Gozo

Die Insel der Opernhäuser

Eines von zweien: Das Teatru Astra (Bild) auf der Mittelmeerinsel Gozo steht im Wettbewerb zu einem weiteren Opernhaus, dem Teatru Aurora.

Eines von zweien: Das Teatru Astra (Bild) auf der Mittelmeerinsel Gozo steht im Wettbewerb zu einem weiteren Opernhaus, dem Teatru Aurora.

Victoria. Das Mittelmeer – der Europäer liebste Urlaubsgegend. Viele denken an Sonne, Meer, gutes Essen, an Erholung, Strand und Sonnenuntergänge. Das ist auf Malta und seiner sehr viel kleineren Schwester Gozo kaum anders.

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Die beiden Inseln trennen gut 25 Minuten Fährfahrt. Politisch bilden sie eine Einheit. Und wer auf eine dieser Inseln kommt, tut dies meist, um historische Gebäude zu bestaunen, in jüngeren Lebensjahren oft auch für eine Sprachreise, vor allem aber, um diese sehr spezielle Mischung aus mediterraner Lebensart und britischer Vergangenheit zu erleben. Malta und Gozo sind für viele der Inbegriff von Urlaub. Dabei zeichnet vor allem Gozo etwas ganz anderes aus: das Kulturleben. Wie im Teatru Astra in der Inselhauptstadt Victoria.

„Carmen“ im Teatru Astra auf Gozo

Auf der Bühne dieses altehrwürdig wirkenden Opernhauses ist das große Ganze der nächsten Aufführung bereits erkennbar – auch wenn ansonsten noch vieles nach Baustelle aussieht. Vom opulenten Zuschauersaal aus blickt man auf die Kulisse einer barocken Häuserfassade und auf viele einzelne Bühnenelemente, die ihren endgültigen Standort erst noch finden müssen. Im hinteren Bereich nähen einige Damen Kostüme. Es sind die Vorbereitungen für die Premiere von Georges Bizets Oper „Carmen“. Und das, was sich in dem ein bisschen antiquiert wirkenden, aber gerade deswegen sehr eindrucksvollen Saal tut, lässt Großes erahnen.

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Viele werden die ganze Opulenz der Aufführung allerdings gar nicht erleben. Die meisten Stücke im Teatru Astra sind lediglich ein- oder maximal zweimal zu sehen, und dies aus einem simplen Grund: Es fehlt ausreichend Publikum. So ist es auch bei „Carmen“. An diesem Wochenende ist die zweite und letzte Vorstellung. Dann wandern die Bühnenelemente wieder in den Fundus.

Musiker und Theatermacher im Teatru Astra: George Cassar.

Musiker und Theatermacher im Teatru Astra: George Cassar.

Ein überdimensionierter Akt für einen kleinen Fleck im Mittelmeer? Gerade einmal 30.000 Menschen leben auf der 67 Quadratkilometer großen Insel Gozo. In der größten Stadt Victoria mit ihrer berühmten Festung und eben dem Teatru Astra sind es sogar nur 6000. Dennoch leistet sich die Stadt das prachtvoll wirkende Opernhaus mit seinen 1200 Plätzen in einem Saal mit Balkon und Logen, direkt im Zentrum an der Triq ir-Repubblika gelegen, der Straße der Republik. Dies allein wäre vielerorts schon undenkbar. Doch das ist nur der Anfang.

Tatsächlich gönnt sich Gozo nicht nur ein Opernhaus, sondern noch ein zweites: das Teatru tal-Opra Aurora. Beide Häuser trennen lediglich rund 200 Meter und eine kurze Straßenüberquerung. Damit schafft die kleine Mittelmeerinsel einen Rekord: Gemessen an der Zahl der Einwohner verfügt Gozo über die höchste Opernhausdichte der Welt. Der örtliche Tourismusverband feiert dies entsprechend in seiner Werbung: „Oper ist gleich Gozo“, heißt es auf seiner Website.

Das Teatru Aurora – jünger, aber größer

Auch das Aurora kommt überaus prachtvoll daher, es ist noch etwas größer – 1600 Plätze –, und wird mit mehr oder weniger demselben Konzept betrieben. Allerdings von einem anderen Verein, und das nicht unbedingt in partnerschaftlicher Weise. Auf Gozo herrscht eine Rivalität der Opernhäuser, allein aus Tradition. Größer, schöner, weiter – andernorts treten Sportvereine in einen solchen lokalen Wettbewerb. Auf Gozo sind es Opernhäuser.

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George Cassar ist einer der Akteure des Opernwettstreits. Der schlanke Mann mit Brille steht im leeren Zuschauersaal des Tetaru Astra. „Die Malteser lieben Musik“, sagt der Musiker und Vereinsfunktionär der Socjetà Filarmonika La Stella, der Philharmonischen Gesellschaft, die das Teatru Astra gegründet hat und betreibt. Sein Sakko hat er zur Seite gehängt, sein Instrument im schwarzen Koffer am Eingang abgestellt. Cassar ist nur auf einen Sprung vorbeigekommen, gleich im Anschluss muss er zu einem Auftritt seiner Band. Sie ist für ein Fest auf der Insel gebucht.

Im Kern ist die 1863 gegründete Socjetà Filarmonika La Stella bis heute vor allem eines: eine Blasmusikkapelle aus Freiwilligen, die streng genommen nebenbei ein Opernhaus betreiben. Auch wenn das vermeintlich Laienhafte angesichts des eindrucksvollen Gebäudes und der Professionalität der Inszenierungen längst Nebensache ist.

Zu Hause im Aurora-Theater: Produktionschef Matthew Sultana (links) und Vereinspräsident Michael Caruana.

Zu Hause im Aurora-Theater: Produktionschef Matthew Sultana (links) und Vereinspräsident Michael Caruana.

Das Teatru Astra wurde 1968 eröffnet. Erbaut worden sei es durch die Vereinsmitglieder selbst, betont Cassar, denn bis heute sei das ganze so etwas wie eine große Familie. Die Vereinsmitglieder engagieren sich ehrenamtlich. Sie musizieren, sie bauen, sie reparieren, sie nähen Kostüme und sie machen vieles mehr. All dies stets in ihrer Freizeit, ohne Bezahlung. Neben Zuschüssen und Spenden ist dies ein Grund dafür, dass die Opern auf Gozo durchaus profitabel sind.

Vorbild für das Tetru Astra waren insofern auch keine Hobbybühnen der Umgebung – es waren die großen Opernhäuser der Welt. Nichts sollte an ein Vereinsheim erinnern. Man wollte etwas Großes, das sich nicht verstecken müsste. Auch nicht vor den Kulturschaffenden der größeren Nachbarinsel Malta, deren traditionsreiches Royal Opera House während des Zweiten Weltkrieges zerstört worden war und seitdem als Kulisse für Freilichtaufführungen dient.

Es ist ein Anspruch, den auch das Teatru tal-Opra Aurora vermittelt. Wenn Matthew Sultana von „seinem“, dem zweiten Theater in Victoria schwärmt, schwingt eine Menge Stolz mit. Er ist Produktionschef des Theaters, das von der zweiten Philharmonischen Gesellschaft der Insel, der Socjetà Filarmonika Leone, betrieben wird, und er betrachtet es als eine Art zweites Zuhause: „Wenn ich nicht bei mir zu Hause bin, bin ich hier“, sagt Sultana. Und so gehe es den meisten in seinem Verein.

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Das Teatru tal-Opra Aurora wurde zwischen 1971 und 1976 erbaut und ist damit etwas jünger als der inselinterne Konkurrent auf der anderen Straßenseite. Dafür fasst es mit 1600 Plätzen mehr Zuschauer. Es wirkt für Außenstehende wie eine Art kulturellen Quartettspiels: älter, größer, schöner – die Kriterien im inselinternen Kulturwettbewerb mögen nirgends definiert sein. Doch jeder Verein scheint stets darauf bedacht, den anderen zu übertrumpfen.

Große Namen auf den Bühnen Gozos

In diesem Oktober brachten Sultana und seine Mitstreiter Giuseppe Verdis „Aida“ auf die Bühne. Die Kulissen stammten von der 2019 verstorbenen italienischen Opernlegende Franco Zeffirelli, die Kostüme von dessen Kollegin Anna Anni. Vivien Hewitt führte Regie – die gebürtige Irin inszenierte in der Vergangenheit auf vielen Bühnen der Welt, seit 2018 auch mehrfach auf Gozo. Es sind die großen Namen, die zum Bestandteil des Gozoer Wettbewerbs geworden sind.

Schirmherren des Teatru Astra wurden insofern Sänger von großen Bühnen – vom Metropolitan Theatre in New York, der Mailänder Scala und dem Sofia State Opera House.

Dass das ganze mal in eine Rivalität der Opern münden würde, war zunächst nicht klar. Anfangs seien beide Häuser eher für Konzerte genutzt worden, blickt Astra-Vertreter Cassar zurück, auch als Diskotheken und Kinos. „Für Filme aber fehlt heute das Publikum“, sagt Cassar, und beschreibt damit einen internationalen Trend, der auch vor Gozo nicht Halt gemacht hat. Kein Film würde noch ausreichend Zuschauer in den riesigen Saal locken können. Der Projektor steht noch in einem Hinterzimmer. Doch heute gibt hier die Musik den Ton an.

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Internationale Künstlerinnen und Künstler treten immer wieder im Teatru Astra auf, in der Vergangenheit etwa die Pop- und Schlagersänger Al Bano und Romina Power, die Balladenspezialisten The Platters, der italienische Sänger Bobby Solo. 2016 versuchte man sich erstmals mit Musicals, zunächst „Grease“. Auch sie stehen seitdem immer wieder auf dem Programm.

Beide Häuser eint die Nebennutzung: In den edlen Foyers der Theater haben den ganzen Tag Cafés geöffnet. Die Gebäude sind zu belebten Treffpunkten der Stadt geworden – auch abseits der Aufführungen.

Das Teatru Aurora.

Das Teatru Aurora.

Erst 1977 brachte das Aurora-Theater mit Giacomo Puccinis „Madame Butterfly“ erstmals eine Oper auf die Bühnen von Gozo. Ausgerechnet diese Geschichte einer tragischen Liebe stellte eine neue Stufe der Rivalität dar. Schon ein Jahr später konterte das Astra-Theater mit der Inszenierung von „Rigoletto“. Es wurde der Beginn der Opernleidenschaft der Menschen auf Gozo. Bis heute.

Die meisten Akteure vor und hinter den Kulissen stammen von der Insel selbst – meist sind es die Chöre der zum jeweiligen Theater gehörenden Kirchengemeinde. Die Solisten jedoch sind meist Profis, von beiden Häuser in der Regel im Ausland engagiert. Daniela Dessì etwa trat in Gozo auf, auch Gena Dimitrowa und Nino Matschaidse.

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Zwei Opernhäuser, aber ein Orchester

Es gibt auch seltene Überschneidungen: Als Orchester wirkt sowohl im Astra als auch im Aurora das Malta Philharmonic Orchestra mit – allerdings je nach Theater mit einem jeweils eigenen Dirigenten.

Jahr für Jahr wetteifern die beiden Häuser immer im Oktober um die beste Aufführung. Wer aber hat dabei die Nase vorn? Aurora-Produktionschef Sultana versucht es diplomatisch zu beantworten: „Für Außenstehende sind wir eins“, entgegnet er. „Unser Wettbewerb findet eher auf europäischer Ebene statt.“ Wichtig sei insofern, dass sämtliche Opern auf Gozo hervorragend würden. „Wenn eine Aufführung in einem der beiden Theater schlecht ist, heißt es außerhalb pauschal: Opern auf Gozo sind schlecht.“ Darunter würden dann gleich beide Vereine leiden. Deswegen hätten beide ein Interesse daran, das Niveau hoch zu halten. Sultana blickt auf die Bühne und sagt nachdenklich: „Es ist nicht die Oper, die uns hier zusammengebracht hat, aber sie ist es, die uns hier hält.“

Edler Bau im Zentrum Victorias: das Teatru Astra.

Edler Bau im Zentrum Victorias: das Teatru Astra.

Auch George Cassar gibt sich zurückhaltend in dieser Favoritenfrage. Jeder mag sich vorn sehen – keiner würde es zugeben. Es wirkt wie ein fairer Wettbewerb. Zwischen den Zeilen jedoch schwingt mit: Es würde den jeweiligen Verein ganz sicher ärgern, wenn er vom anderen übertrumpft würde. Haben beide Vereine jemals etwas zusammen unternommen? Cassars Antwort fällt klar aus: „Nein.“

Eine jahrzehntelange Fehde auf Gozo

Genau genommen ist der ganze inselinterne Opernwettbewerb viel älter als die Theatergebäude selbst es sind. Im Kern entstammt er den beiden großen örtlichen Kirchengemeinden, selbst wenn beide demselben Glauben angehören – der katholischen Kirche. Die Socjetà Filarmonika Leone gilt als Kapelle der prachtvollen Kathedrale Mariä Himmelfahrt in der Festung Victorias. Die Socjetà Filarmonika La Stella hingegen pflegt enge Verbindungen zur Basilika San Gorg im Zentrum der Hauptstadt. In Victoria fühle sich jeder Einwohner einer dieser beiden Gemeinden zugehörig, heißt es bei Gästen im Victoria Central Café unweit der beiden Theater. Niemand wundert sich insofern wirklich über die Rivalität der Opernhäuser.

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Zu den Jahrestagen ihres jeweiligen Kirchenpatrons wetteifern beide Bands auch um die größte und prunkvollste Prozession sowie das größte Feuerwerk. Immer am 15. August tragen die Gemeindemitglieder der Kathedrale Mariä Himmelfahrt zu Musik der Socjetà Filarmonika Leone eine große Marienstatue durch die Straßen Victorias. Jedes Jahr Ende Juli feiert die barocke Basilika San Gorg mit demselben Aufwand ihren Schutzpatron, den heiligen Georg. Hierbei kommt die Socjetà Filarmonika La Stella zum Einsatz.

Nur 200 Meter vom Astra gelegen und nicht weniger aufwendig: das Teatru Aurora.

Nur 200 Meter vom Astra gelegen und nicht weniger aufwendig: das Teatru Aurora.

Wie beim Fußball spielen Farben eine Rolle: Während die Leone-Musiker aus dem Aurora-Theater dann stets in trikotähnlichem Oberteil in Blau auftreten, tragen die Stella-Musiker aus dem Astra-Theater Rot. Auch das Fernsehen berichtet darüber, Zeitungen ohnehin. Auf alten Aufnahmen ist zu sehen, dass die Musiker der jeweiligen Fraktion feiernd wie Fußballfans durch die Straßen der Hauptstadt ziehen. Vor dem jeweils anderen Theater jubeln sie für ihr eigenes. Als wenn der FC Barcelona gegen Bayern München antreten würde.

Wie groß die Rivalitäten und der damit verbundene Mangel an Absprachen ist, zeigte sich im Gozoer Opernherbst 1999: Damals brachten beide Theater aus Versehen dasselbe Stück auf die Bühne – „Aida“. Ein Fauxpas, der beide noch mehr anzustacheln schien. Zwischenzeitlich maßen sich die Organisatoren sogar an der Anzahl der Kunstpferde, die während der Vorstellung zu sehen sein würden. Als bekannt wurde, dass in einem der Theater, dem Astra, sogar ein lebendiges Pferd auf die Bühne gebracht werden sollte, besorgte sich das Aurora gleich zwei davon.

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