Leere Säle, abgesagte Tourneen

Wo sind all die Menschen hin? In der Kulturwelt geht die Angst um

„Am Ende mussten wir der Realität in die Augen schauen“: 65 Prozent aller geplanten Veranstaltungen in Deutschland werden derzeit abgesagt – zumeist, weil die Zuschauenden fehlen.

„Am Ende mussten wir der Realität in die Augen schauen“: 65 Prozent aller geplanten Veranstaltungen in Deutschland werden derzeit abgesagt – zumeist, weil die Zuschauenden fehlen.

Köln kocht. 41.000 Menschen recken ekstatisch die Arme in den Nachthimmel, Feuerwerksraketen explodieren. Auf der Bühne im ausverkauften Rheinenergie-Stadion steht Bastian Campmann, Frontmann der kölschen Mundartband Kasalla, und schwelgt und schweigt. „Dankeschön!“, ruft er dann. „Zusammen sind wir eins!“ Das Publikum eskaliert. Das war im Juni.

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Acht Wochen nach dem Stadiontriumph ist Campmann gedrückter Stimmung. Kasalla, gerade zehn Jahre alt, wollte im Herbst auf Europatournee gehen. Man plante 27 Konzerte – in München, Hamburg, Frankfurt, Berlin, Wien, Zürich. Keines davon wird stattfinden. Zu schleppend lief der Kartenverkauf. „Am Ende mussten wir der Realität in die Augen schauen“, konstatiert Campmann. Kasalla strich die „Rudeldiere“-Tour und entschied sich für maximale Offenheit, was den Grund angeht: Der Vorverkauf läuft nicht. Trotz eines Albums, das die Top Ten erreichte. Trotz eines umjubelten Auftritts beim „Parookaville“-Festival im Juli, der wegen Überfüllung abgebrochen werden musste.

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„Ich könnte kotzen und heulen gleichzeitig“

Und Kasalla ist nicht allein. Auch Revolverheld um Sänger Johannes Strate hat seine Arena-Tour 2023 abgesagt. „Ich könnte gerade kotzen und heulen gleichzeitig, aber es führt leider kein Weg dran vorbei“, erklärt Strate in einem Instagram-Video. Starten sollte die „Neu erzählen“-Tour am 24. Januar in Leipzig.

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Auch Sänger Philipp Dittberner („Wolke 4″) strich seine Tournee. Sie sei „aus rein wirtschaftlichen Aspekten nicht möglich“. Die Hardrockband Der Weg einer Freiheit, eine feste Größe im deutschen Black Metal, tat es ihm gleich: „Die Fotos auf Social Media von ausverkauften Festivals und Hallen spiegeln leider für die meisten kleinen und unabhängigen Festivals und Promoter nicht die Realität wider“, schrieb die Band bei Instagram.

„Der Herbst und der Winter werden sehr hart“: Bastian Campmann von der Kölschrock-Band Kasalla, die ihre geplante Europatournee abgesagt hat.

„Der Herbst und der Winter werden sehr hart“: Bastian Campmann von der Kölschrock-Band Kasalla, die ihre geplante Europatournee abgesagt hat.

Was ist bloß passiert? Die Hoffnungen auf einen kulturellen Neustart waren doch so groß. Der Impfstoff ist da. Der Sommer ist da. Und nach zwei Jahren pandemischer Teilisolation müsste die Lust der Menschen auf gemeinsame Liveerlebnisse, auf kollektives Weinen, Schwärmen, Genießen und Lachen doch gewaltig sein? So hofften die Künstler und Künstlerinnen sowie Veranstalter des Landes. Doch das Gegenteil scheint der Fall. Der WDR meldet: 65 Prozent aller geplanten Veranstaltungen werden derzeit abgesagt.

Produktionstechnische Gründe? Das ist geschönter Branchensprech für leere Säle.

Bastian Campmann,

Frontmann der Kölschrock-Band Kasalla

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Überall ist in diesen Wochen entschuldigend von „produktionstechnischen Gründen“ die Rede, von erkrankten Musikern oder logistischen Problemen. Doch Campmann kennt die Chiffren: „,Produktionstechnische Gründe? Das ist geschönter Branchensprech für leere Säle.“ Schleppender Kartenverkauf aber ist ein großes Tabu in einer Branche, die schon von Berufs wegen um jeden Preis den schönen Schein zu wahren versucht.

„Unsere gesamte Branche leidet an Long Covid“

Mittelgroße Bands wie Kasalla oder Revolverheld also müssen komplette Tourneen absagen – gleichzeitig feiern 130.000 Menschen Helene Fischer und 90.000 weitere Robbie Williams am Samstagabend (27. August) in München. Nur die ganz Großen baden im Licht einzelner als Megaevent inszenierter Gigakonzerte, umsorgt von einem Heer aus bis zu 5000 Technikern, Sicherheitsleuten und Stagehands, das dafür sorgt, dass auch eine 1,58 Meter große Helene Fischer auf einer 150 Meter breiten Bühne perfekt zu sehen ist.

Zeitgleich hängen verzweifelte Musiker aus den unteren Ligen ihre Gitarren an den Nagel, kehren in ungeliebte Brotberufe zurück und begraben ihre Träume. Wie passt das zusammen? Sicher ist: Die Jubelfotos täuschen. Die Szene ist von Normalität weit entfernt. Oder wie Revolverheld-Sänger Stratmann sagt: „Unsere gesamte Branche leidet offensichtlich an Long Covid.“

Die Großen leuchten, die Kleinen leiden: Superstar Helene Fischer am 20. August 2022 auf dem Messegelände in München.

Die Großen leuchten, die Kleinen leiden: Superstar Helene Fischer am 20. August 2022 auf dem Messegelände in München.

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Mehr als eine Million Menschen in Deutschland arbeiten in der Veranstaltungsbranche. Musiker, Promoterinnen, Techniker, Soundingenieurinnen, Eventmanager, Zauberer, Tänzerinnen, Schauspieler, Theaterpädagoginnen, Comedians. Es war vor Corona, so meldet das Kulturbündnis „Alarmstufe Rot“, die sechstgrößte Branche des Landes, wenn man die Peripherie aus Hochzeitsfotografinnen, Schaustellern, Eventmanagern oder Promoterinnen dazuzählt. Allein mit Liveveranstaltungen setzte man 6 Milliarden Euro im Jahr um.

Nun aber stagniert das Publikumsinteresse auf sehr niedrigem Niveau. „Es läuft schlechter als in den Corona-Jahren 2020 und 2021″, sagt der Kabarettist Matthias Brodowy. Angst vor Ansteckung? Das allein kann es nicht sein. Selbst Open-Air-Veranstaltungen verkauften sich nicht. Er appelliert bei Facebook: „Wir brauchen euch!“

Vorne tanzen die Puppen - hinten herrscht Verzweiflung

„Die Rahmenbedingungen für wirtschaftlich profitable Veranstaltungen sind miserabel“, sagt Jens Michow, Präsident des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV). Mögen die Jubelberichte über ausverkaufte Events von Megastars auch den Anschein erwecken, das Konzertgeschäft laufe prächtig – in Wahrheit habe die Branche große Angst vor der Zukunft. Derzeit sage die Branche mehr Konzerte ab, als sie durchführe.

Die Rahmenbedingungen für wirtschaftlich profitable Veranstaltungen sind miserabel.

Jens Michow,

Präsident des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV)

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Die Gründe für die chronische Verunsicherung sind vielschichtig. Die Kosten für Veranstalter sind enorm gestiegen. Tickets, die 2020 gekauft wurden, bringen 2022 keinen neuen Umsatz – Shows sind aber viel teurer. Ein nachgeholtes Konzert ist bis zu 30 Prozent teurer als vor zwei Jahren; vom Diesel der Trucks über die Saalmiete bis zum Catering für die Crew. So machte das Fusion-Festival Ende Juni etwa bis zu 2 Millionen Euro Verlust – trotz 70.000 Besucherinnen und Besuchern. Das Haldern-Pop-Festival war – anders als sonst – nicht ausverkauft. Equipmentverleiher haben dichtgemacht, dringend benötigte Scheinwerfer oder Mischpulte hängen in chinesischen Containern irgendwo auf den Weltmeeren fest. Und weil sich nicht nur Kellner und Köchinnen in der Krise neue Jobs gesucht haben, sondern auch Beleuchter, Roadies, Produktionsassistenten und Rigger, spricht Michow von einem drohenden „personellen Kollaps“. Mögen auf der Bühne auch tapfer die Puppen tanzen – dahinter herrscht Verzweiflung.

„Vor dem personellen Kollaps“: Die Veranstaltungsbranche sucht dringend Fachpersonal wie Rigger, die in großen Höhen über Bühnenkonstruktionen arbeiten.

„Vor dem personellen Kollaps“: Die Veranstaltungsbranche sucht dringend Fachpersonal wie Rigger, die in großen Höhen über Bühnenkonstruktionen arbeiten.

Richtig voll sind nur Megaevents und Nachholshows

Und die Zuschauer und Zuschauerinnen? Richtig voll sind nur Megaevents und nachgeholte Shows, für die Tausende Menschen längst Karten hatten, wie Kasallas zweimal verschobenes Stadionkonzert im Juni. Warum laufen so viele kleinere und mittlere Shows so schlecht? „Ich glaube, dass es noch immer einen gewissen Anteil an Menschen gibt, der vorsichtig ist, was Indoorveranstaltungen im Herbst angeht“, sagt Campmann. „Zweitens ist das Geld aktuell weniger wert. Die Leute fragen sich: Wie hoch wird meine Gasrechnung? Worauf kann ich verzichten? Und drittens sind einfach die Kühlschränke noch vollgepinnt mit alten Konzerttickets und Einladungen für verschobene Hochzeiten und runde Geburtstage. All das spielt eine Rolle.“

Die Kühlschränke sind noch vollgepinnt mit alten Konzerttickets und Einladungen für verschobene Hochzeiten und runde Geburtstage.

Bastian Campmann,

Frontmann der Kölschrock-Band Kasalla

Bei einer Inflation von 7,5 Prozent im Juli erscheint Kultur verzichtbar im Vergleich zu Milch und Brot. Hinzu kommt: Nachgeholte Konzerte auch von Superstars verstopfen die Eventkalender. Und viele Kundinnen und Kunden warten noch immer auf Rückerstattung für ausgefallene Konzerte. Da investiert man nicht gern in neue Events in ungewisser Zukunft. Vor allem die Älteren, so melden es Veranstalter, hätten zudem noch immer pandemische Bedenken, was vor allem Theater und Kleinkunstbühnen spürten. Im St.-Pauli-Theater in Hamburg liegt die Auslastung bei 60 Prozent. Wenn die Förderung Ende des Jahres wegfalle, sagt Besitzer Thomas Collien im NDR, werde es für viele Theater schwer zu überleben.

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„Der Herbst und der Winter werden sehr hart“

„Der Herbst und der Winter werden sehr hart“, fürchtet auch Campmann. „Jedem, der bis drei rechnen kann, dürfte klar sein: Es wird keine neuen Kulturhilfen geben. Da gibt es ganz andere Baustellen. Da geht es um Gas, um Energiehilfen, um Dinge, die – das muss ich auch als Kulturschaffender sagen – für den sozialen Frieden dringlicher sind. Man kann Geld eben nur einmal ausgeben.“

Kleinkunst auf großer Bühne. Der Kulturpark Deutzen während der Liedermachershow von oben.

„Die Leute haben sich ein Stück weit unbewusst abgewöhnt, auf Konzerte zu gehen“: Kleinkunst auf großer Bühne im Kulturpark Deutzen während der Liedermachershow in Leipzig.

Die bange Frage auf den Bühnen des Landes lautet: Wie nachhaltig ist das Problem? Wird das Publikum eines Tages in alter Stärke zurückkehren? Oder was passiert, wenn eine ganze Generation ihre musikalische Livesozialisation in einer prägenden Zeit ihres Lebens verpasst? Wie soll sich da jemals eine solidarische Loyalität zwischen Fans und Musikern entwickeln, die zu anderen Zeiten über Jahrzehnte trägt (und die Stadien der Rolling Stones bis heute füllt)?

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„Ich denke, das Sozialverhalten vieler Menschen hat sich durch das Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-sein dauerhaft und permanent verändert“, sagt Campmann. „Damit müssen wir als Kulturschaffende rechnen.“ Auch Nikita Kamprad von der Band Der Weg einer Freiheit nimmt an, dass sehr viele Menschen während der langen Konzert- und Festivalpause ihre Freizeitinteressen umgestellt haben. Er glaube, sagte er im Bayerischen Rundfunk, „dass sich die Menschen ein Stück weit unbewusst abgewöhnt haben, auf Konzerte zu gehen“.

Die Leute haben sich ein Stück weit unbewusst abgewöhnt, auf Konzerte zu gehen.

Nikita Kamprad von der Band Der Weg einer Freiheit im Bayerischen Rundfunk

Das wäre verheerend für die kulturelle Buntheit des Landes. Das Liveerlebnis galt in Zeiten, in denen Musiker von Spotify & Co. mit Brotsamen abgespeist werden, in denen mit Youtube kaum und mit physischen Tonträgern praktisch gar kein Geld mehr zu machen ist, als letzte Bastion, mit der sich die Kulturwelt gegen globale Menschenfischer wie Netflix und Disney noch würde behaupten können. Die Zukunft des Entertainments liege im großen und kleinen Livegig, hieß es. Denn der ist nicht kopierbar und bleibt damit einzigartig. Für Megastars wie Robbie Williams scheint das weiterhin zu gelten. In der Fläche aber greift Panik um sich.

Kultur – ganz nett, aber nicht lebenswichtig?

Wenn sich nur noch Mainstreamshows ab 10.000 Zuschauenden rechnen, gehen zahllose ungeplante Zaubermomente verloren – in der Kleinkunst, im Jazz, im Kabarett, im Varieté oder bei Lesungen. Dann droht ein kultureller Winter, dessen Dauer niemand kalkulieren kann. Viel zu lange hat es zu Beginn der Pandemie gedauert, bis die Politik verstand, dass die Förderung von Fixkosten der Kreativbranche mit ihrem besonderen Charakter nicht hilft. Viel zu lange galt die Kultur als lässlicher Luxus der Gesellschaft – ganz nett zu haben, aber nicht lebenswichtig.

Wenn es wirklich einmal leise ist, dann wird‘s auch leise bleiben.

Bastian Campmann,

Frontmann der Kölschrock-Band Kasalla

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Wenn sich die Frage, ob Kultur systemrelevant ist, aber erst beantwortet, sobald man als treuer Kulturkonsument bereits Phantomschmerzen verspürt, ist es womöglich zu spät. Er wünsche sich, sagt Campmann, „dass die Leute, statt das dritte Netflix-Abo, Disney+ und Amazon Prime abzuschließen, wenigstens einmal im Monat ein Kulturevent besuchen würden. Dass man sich wieder traut, rauszugehen, und damit die Vielfalt der Kulturlandschaft unterstützt“. Denn eines sei klar: „Wenn es wirklich einmal leise ist, dann wird‘s auch leise bleiben.“

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