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Umstrittenes Kinderbuch

Carsten Maschmeyer im Interview: „Vielleicht hätten die Bullerbü-Kinder heute Freude am Gründen“

Investor und Jurymitglied Carsten Maschmeyer.

Herr Maschmeyer, Sie haben ein Kinderbuch über Unternehmensgründung geschrieben: „Die Start-up Gang“. Dieses Buch habe ich kritisch besprochen. Darüber waren Sie irritiert.

Herr Grimm, wir hätten ja auch direkt sprechen können, wenn ich gewusst hätte, dass Sie sich mit meinem Buch beschäftigen.

Aber man ruft als Kritiker doch nicht vorher beim Autoren an und fragt: „Finden Sie Ihr Buch gut oder nicht?“ Was missfiel Ihnen denn an der Kritik?

Mit Kritik kann ich leben, was mir bei Ihrer Kritik nicht gefallen hat war die Einseitigkeit. Ich glaube, dass eine Kritik glaubwürdiger ist, wenn sie auch ein paar Dinge erwähnt, die gut sind. Wenn man ein Fußballspiel zusammenfasst, das 2:3 ausgegangen ist, dann kann die Mannschaft, die unterlegen war, ja nicht alles falsch gemacht haben.

Sie versuchen in „Die Start-up Gang“, Zehnjährigen Begriffe wie „Rapid Prototyping“ oder „Seed Investment“ nahezubringen. Mein Ansatz als Familienvater wäre eher: Lasst die Kinder doch noch ein paar Jahre in Ruhe wachsen, reifen und lernen – der Zugriff der Wirtschaft kommt früh genug. Wie sehen Sie das?

Als Vater wollen Sie Ihre Kinder schützen, das ist auch gut so. Doch wachsen können Kinder auch, indem Sie sich mit Neuem beschäftigen – und warum nicht auch mit Start-ups und mit Wirtschaft. Zudem: Der „Zugriff der Wirtschaft“ – wenn wir das mal so nennen wollen – erfolgt heute meist für junge Menschen unvorbereitet! Weil sie in ihrer gesamten Schullaufbahn nie mit dem Thema Wirtschaft oder mit dem Gründen in Kontakt gekommen sind. Und das ist falsch. Denn Kinder sind mit zehn bis 15 Jahren am kreativsten, ideenreichsten und fantasievollsten.

Es ist doch so: Etwa 10 Prozent der Menschen in Deutschland sind selbstständig, freiberuflich oder unternehmerisch tätig – von der Ein-Person-AG bis zu größeren Unternehmen. Und ich bedauere, dass Unternehmertum, Gründergeist, und Selbständigkeit in der Schule kaum vermittelt wird.

Carsten Maschmeyer, Unternehmer

Sie schon in ihrer Jugend zu animieren, etwas Sinnvolles zu schaffen, ein Unternehmen aufzubauen, meinetwegen damit die Welt damit ein Stück besser zu machen, kann sehr sinnvoll sein. Es ist doch so: Etwa 10 Prozent der Menschen in Deutschland sind selbstständig, freiberuflich oder unternehmerisch tätig – von der Ein-Person-AG bis zu größeren Unternehmen. Und ich bedauere, dass dieses Thema – Unternehmertum, Gründergeist, Selbständigkeit – in der Schule kaum vermittelt wird und dass es – im Jahr 2022 – dazu keine Jugend- und Kinderbücher gab, anders als über Lokführer und Krankenschwestern.

Investor und „Die Höhle der Löwen“-Star Carsten Maschmeyer: „Deutschland braucht mehr mutige Gründerinnen und Gründer! Gerade junge Menschen sollen schon früh dafür begeistert werden, ein Unternehmen zu starten“.

Investor und „Die Höhle der Löwen“-Star Carsten Maschmeyer: „Deutschland braucht mehr mutige Gründerinnen und Gründer! Gerade junge Menschen sollen schon früh dafür begeistert werden, ein Unternehmen zu starten“.

Das Buch liest sich wie eine Anleitung zur Selbstausbeutung. Als sollte die „Start-up Gang“ am besten schon vor der Pubertät rund um die Uhr arbeiten und sich bei Müdigkeitsanfällen einfach feste ohrfeigen.

Klar, so kann man es natürlich dramatisieren. Selbstverständlich sollen Kinder eine gute Kindheit haben. Doch das ist leider auch in unserem Land nicht überall möglich. Wir haben ja sehr, sehr viele Familien in Deutschland mit schwierigen sozialen Verhältnissen: Bildungsprobleme schon bei den Eltern, Migrationshintergrund, Sprachprobleme. So ganz heile ist die Welt ja nicht. Und ich finde es gut, dass auch Kinder hören: Es gibt da eine Berufsgruppe, bei der geht es überhaupt nicht um die Frage, wer deine Mutter ist oder dein Vater oder was der Opa oder der Onkel machen, sondern um die Tiefe der Idee, um Willenskraft, um Mut und Durchhalten. Ich möchte einfach diese traditionellen Wunschberufe wie Feuerwehrmann, Polizist oder Modedesignerin um eine Berufsgruppe ergänzen: um Gründerinnen und Gründer, um Unternehmerinnen und Unternehmer.

Die zwölfjährige Nele in Ihrem Buch schläft irgendwann im Büro der „Start-up Gang“ in einer großen Fabrikhalle, weil sie so fertig ist, dass sie es nicht mehr nach Hause schafft. Ich zitiere: „Jeden Abend, wenn Nele sich völlig erschöpft nach Hause schleppte, fiel sie mit Klamotten ins Bett und schlief sofort ein. Falls sie nicht gleich auf einem der Sofas in der Fabrik übernachtete.“ Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – aber ich habe andere Vorstellungen von einer guten Kindheit.

Ja. Und ich versuche es gerne noch mal, auch wenn Sie nicht müde werden, mich als jemanden darzustellen, der die Kinder um ihre Kindheit bringen will, weil ich sie schon in jungen Jahren dazu befähigen möchte, sich damit zu befassen, ihre Träume zu leben. Und wenn dies Gründerin und Gründer ist, dann gehört es dazu, dieses Berufsbild auch realistisch darzustellen. Denn durch das Auslassen von Realitäten leben manche Kinder und Jugendliche in einer Traumwelt und denken: Später werde ich Erfinder, da muss ich nicht viel tun, da bekomme ich Geld von reichen Investorinnen oder Investoren, und dann verkaufe ich den Laden für ein paar Hundert Millionen – und fertig.

Schon wieder das Klischee der geschundenen Kindheit! Doch das ist es nicht, wenn man Kinder dabei unterstützt, realistisch ihre Träume ausprobieren oder gar leben zu können. Wir müssen Kinder doch auch auf das Leben vorbereiten, und das heißt auch: auf all die Möglichkeiten, die sie später mit ihrem Beruf einmal ergreifen können.

Carsten Maschmeyer, Unternehmer

Ich möchte darüber aufklären, dass Selbstständigkeit und unternehmerisches Handeln eben nicht um 17 Uhr enden. Anders als es bei Angestellten häufig der Fall ist: Mein Stiefvater arbeitete bei Blaupunkt in Hildesheim. Und wenn die Bahnschranke auf dem Heimweg zu war, kam er um 16.46 Uhr nach Hause. Wenn sie offen war, kam er schon um 16.44 Uhr. In der Selbstständigkeit ist das ganz anders. Oder nehmen wir die Berufsgruppe der Unternehmensberaterinnen und Unternehmensberater mit einem großen Transformationsprojekt oder Anwälte mit einer großen Transaktion für eine Firma - die können im Grunde Bilder zu Hause aufstellen: So sieht Papa oder Mama aus. Denn dann kommen sie für die Dauer des Projektes meist sehr spät nach Hause – sofern nicht Homeoffice angesagt ist. Und deshalb wollte ich realitätsnah erklären, dass Unternehmersein zwischendurch ein Rund-um-die-Uhr-Job ist.

Aber Sie feiern das als erstrebenswertes Modell schon in dieser Altersgruppe. Wie wäre es, wenn man Kindern Zeit ließe, erst mal spielerisch und frei Persönlichkeit, Herz und Seele zu entwickeln, bevor sie sich über Excel-Tabellen beugen?

Schon wieder das Klischee der geschundenen Kindheit! Doch das ist es nicht, wenn man Kinder – bei meinem Buch „Die Start-up Gang“ sind es ja Teenager – dabei unterstützt, realistisch ihre Träume ausprobieren oder gar leben zu können. Aber wir müssen Kinder doch auch auf das Leben vorbereiten, und das heißt auch: auf all die Möglichkeiten, die sie später mit ihrem Beruf einmal ergreifen können. Warum werden denn Kindern immer noch vorrangig klassische Jobs mit Festanstellung, Festgehalt und fester Arbeitszeit vermittelt?

Mit meinem Buch will ich diese andere Welt der Möglichkeiten neben die alte stellen und diese Lebens- und Arbeitsmodelle auch jungen Menschen dadurch zugänglicher machen. Ja, vielleicht hätte ich eine Art „Weichmacher“ ins Buch einbauen können, der erklärt, dass Gründerin und Gründer nur eine Art von Beruf ist und dass es auch andere gibt. Ich schreibe in meinem Buch „Die Millionärsformel“ auch ganz klar, dass ich es toll finde, dass es Professorinnen und Professoren gibt, die in der Forschung und in den Wissenschaften aufgehen. Ich lobe gute, loyale Beamte, die für Sicherheit sorgen, für das Rechtssystem, für Fairness bei Behördenvorgängen. Aber diese andere Berufsgruppe, die der Gründerinnen und Gründer, wird bis heute fast in allen Jugendbüchern verschwiegen.

Die Schauspielerin Veronica Ferres und der Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer kommen zum Rosenball, der Charity-Gala für die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe.

Die Schauspielerin Veronica Ferres und der Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer kommen zum Rosenball, der Charity-Gala für die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe.

Ich verstehe ja Ihr Missbehagen. Sie sehen nicht ein, warum die nächste große Killeridee nicht aus Deutschland kommen sollte. Sie wollen eine Kultur des Ausprobierens fördern. Aber ich schrieb in meiner Kritik: „Wer Kinder als biegsame Rohmasse für die Wirtschaft und quasi 1,50 Meter große Erwachsene mit Geldvermehrungsdrang missversteht, hat lange kein normales Kind gesprochen. Kindheiten funktionieren nicht nach den Mechanismen der Prozessoptimierung, und das ist auch gut so.“ Bei Ihnen setzen Zwölfjährige Verträge auf. Wie realistisch ist das?

Das Buch ist ja auch ein bisschen Fiktion. Aber wir haben in unserer Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“ auch immer mal wieder sehr junge Gründerinnen und Gründer. Natürlich müssen da Eltern oder erwachsene Geschwister die Verträge unterschreiben. Doch die Kinder wissen sehr genau, was sie wollen. Das ist nicht die Regel, aber es kommt vor. Wir haben uns beim Schreiben auch gefragt: Sollen wir wirklich angelsächsische Fachbegriffe verwenden oder nicht? Wir wollten aber nahe an der Realität sein. Und auch in deutschen Start-ups werden zahlreiche dieser Begriffe verwendet.

Jede zweite Gruppe von Jugendlichen, die mir in der Kölner Fußgängerzone abends nach den Drehtagen auf dem Weg zum Fitnesscenter entgegenkommt, spricht eine Sprache, die ich nicht beherrsche.

Carsten Maschmeyer, Unternehmer

Was mich wirklich bewegt: Wir haben in Deutschland eine schwierige Kultur im Umgang mit Scheitern. Wir haben die Einstellung: Wenn ein Start-up scheitert, waren die Gründerinnen und Gründer dumm oder faul. Und das greift viel zu kurz. Ich glaube, wenn man im Fach Geschichte durchfällt, dann ist man tatsächlich dumm oder faul gewesen. Dann hat man eben nicht gelernt, wie lang Napoleon auf Elba war oder etwas anderes, was gerade gefordert ist. Auch ich hatte als Schüler oft Ausreden, wenn meine Noten nicht gut waren: Von meinem Platz konnte man die Tafel nicht gut sehen, die Sonne hat geblendet. Dann hat meine Mutter mit mir geschimpft, weil sie die Ausreden als das erkannte, was sie waren – Ausreden. Irgendwann habe ich kapiert: Wenn ich drei Stunden für einen englischen Vokabeltest gelernt habe, kam eine andere Note dabei heraus, als wenn ich zehn Stunden gelernt habe – oder gar nicht. Darum geht es mir.

Es geht um Durchbeißen, um harte Arbeit in dem Buch. Vielleicht bin ich ja ein altmodischer Bullerbü-Papa. Aber müssen Kinder nicht erst mal verstehen, wie eine Gesellschaft funktioniert, in der die Starken zum Beispiel die Schwachen stützen?

Wer weiß, vielleicht hätten die Bullerbü-Kinder Lisa, Lasse und Bosse heute auch Freude am Gründen. Doch ich will Ihrer Kritik gar nicht ausweichen, zumal Sie meine Absicht falsch interpretieren. Denn in dem Buch geht es nicht nur um Arbeit, es geht schon auch um wichtige Botschaften über das Leben, zum Beispiel zum Thema Diversität: 50 Prozent der Kinder in deutschen Grundschulen haben heute einen Migrationshintergrund. Das kann bereichernd sein, es macht unser Leben schon in den Schulklassen bunter.

Was ich gerne vermitteln will: Grade bei Gründungen, in Unternehmen ist ein diverses, komplementäres, sich ergänzendes Team sehr wichtig. Wenn wir Präsentationen sehen, dann erleben wir viel zu oft, dass da drei Studenten kommen, die alle den gleichen Programmier- oder Marketingprofessor haben, alle die gleichen Stärken und oftmals auch die gleichen Schwächen haben und die jetzt etwas gründen wollen. Das ist verkehrt. Wir brauchen Teams, die variantenreicher und vielfältiger hinsichtlich der Lösungen sind. Und dann geht es um Mut, Willenskraft und wahnsinnig viel Fleiß. Und wenn das einige Kinder abschreckt, die lieber „Bravo“ lesen oder ins Kino gehen, dann ist das so. Aber ich bin überzeugt, dass einige schon jetzt großes Interesse am Gründen haben und froh sind, endlich ein paar praxisnahe Tipps zu bekommen.

Stichwort Diversität: Die Helden Ihrer „Start-up Gang“ sind ein Pferdemädchen aus reichem Elternhaus, ein Kicker mit Migrationshintergrund, dessen Papa eine Dönerbude besitzt, ein zockender Sprücheklopfer und ein syrisches Flüchtlingsmädchen – mehr Klischee ging nicht?

Ich weiß nicht, wo in Hannover Sie wohnen, aber dies ist in vielen deutschen Großstädten Realität. Auch die Zahl jugendlicher Flüchtlinge. Natürlich wäre es heute realitätsnäher, eher ein ukrainisches Flüchtlingskind als eine der Hauptfiguren des Buches zu wählen.

Aber das ist doch Zeitgeistausbeutung! Hat da nicht irgendwann das Vorurteils-Alarmglöckchen gebimmelt?

Einspruch! Ich stelle dar, wie wir wirklich leben. Und da ich immer noch mit offenen Augen durch die Straßen gehe, weiß ich, was ist. Ich sage offen: Jede zweite Gruppe von Jugendlichen, die mir in der Kölner Fußgängerzone abends nach den Drehtagen auf dem Weg zum Fitnesscenter entgegenkommt, spricht eine Sprache, die ich nicht beherrsche.

Auch das Betreiben einer Dönerbude ist selbstständiges Arbeiten. Da geht es um Waren und Beschaffung, um Einnahmen und Ausgaben.

Carsten Maschmeyer, Unternehmer

Aber musste der türkischstämmige Fußballer dann auch noch einen Dönerbudenpapa haben?

Hätte ich ein Kind genommen von einem türkischen Ingenieur, hätte ich wahrscheinlich gehört: Das ist ja nun völlig unrealistisch! Und was ist schlimm an einem „Dönerbudenpapa“, so wie Sie ihn nennen? Auch das Betreiben einer Dönerbude ist selbstständiges Arbeiten. Da geht es um Waren und Beschaffung, um Einnahmen und Ausgaben. Und die meisten Dönerbuden werden nun mal von türkischstämmigen Mitbürgern betrieben. Deswegen schmeckt das auch so gut, weil die eben nicht vorher jahrelang Grünkohl gekocht haben.

Das Lieblingsbuch der Figur Carl im Buch ist „Die Millionärsformel“ von Carsten Maschmeyer. Das kann ja nur Zufall sein!?

Nein, das ist natürlich kein Zufall. Carl hat sehr viele Anleihen an meinen eigenen Lebensweg. Ich habe ja – wie die Figur Carl im Buch – selber nie meinen leiblichen Vater kennengelernt. Ich habe die ersten Lebensjahre in einem Mutter-Kind-Heim verbracht. Und ich wollte raus aus der Armut und der Unterschicht. In Gesprächen mit dem Lektor kam dann die Frage auf: Warum soll der Carl nicht ein bisschen sein wie ich? In ihm lebt auch diese Rolle, die ich bei erfolgreichen Start-ups in aller Welt immer wieder beobachte: Einer aus dem Team muss der Lautsprecher sein. Derjenige, der kommunizieren kann, der keine Angst vor Ablehnung hat. Wenn sich drei introvertierte Nerds zusammentun, die bis spät in die Nacht programmieren, werden die logischerweise keine Kunden gewinnen.

Ihre Figur Carl sagt im Buch: „Wir verkaufen nicht nur eine Gaming-Maus, sondern ein Werkzeug für Erfolg. Stellt euch vor, wie ihr mit dieser Maus das nächste Twitch-Rivals gewinnt und als E-Sports-Star reich werdet. Mit dieser Maus wird Luck zur Regel, und das nennt man dann Skill.“ So haben Sie doch mit dreizehn Jahren nicht gesprochen, Herr Maschmeyer?

Natürlich nicht. Ich wäre ja auch im Jahr 1972 dreizehn Jahre alt gewesen, da gab es das alles noch nicht. Und mein Englisch war damals auch nicht so dolle. In meiner Jugend gab es selbst den Begriff Start-up noch nicht, zumindest nicht in Deutschland. Die Frage, wie junge Leute reden, war natürlich wichtig. Ich habe das Rohmanuskript des Buches im letzten Sommer den Kindern meines Stiefbruders vorgelesen, die sind zehn und zwölf Jahre alt. Und die sagten an manchen Stellen: Carsten, so sprecht ihr alten Leute! Also haben wir viel mit Kindern diskutiert. Wir wollten nicht, dass die Kinder in Erwachsenensprache kommunizieren, das wäre richtig unrealistisch.

Und das Flüchtlingsmädchen benutzt am liebsten ein Chromebook von Google – aus dem Haus Ihres Coautors und Google-Managers Axel Täubert. Wo ist der Unterschied zu Schleichwerbung?

Meinetwegen hätte sie auch ein anderes Gerät nutzen können – so lange es digital ist. Was ich gelernt habe: Es muss immer konkret sein. Ich habe einmal einen deutlichen Misserfolg gehabt mit einer Gründersendung auf Sat.1. Das Hauptproblem an der Show war, dass die Zuschauer am Anfang nicht sehen konnten, um welche Produkte es geht. Das war zu unkonkret. Deswegen ist die „Höhle der Löwen“ auch so erfolgreich: Alle Produkte sind echt, bestellbar und kaufbar.

„Der Mix macht's“: Die Investoren der Vox-Show „Die Höhle der Löwen“ – (hinten v. l.) Carsten Maschmeyer, Nils Glagau, Ralf Dümmel, (vorne) Georg Kofler, Judith Williams, Dagmar Wöhrl und Nico Rosberg.

„Der Mix macht's“: Die Investoren der Vox-Show „Die Höhle der Löwen“ – (hinten v. l.) Carsten Maschmeyer, Nils Glagau, Ralf Dümmel, (vorne) Georg Kofler, Judith Williams, Dagmar Wöhrl und Nico Rosberg.

Würden Sie diese Sat.1-Gründersendung mit einem anderen Konzept noch einmal neu auflegen?

Nein, alle „Löwen“, die eine Einzelsendung probiert haben, hatten damit keinen Erfolg. Wir funktionieren am besten als Gruppe. Auch da sind wir ja divers: Judith Williams ist unsere Beauty- und Teleshoppingqueen, Ralf Dümmel ist „Herr Regal“, Nils Glagau bringt alles in die Apotheken und Arztpraxen, ich bin eher App- und Tech-affin. Der Mix macht‘s. Die Zuschauer wollen den Wettbewerb um eine starke Idee auch zwischen den Investoren. Das entspricht auch genau der Realität: Wirklich heiß umkämpfte, globale Start-ups können sich ihre Investoren aussuchen.

Ich verstehe: Sie wollen, dass Gründen zum Schulhofthema wird. Aber diese ganze Gründerkultur wirkt doch, wenn man dem Start-up-Mindset nicht anhängt, eher befremdlich. Manchmal habe ich das Gefühl, viele Tech- und Finanzjungs sehnen sich nach ein bisschen Punk. Sie möchten so gern als coole Popstars gesehen werden. Dahinter steht ja oft der Versuch, Geldvermehrung als eine Art Rock‘n‘Roll für FDP-Wähler zu inszenieren, als wirtschaftlichen Weiheakt für Mover und Shaker. Ist das nicht ein Stück weit Selbstüberhöhung?

Die meisten Gründerinnen und Gründer haben zwar die Hoffnung, dass sie erfolgreich und wohlhabend werden. Aber das Motiv ist ganz oft ein anderes: Sie wollen wirklich irgendetwas besser machen. Es geht immer mehr auch um nachhaltige Geschäftsideen, um weniger Abfall, weniger Plastik, um reineres Wasser, um saubere Luft. Nehmen wir als Beispiel den reichsten Menschen der Welt: Elon Musk. Der ist für die meisten Jugendlichen so etwas wie ein Popstar.

Ein gutes Beispiel. Musk ist quasi der Prototyp des Techmilliardärs mit Gotteskomplex.

Wenn Sie das so sehen, auch ich habe Elon Musks anfangs sehr kritisch beurteilt. Denn er hat jahrelang nur Verluste gemacht, aber er wollte, dass wir Elektroautos fahren und keine fossilen Brennstoffe mehr benötigen, die Luft verschmutzen und die Polschmelze vorantreiben. Das war seine Vision. Und die hat er erfolgreich umgesetzt.

Aber ist das nicht die übliche Marketing-Floskelei aus dem Silicon Valley? Die Superstars des Business inszenieren sich doch alle mit quasireligiöser Inbrunst als Philanthrop, Wohltäter und Menschheitspionier. Google will nicht einfach Datenbanken bauen, sondern „demokratisiert das Weltwissen“. Tesla baut nicht bloß Elektroautos, sondern „revolutioniert Mobilität“. Airbnb vermittelt nicht bloß Übernachtungen, sondern „baut Vorurteile zwischen Fremden ab“. Am Ende geht‘s aber nicht um die Rettung der Menschheit, sondern um Umsatz und Profit.

Klar geht es auch um Profit, doch im Kern geht es um mehr: Wir können nicht mehr auf die gleiche Weise konsumieren und produzieren wie in der Vergangenheit. Das ist den meisten Menschen bewusst, und das ist gut so. Die Mehrheit der Gründerinnen und Gründer will etwas verändern in der Welt. Sie wollen nachhaltigere, gesündere, einfachere, zugänglichere Produkte und Dienstleistungen für viele Menschen. Und wenn das klappt, werden sie im Endeffekt auch noch reich.

Aber es gibt doch auch die anderen, Herr Maschmeyer. Es gibt doch auch die Finanzmenschen, die die Geldvermehrung als Selbstzweck betreiben und diese Tätigkeit massiv überhöhen, die das Geld um des Geldes willen feiern.

Es geht um Geld, aber aus welchen Gründen? Nehmen wir noch einmal die fiktive Figur Carl und den echten Carsten. Im Nachwort heißt es: „Deswegen habe ich mich mit allem, was mir die Möglichkeit eröffnete, dieser Armut zu entkommen, angestrengt.“ Also, bei Carl und auch bei mir war immer ganz klar: Wir wollen mehr Geld haben. Die meisten Jungs in der Schule damals wollten Pilot oder Arzt werden. Und wenn man dann gefragt hat, warum, kam als Antwort: Sie wollen gut verdienen, einen Porsche fahren und einen Swimmingpool haben. Das war so. Nicht jeder hat sich diesen Traum erfüllen können und ich habe großen Respekt vor allen, bei denen es nicht so ist. Aber wenn sich viele Menschen ehrlich machen, müssen sie doch eingestehen: Es geht auch um Geld.

Das ist das Ziel.

Für einige Gründer und Unternehmer geht es ausschließlich ums Geld. Aber eben nicht für alle. Ich bin befreundet mit mehreren Fußballern, die heute in großen europäischen Vereinen spielen. Die hatten zu Beginn ihrer Karriere einfach Spaß am Spiel, wollten erfolgreich werden, waren dann irgendwann sehr, sehr gut in dem, was sie tun. Das Geldverdienen kam erst später – quasi als Folge der Leidenschaft.

Der Mehmet im Buch wird am Ende kein Fußballprofi, sondern betreibt Fußball als Hobby, um „für seinen Job fit zu bleiben“. Das heißt: Das gesamte Leben ordnet sich dem Job und der Schaffenskraft unter. Ist das erstrebenswert?

Erstrebenswert ist es, das Leben im Einklang mit den verschiedenen Elementen zu leben, und dazu zählt auch die Gesundheit und der Sport. Da bin ich ein absoluter Überzeugungstäter. Ich habe vor einem guten halben Jahr das Buch „Die sechs Elemente des Erfolges“ geschrieben. Und eines dieser Elemente ist eben Gesundheit. Und zur Gesundheit gehört: kein Junkfood, genügend Schlaf und Sport als Ausgleich. Einige Gründer in der Szene sind so besessen, dass sie sich nicht um die Partnerschaft und eine gesunde Lebensweise kümmern. Das bemängele ich.

Das Buch an sich ist aber ein Plädoyer für 24/7-Arbeiten.

Das Buch ist ein Plädoyer für Diversität, dafür, seinen Traum zu leben, sich von Rückschlägen nicht unterkriegen zu lassen – und auch für die Gründerkultur. Was Mehmet angeht, so glaube ich: Es wird deutlich genug, dass der Mehmet auch Spaß hat am Kicken hat. Ich habe jedenfalls Spaß am Sport. Aber ich weiß auch, weil ich eitel bin: Es tut der Figur gut.

Ich würde gern noch einmal über das Verkaufen sprechen. Sie sagen selbst: „Neben einem guten Produkt ist wichtig, ob die Gründer von der ersten Sekunde an Spannung und Neugierde erwecken können.“ Sie wünschen sich im Nachwort, dass schon Grundschüler Präsentieren und Selbstdarstellung lernen. Das heißt: Der Großsprecher hat bessere Chancen als das kluge, aber stille Genie. Gibt‘s nicht schon genug Angeber auf der Welt?

Ich hoffe nicht, dass sich die Fähigkeit zu Präsentieren und das Darstellen von Vorzügen dauerhaft in Deutschland als Angebertum gesehen wird. Denn das ist es nicht, beides zählt heutzutage zu den absoluten Essentials und wird weltweit in Schulen vermittelt – leider nicht in Deutschland. Aber es gibt auch Menschen, die haben eine andere Lebensplanung: Ich nehme mal ein Beispiel aus Schule. Wir hatten ein Mädchen, das hatte im Abitur die Durchschnittsnote 0,75, in allen Fächern 15 Punkte, nur in Sport hatte sie eine schlechtere Note. Wir haben alle gedacht, die wird Chefärztin oder eine Toppsychologin. Viele Jahre später habe ich jemanden getroffen, der mich von dieser Mitschülerin grüßen ließ, und der sagte: Sie arbeitet jetzt in einer Bibliothek. Dieses Mädchen hatte die besten Noten in der ganzen Schule.

Das klingt wie ein Vorwurf. Vielleicht ist sie ja glücklich in der Bibliothek?

Das kann sein, das wäre ja auch in Ordnung. Ich jedenfalls wäre nicht glücklich geworden. Das Beispiel zeigt, dass Kommunikation ein ganz wichtiger Aspekt für Erfolg ist.

Aber ist nicht auch Glück eine denkbare Variante des Erfolgs?

Natürlich. Aber mir geht es um etwas Anderes: Ich finde, dass auch Programmieren und Kommunizieren in der Schule gelehrt werden muss. Wir müssen uns klarmachen: Wir befinden uns nicht mehr im Industrie- oder Agrarzeitalter, wir sind eine Kommunikationsgesellschaft.

Sie sehen ihr eigenes Leben als Blaupause für Erfolg. Aber Ihr Begriff des Erfolgs scheint mir ein recht enger. Noch mal: Vielleicht ist diese Bibliothekarin der glücklichste Mensch der Welt?

Das wäre doch toll. Ich schreibe in meinem ersten Buch „Selfmade“ ja auch im Vorwort, dass Erfolg die Erreichung eines Zieles ist. Und ein Ziel kann auch sein, glückliche Hausfrau zu sein, drei Kinder auf einen guten Weg zu bringen, Spaß zu haben und Erfüllung und Freude im Garten oder mit einem anderen Hobby zu finden. Ein anderer hat Spaß am Forschen. Sie haben Spaß daran, zu kommunizieren und zu schreiben. Erfolg ist natürlich nicht immer das materielle Ziel. Das wäre für mich zu verkürzt. Aber für Carl ist eben das Materielle wichtig. Für mich persönlich war es das damals auch. Heute bin ich in einer Phase, in der ich gerne zurückgebe und soziale Projekte unterstütze. Auch mit diesem Buch: Sämtliche Erlöse spenden wir für die UNO-Flüchtlingssoforthilfe.

Daran ist natürlich nichts auszusetzen. Aber ist das nicht auch die Gelassenheit des Siegers? Es gibt Menschen, bei denen ich mich frage: Wie glaubwürdig ist ein Milliardär, der Selbstlosigkeit predigt? Großinvestor Peter Thiel empfiehlt Jungunternehmern gezielt, eine „kultische Aura“ zu entwickeln – Start-up quasi als Sekte zur Optimierung des Planeten.

Peter Thiel ist, wie wir alle wissen, sehr polarisierend, auch mit seinen politischen Ansichten. Ich habe für mich entdeckt: Wer einmal Unternehmer ist, ist immer Unternehmer. Und ein Gründer braucht drei Dinge: Kapital oder Kapitalisten, ein Netzwerk und dann, wenn das Produkt fertig ist, Hilfe im Vertrieb und Marketing. Bei allen drei Themen kann ich helfen. Daran habe ich große Freude. Aber selbstverständlich hatte ich auch Misserfolge. In manches Start-up haben wir Millionen investiert, und das Geld ist komplett weg. Andere sind heute Unicorns, bei denen wir uns über eine Milliardenbewertung freuen, weil sich die Umsätze und die Bewertungen vervielfacht haben.

„Das ist Realität. So ist die Welt“: Carsten Maschmeyer in der Vox-Show „Die Höhle der Löwen“.

„Das ist Realität. So ist die Welt“: Carsten Maschmeyer in der Vox-Show „Die Höhle der Löwen“.

Ihre Figur Nele träumt im Buch davon, auch einmal durch den Gittertunnel in die „Höhle der Löwen“ zu treten, die Arena Ihrer Vox-Sendung, die im Original noch etwas ehrlicher „Shark Tank“ heißt. Denken Sie wirklich, dass Kinder Unternehmer eines Tages so cool finden werden wie Fußballer und Popstars?

Das sollen sie für sich selbst entscheiden. Aber dafür müssen sie mit dieser Welt überhaupt mal in Berührung kommen. Die jüngeren Zuschauer der „Höhle der Löwen“ finden das anscheinend cool. Sonst würden sie nicht betteln, dass sie montagabends etwas länger aufbleiben dürfen, um die Sendung gucken zu können.

Aber ist das Konzept nicht auch ein bisschen zynisch? Sehr reiche Menschen hauen Leuten, die nicht immer eine brillante Idee haben, ihre Businesspläne um die Ohren.

Nein, das ist Realität. So ist die Welt. Wenn wir einem Gründungsteam relativ hart absagen müssen, schreiben die Zuschauer auf Social Media auch: Denen hätte ich auch kein Geld gegeben bei diesem Rumgeeiere.

Also geht es auch um Schadenfreude.

Das nicht. Aber harte Absagen kommen schon mal vor. Ich habe einmal den Gründerinnen und Gründern ganz klar gesagt: „Es ist schade, dass ihr hier seid. Es bewerben sich pro Staffel mehr als tausend Teams. 80 werden genommen und 70 werden dann ausgestrahlt. Ihr habt euch dermaßen schlampig vorbereitet – das ist eine klare sechs minus. Ihr klaut anderen die Chance.“ Ein Pitch dauert im Schnitt eine Stunde, der Rekord liegt bei zwei Stunden und zwölf Minuten. Das wird dann wie eine Sportsendung zusammengeschnitten. Und natürlich wirkt das in der Show dann kompakter und mitunter auch strenger.

Aber sind Sie nicht auch manchmal genervt, wenn schon wieder einer aus Berlin-Friedrichshain ankommt mit veganen Wirsingchips?

Wenn die Chips auf ihre besondere Weise nachhaltiger und gesünder sind und weniger Kalorien haben – herzlich gerne, her damit! Ich frage immer: Was ist das Besondere an einer Idee? Ich bin nicht so sehr der Food Investor bei uns. Das sind für mich dann eher die Pitches, bei denen ich Adrenalin und Energie sparen kann, um mich dann bei den Techorientierten voll zu engagieren.

„Ich musste sehr schmerzhaft lernen, dass ich in einer tieferen Krise steckte“: Carsten Maschmeyer, Investor der Vox-Show „Die Höhle der Löwen“.

„Ich musste sehr schmerzhaft lernen, dass ich in einer tieferen Krise steckte“: Carsten Maschmeyer, Investor der Vox-Show „Die Höhle der Löwen“.

Als Autor mehrerer Bücher über Erfolg: Glauben Sie, dass die Welt grundsätzlich besser wäre, wenn mehr Menschen nach Ihren Prinzipien leben würden?

Jeder kann bei uns glücklicherweise selbst bestimmen, wie er oder sie leben will. Worum es mir geht, ist Erfolgsfaktoren zu beschreiben, die in bestimmten Lebensphasen und Situationen helfen können. Die „Millionärsformel“ war bisher, was Auflage und Umsatz angeht, am erfolgreichsten. Am glücklichsten bin ich persönlich aber mit den „Sechs Elementen des Erfolges“. Ich hätte vor 20 Jahren nicht über sechs Elemente schreiben können. Ich wäre damals völlig unglaubwürdig gewesen, wenn ich Ratschläge zu Gesundheit, Ausgleich, Familie oder Freundschaften gegeben hätte. In diesen Bereichen habe ich alles falsch gemacht. Deswegen hatte ich ja auch 2003 einen Burn-out, der in der Nebenwirkung Schlaflosigkeit mit sich brachte und falsch behandelt wurde. Ich dachte, ich muss einfach Tabletten schlucken, dann geht‘s weiter. Ich musste sehr schmerzhaft lernen, dass ich in einer tieferen Krise steckte.

Ich wäre früher völlig unglaubwürdig gewesen, wenn ich Ratschläge zu Gesundheit, Ausgleich, Familie oder Freundschaften gegeben hätte. In diesen Bereichen habe ich alles falsch gemacht.

Carsten Maschmeyer, Unternehmer

Sie litten seelische Not?

Ja. Die Gründe liegen wohl in einer sehr traurigen Kindheit. Mein Stiefvater war brutal und mochte mich nicht – ich vermute, weil ich nicht sein leibliches Kind war. Er wollte mich einfach nicht. Und ich haben dann später, vielleicht auch, um dies zu kompensieren, viel zu viel gearbeitet, zu wenig Freundschaften gepflegt, mich nicht genug mich um die Familie gekümmert. Das bereue ich. Das habe ich sträflich vernachlässigt. Erst jetzt, mit Anfang 60, bin ich in der Lage, diese Zeit selbstkritisch zu reflektieren. Und auf diese Offenheit habe ich eine enorme Resonanz erlebt. Viele Menschen schreiben mir, dass ihnen dieses „Outing“ hilft. Und beim Schreiben habe ich bemerkt, dass die wichtigsten und größten Änderungen in meinem Leben nach unmittelbaren Niederlagen kamen. Eine der größten Niederlagen war eben, dass aus meiner Arbeitssucht eine Tablettensucht wurde.

Das heißt, Sie waren ein Workaholic?

Ja.

Sind Sie in die Arbeit geflüchtet, um Bestätigung zu erhalten?

Ja. Es gab viele Gründe, die diese Entwicklung verstärkt haben. Einer war wohl, dass meine Mutter mir niemals gesagt hat, dass sie mich liebt. Sie hat immer nur gesagt: Die Klassenarbeit hast du gut geschrieben. Ich musste funktionieren. Und ich hätte mir nie verziehen, wenn ich beruflich und geschäftlich später Misserfolg gehabt hätte aufgrund der eigenen Erkenntnis: Wärst du fleißiger gewesen und hättest du an den Abenden und am Wochenende länger gearbeitet, dann hätte es vielleicht doch geklappt. Mangelnden Fleiß als Ursache für Misserfolg hätte ich mir bei dieser Historie nicht verziehen. Man kann natürlich Pech haben, dass jemand dein Geschäftsmodell kopiert oder Gesetze sich verändern. Aber eigene Versäumnisse wollte ich auf jeden Fall ausschließen.

Ich selbst wollte Fehler und Schwächen immer wegdiskutieren. Ich habe es viele Jahre mit der Arbeit massiv übertrieben. Wir haben jahrelang nach außen unter dem Deckel gehalten, dass ich an Depressionen litt und von Tabletten abhängig war.

Carsten Maschmeyer, Unternehmer

Ist es Ihnen deshalb so schwergefallen, Schwäche einzugestehen?

Ja, natürlich. Ich selbst wollte Fehler und Schwächen immer wegdiskutieren. Ich habe es viele Jahre mit der Arbeit massiv übertrieben. Wir haben jahrelang nach außen unter dem Deckel gehalten, dass ich an Depressionen litt und von Tabletten abhängig war.

„Die Leute sehen immer nur den Maschmeyer mit dicker Kohle und toller Frau“: Carsten Maschmeyer und seine Frau Veronica Ferres feierten am 22. Februar 2022 die Hochzeit seines Sohnes Marcel Maschmeyer und dessen Frau Marie auf den Malediven.

„Die Leute sehen immer nur den Maschmeyer mit dicker Kohle und toller Frau“: Carsten Maschmeyer und seine Frau Veronica Ferres feierten am 22. Februar 2022 die Hochzeit seines Sohnes Marcel Maschmeyer und dessen Frau Marie auf den Malediven.

Haben Sie das Outing mit Ihrer Familie abgesprochen?

Ja. Wir haben das ungefähr vor einem Jahr intensiv mit der Familie besprochen. Und vor allem die Kinder sagten: Papa, das hat doch dein Leben verändert! Du kümmerst dich jetzt um uns, du hast Zeit, du fährst in Urlaub, du bist sonntags nicht bei Social Media und schreibst keine Mails. Dann beschreib doch, wie du dazu gekommen bist. Die Leute sehen immer nur den Maschmeyer mit dicker Kohle und toller Frau – was nützt ihnen das? Wenn die aber wissen, dass du auch mal richtig im Mist gesessen hast und dabei warst, dich zu ruinieren oder sogar fast zu sterben – dann werden vielleicht viel mehr Menschen erkennen: Der Mann ist ehrlich. Der saß auch schon richtig in der Scheiße. Deshalb habe ich diese Krise öffentlich gemacht.

Und dann saß ich da überdreht und überarbeitet nachts und konnte nicht schlafen und hab die Pillen eingeworfen. Das war die wahrscheinlich größte Niederlage meines Lebens.

Carsten Maschmeyer, Unternehmer

Die Krise war lebensgefährlich?

Ja. Das Traurige und Gefährliche an Benzodiazepinen ist ja, dass man sich daran gewöhnt. Ich dachte, ich bin toll, wenn ich immer nur eine halbe Tablette nehme. Aber irgendwann braucht man eine ganze, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Und dann zwei. Und so weiter. Es ist ein Teufelskreis. Eigentlich sollten die Dinger nicht Schlaftabletten heißen, denn man schläft nicht. Das ist eine Art Narkotikum. Das war eine ganz, ganz traurige Zeit. Es kam natürlich privat noch die Trennung von meiner ersten Ehefrau dazu. Und dann saß ich da überdreht und überarbeitet nachts und konnte nicht schlafen und hab die Pillen eingeworfen. Das war die wahrscheinlich größte Niederlage meines Lebens.

Angesichts dieser Erfahrung fragt man sich, ob nicht eine kleine Warnung in Ihr Kinderbuch gehört hätte: Passt auf, dass ihr Maß haltet, dass ihr nicht übertreibt! Und schlaft niemals im Büro, wenn ihr zwölf seid.

Seien Sie doch mal gespannt, wie es in Band zwei weitergeht. Der Verlag wünscht sich eine Fortsetzung. Das sehen wir als großes Kompliment. Ich habe mit Kritik gerechnet. Und konstruktive Kritik führt immer dazu, dass man etwas anders und noch besser machen kann.

Herr Maschmeyer, vielen Dank für dieses Gespräch.

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