischen Mädchens in Asien erzählte sie unter anderem in dem erfolgreichen Roman „Liebessabotage“, der 1995 auf Deutsch herausgekommen ist. Bereits mit der Veröffentlichung ihres ersten Romans „Die Reinheit des Mörders“ mit Mitte 20 begann No­thombs Erfolgsgeschichte: Jedes ihrer – zumeist schmalen – Bücher stürmt in Frankreich die Bestsellerlisten und erreicht Millionenauflagen. Die Autorin erhielt mehrere wichtige Literaturpreise, darunter 1999 den Grand Prix du Roman der Académie fran­çaise für das Buch „Staunen und Zittern“, das 2003 von Alain Corneau verfilmt wurde, und im vergangenen Jahr den Prix Renaudot für ihr Buch über ihren Vater. 2010 wurde ein Asteroid nach ihr benannt: (227641) Nothomb. Im Jahr 2015 verlieh ihr der belgische König den Titel einer Baronin. Ihre Romane erscheinen in mehr als 40 Sprachen.

Jetzt erscheint No­thombs Roman „Ambivalenz“ (Deutsch von Brigitte Große, 128 Seiten, 20 Euro) im Diogenes-Verlag. Das Schweizer Haus bringt seit Jahren die Bücher der Autorin in deutscher Übersetzung heraus. Der aktuelle Roman erzählt von dem unsteten ­Claude, seiner Frau Dominique und dem komplizierten Verhältnis zu der Tochter Épicène.

Mehr aus Kultur

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Spiele entdecken