Abgesagte Europatournee

Sänger der Kölner Kultband Kasalla: „Ich fürchte, der dritte Corona-Winter wird noch schlimmer“

„Die Situation in unserem Umfeld ist dramatisch“: Bastian Campmann, Frontmann der Kölschrock-Band Kasalla.

„Die Situation in unserem Umfeld ist dramatisch“: Bastian Campmann, Frontmann der Kölschrock-Band Kasalla.

Bastian Campmann (45) ist Sänger und Mitgründer der Kölner Mundartband Kasalla. Im Juni feierte die 2011 gegründete Band vor 41.000 Zuschauenden ihren zehnten Geburtstag. Ihr Album „Rudeldiere“ erreichte die Top Ten der Deutschen Albumcharts. Ihre geplante Europatournee musste die Band dennoch wegen schleppender Ticketverkäufe absagen.

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Herr Campmann, vor ein paar Wochen haben Sie mit Ihrer Band Kasalla noch vor 41.000 Leuten im Rhein-Energie-Stadion in Köln gespielt. Nun mussten Sie Ihre Europatournee wegen schleppender Ticketverkäufe absagen. Wie passt das zusammen?

Das zeigt die ganze Ambivalenz der Situation: Das Stadionkonzert war ja schon seit 2018 im Vorverkauf, es musste zweimal wegen Corona verschoben werden. Die meisten Leute hatten ihre Karten schon. Und wir stellen insgesamt fest: Shows, für die Leute schon vor längerer Zeit Tickets gekauft haben, haben jetzt weniger Probleme als solche, die neu um Zuschauer werben. Und was immer funktioniert, sind natürlich die ganz großen Leuchtturmevents.

Wie Helene Fischer oder Robbie Williams in München.

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So ist es. Wenn Coldplay kommt, läuft‘s. Deshalb gibt es jetzt auch überall diese großen, bunten Bilder von vollen Konzerten. Aber die spiegeln leider überhaupt nicht den Querschnitt der Kulturlandschaft wieder.

„Das Sozialverhalten hat sich verändert“: Bastian Campmann, Frontmann der Kölschrock-Band Kasalla, bei einem Karnevalsauftritt im Februar in Köln.

„Das Sozialverhalten hat sich verändert“: Bastian Campmann, Frontmann der Kölschrock-Band Kasalla, bei einem Karnevalsauftritt im Februar in Köln.

Was sagen Ihre Fans: Warum bleiben sie weg?

Es ist ein Konglomerat aus Gründen. Zum einen ist Corona noch nicht vorbei, so gerne wir das auch alle hätten. Und ich glaube, dass es noch immer einen gewissen Anteil an Menschen gibt, die vorsichtig sind, was Indoorveranstaltungen im Herbst angeht. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Zweitens ist das Geld aktuell weniger wert. Die Leute fragen sich: Wie hoch wird meine Gasrechnung? Worauf kann ich verzichten? Auch das ist Fakt. Und drittens sind einfach die Kühlschränke noch vollgepinnt mit alten Konzerttickets und Einladungen für verschobene Hochzeiten und runde Geburtstage. All das spielt eine Rolle.

Befürchten Sie, dass sich das Freizeitverhalten langfristig verändert – dass die Menschen dauerhaft mehr zu Hause bleiben als vor Corona?

Ja. Ich glaube, darauf müssen wir uns einstellen. Ich denke, das Sozialverhalten vieler Menschen hat sich durch das Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-sein dauerhaft und permanent verändert. Das betrifft eine ganze Generation, und es erinnert mich an meine Großmutter, die den Krieg erlebt hat und sich die Butter auch viele Jahrzehnte später noch immer daumendick aufs Brot geschmiert hat – von Zeiten der Not geprägt. Diese Jahre haben sie verändert. Und ich fürchte, so ähnlich ist es im Hinblick auf Kultur auch. Damit müssen wir als Kulturschaffende rechnen.

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Viele Bands sagen Konzerte ab. Es ist dann oft die Rede von erkrankten Sängern oder „produktionstechnischen Gründen“. Sie dagegen haben sich für maximale Offenheit entschieden. Warum?

Natürlich gibt es tatsächlich erkrankte Sänger, und natürlich kann es auch technische Gründe geben. Wir merken selbst, wie schwer es im Moment ist, Bühnenhelfer, Techniker oder Soundanlagen zu bekommen. Das hat sich alles extrem verknappt und ist sehr viel teurer geworden. Aber in 90 Prozent der Fälle ist jedem klar, was „produktionstechnische Gründe“ in Wahrheit bedeutet: schleppende Ticketverkäufe. Das ist geschönter Branchensprech für leere Säle. Wir haben auch lange diskutiert, ob wir den Grund klar kommunizieren. Denn wir hatten Angst, es könnte nach außen so wirken, als würde uns keiner mehr sehen wollen. Aber wir versuchen immer ehrlich zu sein und die Situation so zu beschreiben, wie sie ist. Außerdem kommen wir direkt aus einem vollen Stadionkonzert, mussten unser Konzert gerade beim „Parookaville“-Festival wegen Überfüllung abbrechen und haben ein Album in den Top Ten. Da kann keiner sagen: Die sind uninteressant. Aber in den User-Kommentarspalten unter den Artikeln wurde natürlich trotzdem draufgehauen und es gab Häme. Es gibt immer Menschen, die wollen einen scheitern sehen.

„Wir merken selbst, wie schwer es im Moment ist, Bühnenhelfer, Techniker oder Soundanlagen zu bekommen“: Sebastian Wagner (v. l.), Rene Schwiers, Flo Peil und Bastian Campmann von der Band Kasalla.

„Wir merken selbst, wie schwer es im Moment ist, Bühnenhelfer, Techniker oder Soundanlagen zu bekommen“: Sebastian Wagner (v. l.), Rene Schwiers, Flo Peil und Bastian Campmann von der Band Kasalla.

Wie ist denn die Lage insgesamt für kleine und mittlere Bands?

Die Situation in unserem Umfeld ist dramatisch. Wir selbst sind glücklich und dankbar, dass wir vor der Pandemie schon stabilen Erfolg hatten. Aber wir haben viele Freundinnen und Freunde, denen es nicht so geht. Die gerade ihre Jobs gekündigt hatten, um Musik zu machen. Die hofften: „Jetzt ist Sommer, der Impfstoff ist da, jetzt geht‘s los, Heidewitzka! Voll auf die Zwölf!“ Aber diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: Der Herbst und der Winter, die jetzt kommen, werden sehr hart. Jedem, der bis drei rechnen kann, dürfte klar sein: Es wird keine neuen Kulturhilfen geben. Da gibt es ganz andere Baustellen. Da geht es um Gas, um Energiehilfen, um Dinge, die – das muss ich auch als Kulturschaffender sagen – für den sozialen Frieden dringlicher sind. Man kann Geld eben nur einmal ausgeben.

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Was bedeutet das am Ende?

Das bedeutet das Aus für viele, viele Künstlerinnen und Künstler, aber auch für Kulturstätten. Ich fürchte, der dritte Corona-Winter wird noch schlimmer als die ersten beiden. Im ersten Winter waren wir in Schockstarre, aber viele hatten noch etwas Speck um die Hüften und konnten von Rücklagen leben. Im zweiten Winter halfen die Förderprogramme. Jetzt steht der Kaiser nackt da.

Kennen Sie Musikerkollegen, deren Lebensträume zerplatzt sind und die aufgegeben haben?

Ja, natürlich, die kenne ich. Das sind vor allem Leute aus kleineren und mittleren Bands, die sich umorientiert haben oder wieder in ihre alten Jobs zurückgekehrt sind – einfach aus Perspektivlosigkeit und wegen ihrer finanziellen Situation.

„Die Zahl der Kulturveranstaltungen insgesamt wird sinken“: Bastian Campmann, Frontmann der Band Kasalla.

„Die Zahl der Kulturveranstaltungen insgesamt wird sinken“: Bastian Campmann, Frontmann der Band Kasalla.

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Wenn sich der Kulturbetrieb dauerhaft verändert – was bedeutet das für die Künstler? Mehr Auftritte fürs gleiche Geld?

Das wissen wir auch noch nicht. An mehr Konzerte glaube ich eher nicht, weil ich denke, dass die Zahl der Kulturveranstaltungen insgesamt sinken wird. Denn unterhalb einer gewissen Größe lohnt sich eine Show einfach nicht mehr. Wir sind als Band in der glücklichen Lage, dass wir den Kopf vielleicht etwas länger über Wasser halten können als andere. Und natürlich wird die Kultur nicht sterben. Sie wird aber darben und verdorren und farbloser und weniger vielfältig werden. Die Kleinkunst ist enorm wichtig für die Kultur, und sie macht mindestens ebenso viel Arbeit wie der Mainstream – aber sie zieht eben nicht die Massen an. Deshalb ist das der erste Bereich, in dem die Lichter auszugehen drohen.

Was wünschen Sie sich vom Publikum?

Natürlich schaut jeder auf sich, seine Familie und seinen Geldbeutel. Das ist verständlich. Aber ich würde mir schon wünschen, dass die Leute, statt das dritte Netflix-Abo, Disney+ und Amazon Prime abzuschließen, wenigstens einmal im Monat ein Kulturevent besuchen würden – ob das nun ein Theaterstück, Kleinkunst, Kabarett, ein Jazzkonzert oder eine größere Show ist. Dass man sich wieder traut, rauszugehen, und damit die Vielfalt der Kulturlandschaft unterstützt. Denn eines ist klar: Wenn es wirklich einmal leise ist, dann wird‘s auch leise bleiben.

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