In irakischen Verliesen schuldig geworden

Ein Folterer will Erlösung: Paul Schraders Rachethriller „The Card Counter“

Für Karten hat er ein gutes Händchen: Oscar Isaac als William Tell in einer Szene des Films „The Card Counter“.

Casinos und Kartenspiel: Da liegt der Gedanke nahe an elegant gekleidete Gäste, perlende Drinks und smarte Plaudereien. Spieler belauern sich gegenseitig und verlassen nach nervenzehrenden Partien entweder als reiche Leute oder als gescheiterte Existenzen den mit glitzernden Lüstern bestückten Saal.

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Von solchen Ideen sollte man sich in Paul Schraders Kinodrama „The Card Counter“ verabschieden. Bill Tillich, der sich William Tell nennt, ist als eine Art Schattenexistenz unterwegs. Die Casinos erinnern eher an Einkaufsmalls. Auf Gespräche verzichtet Tillich (Oscar Isaac, „Dune“). Er will nicht auffallen. Er will nicht einmal reich werden. Er versucht, wie er das selbst nennt, unter dem Radar zu bleiben.

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Tillich besitzt die Gabe, Karten zu zählen, was beim Blackjack seine Gewinnchancen erhöht. Er weiß, welche Karten noch im Spiel sind. Gäste mit solchen Fähigkeiten sind nicht gern gesehen in Casinos. Aber Tillich weiß: Solange er nicht zu gierig ist, lässt man ihn gewähren.

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So tingelt er durch die Provinz, nächtigt in billigen Motels – und verpackt das Mobiliar sorgfältig in weiße Laken, als könne er so peinigenden Erinnerungen entfliehen. Tillich war Verhörspezialist im US-Foltergefängnis Abu Ghraib im Irak und saß für seine Taten selbst lange im Militärgefängnis.

Regisseur von „The Card Counter“ ist US-Regisseur Paul Schrader, der es als Drehbuchautor von Martin Scorseses „Taxi Driver“ (1976) zu einiger Berühmtheit brachte. Da war Robert De Niro der traumatisierte Vietnam-Veteran Travis Bick­le, den tiefer Hass auf die Gesellschaft antrieb. Für Scorsese schrieb Schrader auch die Vorlagen zu „Wie ein wilder Stier“ (1980), „Die letzte Versuchung Christi“ (1988) und „Bringing Out the Dead“ (1999). Als Regisseur reüssierte er mit „Ein Mann für gewisse Stunden“ (1980) und „Light Sleeper“ (1992).

Schraders Kartenzähler passt bestens in diese Reihe versehrter Seelen. Auch Tillich wird wie Taxifahrer Bickle vom Gedanken an Schuld und Sühne getrieben. Auch sein Schicksal hängt mit einer nationalen Schande zusammen, die Amerika an den Pranger der Weltöffentlichkeit brachte.

Tillich erzählt aus dem Off über die Philosophie des Kartenspiels, aber er gibt wenig von sich preis. Zaghaft beginnt er sich dem Leben zu öffnen, als er die Pokerspieleragentin La Linda (Tiffany Haddish) kennenlernt – und einen jungen Mann namens Cirk (Tye Sheridan). Cirks Vater war ebenfalls Folterer in Abu Ghraib. Er beging Selbstmord. Nun sinnt der Sohn auf Rache. Denn der Mann hinter den Verbrechen, Major John Gordo (Willem Dafoe), kam ungeschoren davon.

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So bereitet Schrader mit enervierender Langsamkeit das Feld für einen Rachethriller – und lässt Tillich hoffen, dass es eine Abzweigung von dem Pfad gibt. Einstweilen steigen wir in Tillichs persönliche Hölle, einen durch verzerrte Bilder verfremdeten Folterkeller. Gibt es Erlösung für einen Mann, der in solchen Verliesen schuldig wurde?

„The Card Counter“, Regie: Paul Schrader, mit Oscar Isaac, Willem Dafoe, Tiffany Haddish, 112 Minuten, FSK 16

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