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Antisemitismus auf der Documenta

Die Grenzen der Kunstfreiheit

Am Montagabend wurde das Gemälde „People's Justice“ des Künstlerkollektivs Taring Padi verhüllt – nun soll es abgebaut werden.

Am Ende ging alles sehr schnell. Am Montag sind auf dem großflächigen Bild „People‘s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi, das auf der gerade erst eröffneten Kunstausstellung Documenta in Kassel gezeigt wurde, Figuren entdeckt worden, die für Kulturstaatsministerin Claudia Roth „eindeutig antisemitische Bildelemente“ sind. Unter anderem war ein Soldat mit Schweinsgesicht zu sehen, der ein Halstuch mit einem Davidstern und einen Helm mit der Aufschrift „Mossad“ – dem Namen des israelischen Auslandsgeheimdienstes – trägt. Und ein Mann mit einer Schläfenlocke und einem schwarzen Hut, auf dem SS-Runen abgebildet sind. Forderungen nicht nur von Roth wurden laut, das Bild nicht nur zu verhüllen, sondern ganz abzubauen. Am späten Nachmittag wurde bekannt: „People‘s Justice“ soll noch am Dienstagabend von der Documenta entfernt werden.

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Stunden vor der Entscheidung – das Kunstwerk war noch verhüllt – stehen Austauschstudierende aus Israel auf dem Friedrichsplatz in Kassel und schauen auf die schwarze Fläche. Darunter das Gemälde, das zu einer neuen Debatte über die Grenzen der Kunstfreiheit führt.

Die Besucherinnen und Besucher diskutieren, ob die Entscheidung richtig sei, das Werk zu verhüllen. Für Jonathan Ben Hur ist ist es eine klassische Lose-Lose-Situation. Das Bild „People‘s Justice“ greife ein ganzes Land, ganz Israel, an und alle Jüdinnen und Juden. Hätte man das Bild weiterhin öffentlich gezeigt, hätte man antisemitische Propaganda in der Öffentlichkeit toleriert, sagt er. Und nun, da das Bild verhüllt ist, stehe die jüdische Community als Zensor da, findet er. Allerdings, so muss man ergänzen, haben auch viele Nicht-Jüdinnen und Nicht-Juden ein Verhüllen oder ein Entfernen des Kunstwerks gefordert.

Der israelische Austauschstudent Jonathan Ben Hur vor dem verhüllten Gemälde „People's Justice“ auf der Documenta in Kassel.

Der israelische Austauschstudent Jonathan Ben Hur vor dem verhüllten Gemälde „People's Justice“ auf der Documenta in Kassel.

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Besuchende diskutieren: Ist Antisemitismus von Kunstfreiheit gedeckt?

Das Bild ist also weg, aber die Debatte noch lange nicht beendet: Darf Kunst verhüllt werden, entfernt werden? Wann ist es Zensur? Ist Antisemitismus durch die Kunstfreiheit gedeckt?

„Ich fühle mich nicht gut. Gar nicht gut“, sagt Elena R. kopfschüttelnd. „Ich bin gegen jede Art von Zensur – ich kenne das aus Russland, dass Kunst zensiert wird, ich durfte dort nicht mehr arbeiten.“ Elena R. ist aus Russland geflohen, lebt als Künstlerin im Exil, auch deshalb soll ihr richtiger Name nirgendwo erscheinen. Sie hätte das Bild gerne gesehen, sich eine eigene Meinung gebildet. Doch jetzt starrt sie am Dienstagmittag auf die schwarze Wand, während sie ein Porträt einer Besucherin anfertigt. Sie bedauert, dass die Documenta nur wegen dieser einen Debatte so viel Aufmerksamkeit erhalte und nicht wegen der vielen tollen Kunstwerke, der inspirierenden Kreativen, der wichtigen Thematik Antiimperialismus.

Antisemitische Zeichnung auf dem Bild „People's Justice“: Der Mann mit Schweinsnase trägt die Aufschrift „Mossad“.

Antisemitische Zeichnung auf dem Bild „People's Justice“: Der Mann mit Schweinsnase trägt die Aufschrift „Mossad“.

Viele Besucherinnen und Besucher hatten ob der Fülle des Banners die antisemitischen Botschaften nicht erkant.

Viele Besucherinnen und Besucher hatten ob der Fülle des Banners die antisemitischen Botschaften nicht erkant.

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Dialog mit dem Künstlerkollektiv – notwendig oder unsinnig?

„Jedes Kunstwerk löst Gefühle aus. Man darf nicht nur eine Meinung zulassen“, sagt sie. Sie habe aufgrund ihres russischen Passes erlebt, ihre Kunst auf Ausstellungen nicht zeigen zu dürfen – obwohl sie Dissidentin war. Wichtiger fände sie daher das Gespräch, als das Bild zu verhüllen oder es zu entfernen. Nun will sie den Austausch suchen.

Austausch – für Meron Mendel steht das nicht zur Debatte. „Von einem Dialog zu sprechen halte ich für makaber. Was soll da diskutiert werden? Pro und Contra von Antisemitismus?“ Der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank war einer der Befürworter, das Bild komplett zu entfernen – und nicht nur das, ginge es nach ihm, müsste das Künstlerkollektiv Taring Padi ausgeschlossen werden von der Documenta, würde es keine Einsicht geben.

Bildungsstätte Anne Frank: „Ein Skandal in jeder Hinsicht“

Es fehle ihm an Problembewusstsein: bei Taring Padi, beim Documenta-Kuratorenkollektiv Ruangrupa und bei der Leitung der Documenta. „Das ist ein Skandal in jeder Hinsicht.“ Dass man in einem Statement den Antisemitismus nicht eingeräumt habe, sondern davon spreche, dass das Bild nur vom deutschen Publikum als kritisch bewertet wurde, mache ihn sprachlos, so Mendel. „Die Kuratoren, die Organisatoren haben eine Verantwortung.“ Auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland wollte sich weder Taring Padi noch Ruangrupa äußern.

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Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, fordert den Ausschluss von Taring Padi bei der Documenta.

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, fordert den Ausschluss von Taring Padi bei der Documenta.

In einem Statement – und darauf bezieht sich Mendel – hatte Taring Padi vor der Entscheidung, das Kunstwerk ganz zu entfernen, geschrieben: „Die Bannerinstallation ‚People‘s Justice‘ ist Teil einer Kampagne gegen Militarismus und die Gewalt, die wir während der 32-jährigen Militärdiktatur Suhartos in Indonesien erlebt haben und deren Erbe, das sich bis heute auswirkt.“

Zudem hieß es: „Die Darstellung von Militärfiguren auf dem Banner ist Ausdruck dieser Erfahrungen. Alle auf dem Banner abgebildeten Figuren nehmen Bezug auf eine im politischen Kontext Indonesiens verbreitete Symbolik, zum Beispiel für die korrupte Verwaltung, die militärischen Generäle und ihre Soldaten, die als Schwein, Hund und Ratte symbolisiert werden, um ein ausbeuterisches kapitalistisches System und militärische Gewalt zu kritisieren.“

Und: „Wir sind traurig darüber, dass Details dieses Banners anders verstanden werden als ihr ursprünglicher Zweck. Wir entschuldigen uns für die in diesem Zusammenhang entstandenen Verletzungen“, so das Kollektiv weiter. „Als Zeichen des Respekts und mit großem Bedauern decken wir die entsprechende Arbeit ab, die in diesem speziellen Kontext in Deutschland als beleidigend empfunden wird.“

Ein Anlass für eine Debatte über die Grenzen von Kunstfreiheit

Am Dienstag versammeln sich viele Menschen auf dem Friedrichsplatz in Kassel. Die Sonne scheint, aus einer Ecke kommen Trommelgeräusche, aus der anderen der Gesang eines Straßenmusikers. Es wirkt, als habe die Debatte um das Kunstwerk für Zulauf gesorgt. Journalistinnen und Journalisten sind da, die Besucherinnen und Besucher interviewen. Hobbykünstlerinnen und ‑künstler, die über die Grenzen der Kunstfreiheit diskutieren. Schulgruppen, die das alles gar nicht mitbekommen haben. „Ach so, ich dachte, das gehört so“, sagt ein Teenager über das schwarz verhüllt Kunstwerk. „Heute ist ja alles Kunst, auch einfach ein schwarzer Fleck.“

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Einig ist man sich nicht, aber ins Gespräch kommen die Leute. „Vielleicht“, sagt Besucherin Friedegard Gilfert, „war es das Ziel der Künstler, dass man sich darüber unterhält. Dass diese Debatte entsteht.“ Sie hat „People‘s Justice“ gesehen, in der kurzen Zeit, in der es auf Kassels zentralem Platz zu sehen war. „Ich habe das Bild lange angeschaut, aber ich habe den kritisierten Teil nicht bewusst wahrgenommen“, sagt ihr Mann Hans Gilfert. Erst als die Debatte in die Öffentlichkeit kam, schaute das Paar genauer hin, sah die antisemitischen Details.

„Aber genau das ist doch das Problem“, mischt sich Sandra Tonini ein. „Die Leute suchen sich kleine Details raus und stellen die dann in den Fokus.“ Sie könne verstehen, wenn Menschen, die Familienmitglieder im Holocaust verloren haben, sich durch das Bild verletzt fühlten, aber: „Das ist Kunst“, so die in Kassel lebende Schweizerin. Auch die russische Künstlerin Elena sieht ein Problem darin, einzelne Teile eines Werkes isoliert zu betrachten.

Wir müssen uns schon fragen, warum wir von anderen Nationen so dargestellt und wahrgenommen werden.

Israeli Edo Filz

Schnell driften die Diskussionen ab, von der Kunstfreiheit zum Konflikt zwischen Israel und Palästina. Aber, sagt Friedegard Gilfert, man müsse schon unterscheiden zwischen Kritik an Israels Politik und Antisemitismus. Der Israeli Edo Filz kann nachvollziehen, warum sein Heimatland nicht immer gut wegkommt. „Wir müssen uns schon fragen, warum wir von anderen Nationen so dargestellt und wahrgenommen werden“, sagt er, der zusammen mit Jonathan Ben Hur Deutschland besucht. „Wir sind in einer stark militarisierten Gesellschaft aufgewachsen. Israel ist imperialistisch und stand nicht immer auf der richtigen Seite“, sagt Filz.

Der Antisemitismus schmerze, aber er sieht einen Zusammenhang zwischen der Politik seines Heimatlandes und der Abbildung auf „People‘s Justice“. „Wenn wir nicht verstehen, welche Rolle wir gespielt haben und spielen, wie wir uns als Staat anderen Staaten gegenüber verhalten, kann sich auch nichts ändern.“ Der Student hätte es lieber gesehen, wenn das Gemälde nicht verhüllt worden wäre. „Die Leute hätten es anschauen sollen, es verstehen sollen; verstehen, was daran falsch ist, warum es Hass verbreitet.“

Friedegard Gilfert glaubt, dass es auch deshalb so emotional wurde, weil Kassel noch traumatisiert sei durch die rechtsradikalen Morde. Im April 2006 erschoss der NSU Halit Yozgat, 2019 der Rechtsextremist Stephan Ernst den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. „Das hat uns alle schockiert. Und deshalb sind wir entsetzt, dass das die Sprache der Documenta sein soll.“

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Wenige Meter entfernt diskutieren zwei Freundinnen über das Bild, das sie nicht zu sehen bekommen haben. „Wir sind gestern nicht so weit gekommen, das ist wirklich schade.“ Etwas müßig sei es deshalb, der Diskussion zu folgen. „Kunst hat immer provoziert. Das ist Kunstfreiheit“, sagt die eine. „Aber bitte, Antisemitismus ist doch kein Gegenstand der Kunst“, entgegnet die andere. Sie sind aus dem Rheinland nach Kassel gekommen, wie jedes Mal, wenn Documenta ist. „Ich hätte mir einfach gerne ein eigenes Bild davon gemacht“, sagt die Freundin einlenkend.

Die Menschen kommen vor der schwarzen Wand ins Gespräch

Während der Diskussionen wird auch über mögliche Lösungen gesprochen. Die bevorzugte Variante vieler: Warum nicht die antisemitische Stelle überkleben, verhüllen, übermalen? Immerhin sei das Werk doch mehr als nur als dieser eine Ausschnitt. Eine Lösung, die auch Elena R. für akzeptabel gehalten hätte. Doch es soll anders kommen. Kurz nachdem Elena R. den Friedrichsplatz verlassen hat, um weiterzuarbeiten, gibt die Documenta bekannt, dass das Bild abgehängt wird.

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