Literatur

Bücher für graue Weihnachtstage: Acht Tipps aus der Redaktion

Ein Stapel Bücher liegt auf einem Verkaufstisch in einer Buchhandlung.

Ein Stapel Bücher liegt auf einem Verkaufstisch in einer Buchhandlung.

Kalte Winterabende am Kamin - da fehlt nur noch ein gutes Buch. Unsere Redaktion hat acht Lese-Empfehlungen für die dunkle Jahreszeit. Und da ist sicher auch noch ein schönes Weihnachtsgeschenk dabei.

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Desillusionierend und tröstlich

Zur See von Doerte Hansen

Zur See von Doerte Hansen

Die Autorin: Dörte Hansen ist Journalistin und Autorin. 2015 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Altes Land“, der zu einem Bestseller wurde. „Zur See“ ist ihr dritter Roman.

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Das Buch: Auf einer kleinen Insel in der Nordsee lebt die Familie Sander, eine uralte Inselfamilie, deren Vorfahren stets von der Seefahrt lebten. Doch der Beruf stirbt, und auch die Familie Sander droht auseinanderzubrechen. Hanne hat drei Kinder großgezogen, ihr Mann hat die Familie verlassen, um nun Vögel auf der Insel zu beobachten. Tochter Eske pflegt alte Leute und liebt Heavy Metal, Sohn Ryckmer bekämpft seine Dämonen mit dem Alkohol und Sonderling Henrik sammelt am Strand Treibgut und bastelt daraus eigenwillige Kunstwerke.

Es ist ein beinahe dystopisches Szenario, das Dörte Hansen vom Inselleben entwirft, es ist – wie in den Vorgängern „Altes Land“ und „Mittagsstunde“ – die Desillusionierung des romantischen Idylls, das Menschen aus der Stadt vom Leben auf dem Land oder einer Insel haben. Und dennoch haben die Geschichten über Mitglieder einer Gemeinschaft, die sich neu erfinden muss, weil alte Traditionen wegbrechen, abermals etwas Tröstliches.

Das liegt an der empathischen, klug beobachtenden, Widersprüche duldenden Erzählkunst der geborenen Husumerin. Die auch in ihrem dritten Werk unfassbar treffsichere Sätze formuliert, in denen man sich wiederfindet: „Alle Inseln ziehen Menschen an, die Wunden haben, Ausschläge auf Haut und Seele. Die nicht mehr richtig atmen können oder nicht mehr glauben, die verlassen wurden oder jemanden verlassen haben. Und die See soll es dann richten, und der Wind soll pusten, bis es nicht mehr wehtut.“

Dörte Hansen: „Zur See“, Penguin-Verlag, 256 Seiten, 24 Euro

Hoffnungsvoll und hilfreich

Das Licht in uns von Michelle Obama

Das Licht in uns von Michelle Obama

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Die Autorin: Weltweit bekannt wurde sie als Frau des 44. Präsidenten der USA, Barack Obama. Statt nur schmückendes Beiwerk zu sein, schafft diese First Lady viel mehr: Von Anfang an trat sie als unabhängige Frau auf, engagierte sich insbesondere für Frauen und Kinder, hörte mehr zu, als dass sie redete. Vor allem schien sie immer eines zu sein, authentisch. Dieses Buch ist ihr zweites nach der Biografie „Becoming“ aus dem Jahr 2018.

Das Buch: Eins ist der Autorin wichtig, nämlich keinen allgemeingültigen Ratgeber geschaffen zu haben. Sie will Werkzeuge und Hilfsmittel aufzeigen, die einem durch schwierige Situationen und Krisen helfen könnten. Davon hat sie selbst viele erlebt: der kranke Vater, der lange unerfüllte Kinderwunsch, die Afrohaare, die sie sich während der Amtszeit ihres Mannes immer geglättet hat, die Selbstzweifel, nicht gut genug zu sein. Was ihr hilft? Etwa stricken. Hat sie sich selbst via Youtube beigebracht.

Michelle Obama gibt Kraft, macht Mut, wird zur Gleichgesinnten. Ihre Freundinnen wissen, wie sie ungeschminkt aussieht. Und sie wissen, wie ihre Füße nach einem langen Tag riechen. Uneitel und dennoch imposant.

Michelle Obama: „Das Licht in uns“, Goldmann, 324 Seiten, 28 Euro.

Groll und Gerechtigkeit

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Der Autor: Sascha Reh stammt aus Duisburg, studiert nach dem Abi Geschichte, Philosophie und Germanistik. Für seine Bücher hat er mehrere Preise erhalten. „Raserei“ ist der sechste Roman des 38-Jährigen, der auch Familientherapeut ist. Reh lebt mit seiner Familie bei Berlin.

Das Buch: Es war eine schöne Reise, die Jonas Nimrod, seine Frau Vera und die Zwillinge Jonas und Mats da in Italien verbracht haben. Ein Trip, der für die Familie ein tragisches Ende nimmt: Kurz bevor die beiden Reiseblogger mit ihren Jungs zu Hause ankommen, rast ein betrunkener Autofahrer nur wenige Schritte von ihrer Haustür entfernt Vera Nimrod und den fünfjährigen Mats tot. Der Fahrer Radomir Milić, früherer Bosnienkämpfer und nun zwielichtiger Clan-Anwalt, überlebt den Crash. Zurück bleibt ein traumatisierter Vater wie trauernder Jonas. Weil der Todesfahrer von der Strafverfolgung unbehelligt bleibt, startet Jonas blind vor Wut eigene Ermittlungen und Kampagnen im Netz. Hoch spannender Roman, der zwei Männer aus Milieus, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aus ihrer Innenperspektive beleuchtet.

Sascha Reh: „Raserei“, Schöffling & Co., 240 Seiten, 22 Euro.

Liebe und Leidenschaft

Eine Liebe in Paris Romy und Alain von Thilo Wydra

Eine Liebe in Paris Romy und Alain von Thilo Wydra

Der Autor: Thilo Wydra, Jahrgang 1968, stammt aus Duisburg. Er studiert  Komparatistik, Germanistik, Kunstgeschichte und Filmwissenschaft in Mainz und Dijon. Er veröffentlicht in Tageszeitungen wie  dem „Tagesspiegel“, der „Welt“, „NZZ am Sonntag“ und der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Sein Steckenpferd sind Biografien von Menschen aus der Filmbranche.

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Das Buch: Sie waren in den 1960ern fünf Jahre ein Paar, die Magie um die Liebe von  Romy Schneider und Alain Delon fasziniert viele bis heute. „Sie konnten nicht miteinander und nicht ohneeinander“, weiß Biograf Wydra über das prominente Schauspielerpaar. Er unternimmt Streifzüge durch ihren Lebenslauf, zeichnet ihre Wege in die Filmbranche nach. Sie, die immer weg von „Sissi“ wollte, er, der sie bis heute noch „meine Puppele“ nennt. Neben den gängigen biografischen Begebenheiten sind vor allem die Interviews interessant, die Wydra mit Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern führt. Dazu gehören die Schauspieler Senta Berger, Jane Birkin und Mario Adorf – ihre Erinnerungen sowie zahlreiche Bilder erwecken das Liebespaar Schneider und Delon zum Leben.

Thilo Wydra: „Eine Liebe in Paris – Romy & Alain“, Heyne, 368 Seiten, 12 Euro.

Spannend und ungewiss

Der Autor: Wolfgang Burger ist promovierter Ingenieur und seit 1995 auch als Autor tätig.

Das Buch: Der totale Horror – nach einer Nacht mit seiner Geliebten kann sich Kripochef Alexander Gerlach an fast nichts erinnern. Ja, sie waren noch essen gewesen, aber: Hatten sie im Hotel Sex? Keine Ahnung! Hat er sich danebenbenommen? Keine Ahnung. Seine Geliebte ist anscheinend abgereist, die Blutspritzer im Bad reinigt er fast mechanisch. Zu spät überlegt er, ob er mögliche Spuren  damit beseitigt hat. Auf dem Heimweg wird er fast überfahren – ein Mordanschlag? Gerlach beginnt zu recherchieren und stellt fest, dass es seine Freundin gar nicht gibt. Ein toller Thriller, der einen zusammen mit Gerlach lange im Ungewissen lässt und in einem überraschenden Countdown gipfelt.

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Wolfgang Burger: „Als die Nacht am tiefsten war“, Piper, 362 Seiten, 16 Euro.

Emanzipiert und historisch

Die Symphonie der Sterne von Ruth Kornberger

Die Symphonie der Sterne von Ruth Kornberger

Die Autorin: Der Bremerin Ruth Kornberger gelang mit ihrem Debüt „Frau Merian und die Wunder der Welt“ auf Anhieb der Einstieg in die Spiegel-Bestsellerliste.

Das Buch: Caroline Herschel hatte als Frau im 18.  Jahrhundert nicht viele berufliche Chancen. Immerhin war sie Sängerin und Violinistin, doch ihre Leidenschaft war die Astronomie. So arbeitete sie für ihren berühmten Bruder  Wilhelm Herschel, gemeinsam schauten und entdeckten sie Planeten und Sterne. Doch  lange Zeit war es Wilhelm, der allein Ruhm dafür bekam. Kornberger erzählt die Lebensgeschichte der Hannoveranerin Caroline Herschel sehr lebendig, besonderen Spaß machen natürlich die Passagen, in denen das historische Hannover vorkommt.

Ruth Kornberger: „Die Symphonie der Sterne“, C. Bertelmann, 480 Seiten, 22 Euro.

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Idyllisch und böse

Der Autor: Er kommt aus einer ganz anderen Branche – Chris Whitaker arbeitete zehn Jahr lang als Finanztrader. Der Brite gewann 2017 mit seinem Debütroman „Tall Oaks“ den renommierten New Blood Dagger Award und weitere Krimiauszeichnungen. Da in Deutschland aber 2021 „Von hier bis zum Anfang“ als erste Übersetzung erschien, hat sich der Verlag für den durchschaubaren, aber auch verwirrenden Titel „Was auf das Ende folgt“ entschieden.

Das Buch: Ein Idyll in Kalifornien – Tall Oaks scheint ein perfekter Ort zu sein. Bis eine Kindesentführung die Einwohner in eine fundamentale Krise stürzt. Ein maskierter Clown hat den dreijährigen Harry Monroe nachts aus dem Kinderzimmer geschleppt, die alleinerziehende Mutter musste die Szene über die Babykamera beobachten. Jess Monroe steht am Abgrund, der ganze Ort mit ihr, denn jeder verdächtigt jeden. Wie besessen stürzt sich der Polizist Jim in den Fall, verfolgt Spuren – und entwickelt mehr als nur einen Beschützerinstinkt für die traumatisierte Jess.

Chris Whitaker ist Experte für komplexe Gesellschaftsgemälde, die reine Krimihandlung reicht ihm nicht – er nimmt Leserinnen und Leser an die Hand, lässt sie hinter die Fassaden der Kleinstadt blicken, blättert Leben auf. Teenager Manny hat ein gutes Herz, trägt aber eine schräge Gangsterattitüde vor sich her. Jared ist neu in der Stadt, ein charmanter, aber ruheloser Womanizer. Der geistig etwas eingeschränkte Jerry jobbt im Fotoladen, träumt vom Durchbruch bei einem Fotowettbewerb – und kann sich nicht von seiner tyrannischen, sterbenskranken Mutter lösen. Die Auflösung der Krimihandlung zerreißt einem das Herz. Aber zum Glück führen einige der vielen Handlungsfäden auch zu einem guten Ende.

Chris Whitaker: „Was auf das Ende folgt“, Piper, 400 Seiten, 22 Euro.

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Raffiniert und sarkastisch

Der Autor: Mick Herron, Jahrgang 1963, studierte Englische Literatur in Oxford. Seine Jackson-Lamb-Serie hat das Genre der Spionagethriller revolutioniert, wurde vielfach ausgezeichnet. Seit April 2022 läuft die Serie „Slow Horses“ über die ausgemusterten MI5-Agenten beim Streamingdienst Apple+, mit einem brillanten Gary Oldman in der Hauptrolle. Die ersten Folgen der zweiten Staffel sind seit wenigen Tagen abrufbar.

Das Buch: Fans lieben die Charaktere, die bereits im fünften Band ermitteln. Neueinsteiger müssen sich auf das rasante Abenteuer einlassen und konzentriert bei der Sache bleiben. Agenten auf dem Abstellgleis: Jackson Lamb dirigiert mit sarkastischem Humor eine Horde hoffnungsloser Fälle, die zuvor Einsätze vergeigt haben – die lahmen Gäule werden normalerweise mit Routinearbeiten mürbe gemacht. Als eine Söldnertruppe in Derbyshire die Einwohner eines Dorfes massakriert, herrscht beim Geheimdienst Alarmstufe Rot. Doch ausgerechnet Jackson Lambs Losertruppe erkennt die Verbindung zu einer Bombe in einem Pinguingehege im Zoo, einem Anschlag auf die Bahn und einem Attentat auf einen populistischen Politiker. Warum? Weil jemand versucht hat, ausgerechnet Ober-Nerd Roderick Ho umzubringen. Die „Slow Horses“ lassen das nicht auf sich sitzen. Zumal MI5-Chefin Diana Taverner, genannt Lady Di,  nicht an ihre Theorie glaubt: Jemand will Unruhe stiften, in dem er die einstige Kolonialmacht England mit eigenen Waffen schlägt.

Mick Herron: „London Rules“, Diogenes, 486 Seiten, 18 Euro.

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