Bei der Premiere fielen Zuschauer in Ohnmacht

Geschichte einer Abtreibung: der Venedig-Siegerfilm „Das Ereignis“

Sie ist fest entschlossen: Anamaria Vartolomei als Anne in einer Szene des Films „Das Ereignis".

Eine einsamere Heldin war wohl selten im Kino unterwegs. Dabei bewegt sich die Studentin Anne zwischen so vielen Menschen. Da sind ihre Freundinnen, ihre stolzen Eltern, der junge Literaturprofessor, der viel von ihr hält (bis sich ihre Noten verschlechtern), zwei Ärzte, die sie um Hilfe bittet. Da ist auch der unreife Vater des heranreifenden Babys in ihrem Bauch.

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Und doch ist Anne (Anamaria Vartolomei) ganz auf sich allein gestellt: Sie will das Kind nicht. Aber ihrer hart im Familienrestaurant arbeitenden Mutter Gabrielle (Sandrine Bonnaire) und dem beleidigten Professor wagt sie nicht einmal von ihrer Schwangerschaft zu erzählen. Die anderen wollen oder können ihr nicht helfen.

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Das könne sie nicht von ihm verlangen, sagt einer der beiden Ärzte. Er würde im Gefängnis landen, bei Abtreibungen sei der Staat gnadenlos. Der andere weist sie sofort vor die Tür und jubelt ihr sogar noch ein Medikament unter, das den Fötus stärkt.

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Ihre Freundinnen sagen: „Eine Schwangerschaft ist der Weltuntergang.“ Weibliche Solidarität: Fehlanzeige. Der Vater des Kindes will möglichst nicht behelligt werden mit einem solchen Problem. Er will nicht seine gute Stimmung in seinem Urlaub am südfranzösischen Strand gefährden.

Ein Abbruch ist illegal

Wir schreiben das Jahr 1963 in Frankreich: Ein Schwangerschaftsabbruch ist illegal. Vor allem aber ist er gesellschaftlich geächtet. Und die Antibabypille ist noch nicht zu haben.

Die französische Regisseurin Audrey Diwan hat mit „Das Ereignis“ den Roman von Annie Ernaux verfilmt. Mit diesem Werk gewann Diwan im vorigen Herbst den Goldenen Löwen beim Filmfestival in Venedig.

Ein Jahr zuvor hatte sich den Löwen ihre chinesisch-amerikanische Regiekollegin Chloé Zhao mit „Nomadland“ geholt, die nun mit in der Jury saß. Zwei Frauen gewinnen hintereinander den Hauptpreis am Lido: Das gab es noch nie.

Eine von Männern dominierte Welt

Wie so oft erzählt die 1940 geborene Schriftstellerin Ernaux in ihrem in Frankreich bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten, in Deutschland aber erst vor Kurzem erschienenen Buch von eigenen Erfahrungen. Doch wird hier nicht nur eine individuelle Geschichte verhandelt. „Das Ereignis“ spielt in einer von Männern dominierten Welt, in der Frauen zu Ausgestoßenen werden, wenn sie sich nicht in ihr Schicksal als Mutter ergeben.

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Sie habe eine Krankheit, sagt Anne in diesem Film, die nur Frauen bekommen und die diese dazu verurteile, Hausfrauen zu werden. Diesem Schicksal will sie sich keinesfalls fügen.

Kinder will Anne schon

Dabei ist es keinesfalls so, dass Anne keine Kinder will. Sie will sie nur nicht jetzt. Sie wolle ihr Leben zurückhaben, sagt sie dem Arzt, der ihr mit schlechtem Gewissen zuhört. Sie möchte ihr Studium beenden, Karriere als Literaturwissenschaftlerin machen, ja, auch ein wenig Spaß haben. Doch die unsichtbare Wand zwischen ihr und ihrem erhofften Leben scheint immer höher zu wachsen.

Mit immer verschlossenerer Miene wandelt Anne auf der Suche nach Unterstützung durch die Stadt. Ein schmieriger Freund will die Situation sexuell ausnutzen: „Schwanger kannst du ja jetzt nicht mehr werden.“

Mit ihrer kompromisslosen – hier passt der viel zitierte Begriff einmal – Geschichte zwingt die Regisseurin die Zuschauer an Annes Seite. Wir sehen die wachsende Verzweiflung der Schwangeren, aber auch ihre ungebrochene Entschlossenheit. Anne wird nichts erspart und damit auch nicht dem Publikum.

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Wir werden Zeuge, wie Anne eine Stricknadel mit einem Feuerzeug notdürftig desinfiziert und in ihre Scheide einführt. Das heißt, wir sehen ihr schmerzverzogenes Gesicht in Großaufnahme. Wir registrieren aber auch ihre Enttäuschung, als der Arzt ihr wenig später mitteilt, dass der Fötus noch immer in ihrer Gebärmutter heranwachse.

Schließlich bricht Anne dahin auf, wohin sie nach Ansicht des Arztes keineswegs aufbrechen sollte: in die Hinterstube einer sogenannten Engelmacherin. Sie riskiert eine Gefängnisstrafe und ihr Leben. Und damit beginnen erst die eigentlichen körperlichen Qualen.

Die Regisseurin Diwan erzählt in schmucklosen Bildern, direkt und ohne falsche Scham. Einblendungen mit den Angaben zur Schwangerschaftswoche machen klar, wie Annes Zeit für einen Eingriff unabänderlich abläuft. Diese Geschichte ist auch fürs Publikum beinahe physisch anstrengend. Die Regisseurin hat davon erzählt, dass sowohl Zuschauerinnen als auch Zuschauer in Ohnmacht gefallen sind.

Diwan weiß sehr genau, dass sie die Geschichte gar nicht zu aktualisieren braucht. Schnell ist vergessen, wann „Das Ereignis“ spielt. Der Spießrutenlauf einer Frau, die nicht über ihren Körper entscheiden kann, ist zeitlos aktuell – und in vielen Ecken der Welt noch immer Wirklichkeit. Aus konsequent weiblicher Perspektive hat Diwan ein eindrucksvolles Kinodrama inszeniert

„Das Ereignis“, Regie: Audrey Diwan, mit Anamaria Vartolomei, Sandrine Bonnaire, 100 Minuten, FSK 12

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