Willkür des Staats zum Opfer gefallen

Russlands wichtigstes Avantgardetheater: vom Aufstieg und Fall des Moskauer Gogol Centers

Eine Ballettaufführung im Gogol Centre. (Archivfoto)

Eine Ballettaufführung im Gogol Centre. (Archivfoto)

Moskau. „Theater kann man nur gemeinsam machen.“ Als Kirill Serebrennikow diesen Satz im Februar 2014 sagte, konnte man das als sein Erfolgsrezept interpretieren. Zu dem Zeitpunkt bestand das Gogol Center unter seiner künstlerischen Leitung ein gutes Jahr und hatte sich in dieser kurzen Zeit zu einem Volltreffer der Moskauer Kulturpolitik entwickelt: Die Gästezahlen hatten sich schon verdreifacht, und in den Jahren danach strömten die Zuschauerinnen und Zuschauer in immer größeren Scharen in das Haus, das in einer ehemaligen Werkhalle untergebracht war. Doch nun ist zu befürchten, dass damit Schluss ist. Denn es wird das Gogol Center in seiner bisherigen Form nicht mehr geben.

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Dass Serebrennikow mit dem Theater auf Anhieb so erfolgreich sein würde, war längst nicht absehbar gewesen. Denn eigentlich war das Gogol Theater, wie das Haus hieß, bevor es von dem renommierten Theater-, Opern- und Filmregisseur in Gogol Center umbenannt wurde, immer ein sehr undankbares Kulturprojekt gewesen. Bereits im Jahr 1925 als ein Theater für die Arbeiterinnen und Arbeiter der Eisenbahnbetriebe gegründet, war sein Standort in der Nähe des Kursker Bahnhofs für jeden Theaterleiter zum Verhängnis geworden.

Im düsteren Labyrinth der Bahnhofsunterführungen und -gassen wirkte ein Schauspielhaus völlig fehl am Platz. Die Menschen, die hier vorbeikamen, dachten nicht an künstlerische Inspiration, sondern vor allem ans schnelle Weg- und Weiterkommen. Selbst in den sowjetischen Mangeljahren, als in Moskau jede Theaterkarte sofort ausverkauft war, waren die Gogol-Tickets wenig gefragt. Und auch in den Zeiten der gesellschaftlichen Liberalisierung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 ging man eher nicht ins Gogol.

Das Schild mit dem Namen Gogol Center ist vom Gebäude verschwunden.

Das Schild mit dem Namen Gogol Center ist vom Gebäude verschwunden.

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Es sollte bis zum August 2012 dauern, als sich die Situation des Theaters schlagartig änderte. Dem damaligen Moskauer Kulturdezernenten Sergej Kapkow, der durch die verhältnismäßig liberale Ära während der Präsidentschaft Dmitri Medwedews von 2008 bis 2012 geprägt war, dämmerte, dass der frisch geweckte Freiheitssinn der Bürgerinnen und Bürger auch in der Kultur eingelöst werden musste. Gemeinsam mit seiner Stellvertreterin Jewgenia Schermenewa leitete er eine Theaterreform ein, an deren Speerspitze das Gogol Center stehen sollte. Dafür holte er sich Serebrennikow als Intendanten, der sich mit dem interdisziplinären Kunstprojekt Plattform einen Namen gemacht hatte und als einer der angesagtesten Theaterleute Russlands galt.

Nackte Ziegelsteine statt Samtstühlen

Viele hatten deswegen erwartet, dass der als extrem ambitioniert bekannte Regisseur, nachdem er nun ein eigenes Theater hatte, sich mit diesem Haus selbst ein Denkmal setzen würde. Doch statt als Dominator aufzutreten, kam seine Überzeugung zum Tragen, dass Theater nur gemeinsam gemacht werden könne. Als sein Ensemble das erste Jahr mit einer Parodie feierte, war ihm wichtig, dass jedes Mitglied eine Rolle darin bekam: Von der ältesten Darstellerin Maja Iwaschkewitsch bis zum jüngsten Schauspieler Fillipp Awdejew. Außerdem holte er verheißungsvolle junge Regisseure ins Haus, die mit ersten Arbeiten aufgefallen waren, ohne dass sie den großen Durchbruch geschafft hatten. Seine eigenen Arbeiten stellte der Boss ausdrücklich in eine Reihe mit ihren Inszenierungen.

Doch Serebrennikow fasste das Gemeinsame noch viel weiter: Ihm war wichtig, dass auch die Zuschauerinnen und Zuschauer in die Aufführungen mit einbezogen werden. Das Gogol Center sollte allen gehören, den Bürgerinnen und Bürgern genauso wie den Künstlerinnen und Künstlern. Jeder und jede konnte fast rund um die Uhr ohne Eintrittskarte vorbeikommen, denn ständig war etwas geboten: wenn nicht ein Theaterstück auf der Hauptbühne, dann eine Lesung im Nebensaal oder Livemusik im Foyer. Ein Glas Wein oder einen Espresso im Café gab es sowieso immer. Dort traf man auch die Künstlerinnen und Künstler, für die es keine eigene Kantine gab: Die Angestellten aßen gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern.

Kirill Serebrennikow bei einer Gerichtsanhörung im November 2019.

Kirill Serebrennikow bei einer Gerichtsanhörung im November 2019.

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Der Bühne sollte die erhöhte Position genommen werden, die ihr gerade in der sehr klassischen Theatertradition Russlands zugeschrieben wird. Das schlug sich auch in der Gestaltung des Theaters nieder. Statt Säulen und Samtstühlen gab es nackte Ziegelsteine, verschiedene alte Möbelstücke und einfache Holzstühle.

Im Gogol Center sollte sich Moskau spiegeln. Hier trafen sich Studierende, Geschäftsleute, Beamtinnen und Beamte, Menschen aus der Unterhaltungsbranche und Intellektuelle – freundlich, demokratisch und tolerant. Die Tradition wurde hochgehalten, aber nicht als Bildungskanon, sondern als öffentliches Gut verstanden, das allen zugänglich gemacht werden sollte. Shakespeare und Molière, Gogol und Puschkin, Pasternak und Kusmin wurden in zeitgemäßen Interpretationen zu Partnern des Publikums. Gleichzeitig sollte die Vergangenheit nicht über die Gegenwart gestellt, sondern das Repertoire von Klassikern und Zeitgenossen kombiniert werden. Zu Letzterem zählte etwa Serebrennikows Inszenierung „Maschine Müller“, eine Hommage an den deutschen Dramatiker Heiner Müller.

Der Staat entscheidet, welche Kunst nützlich ist

Das Theater war nicht an Normen in Bezug auf Sexualität und geschlechtsspezifisches Verhalten gebunden. Nackte Körper und queere Ästhetik wurden zu Markenzeichen des Theaters, was zu Meinungsverschiedenheiten führte, die bewusst ausgetragen werden sollten. „Das Gogol Center war ein Haus, in dem hochmodernes, aufregendes und freies Theater gespielt wurde, das es vorher in Russland so gar nicht gab“, sagt die deutsche Schauspielerin Franziska Petri, die in Serebrennikows Film „Betrayal“ von 2012 mitspielt.

Der Regisseur verstand sich nicht als jemand, der explizit zum Protest aufruft, aber mit seinen Anschauungen, die er offen zum Ausdruck brachte, und aus seiner visionären Mission ergab sich wie von selbst eine regierungskritische Haltung. Oft genug fungierten Dissidenten, oppositionelle Künstlerinnen und Künstler sowie politische Aktivistinnen und Aktivisten als Protagonisten des Theaters. Und das wurde immer mehr zum Problem, je stärker die russische Staatsmacht von 2012 an ihren repressiven Kurs verschärfte.

Keiner personifiziert diesen Wandel so sehr wie der frühere russische Kulturminister Wladimir Medinskij, der von 2012 bis 2020 im Amt war. Nach seiner Auffassung obliegt dem Staat die Entscheidung darüber, welche Kunst für die Gesellschaft nützlich und welche schädlich ist, wobei natürlich nur die „nützliche“ Kunst finanziert werden sollte. Künstlerinnen und Künstler, die den Behörden gegenüber illoyal erscheinen, sind nach dieser Logik nicht zu fördern, sondern zu bekämpfen.

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Hastig umbenannt

Serebrennikow bekam es zu spüren. Im August 2017 wurde er unter dem Vorwand, Fördermittel veruntreut zu haben, unter Hausarrest gestellt, aus dem er erst nach knapp 20 Monaten freikam. Im Februar 2021 verlängerte die Stadt Moskau seinen Vertrag als Künstlerischer Leiter des Gogol Centers nicht mehr. Noch konnte das Theater damals mit der Mission des Gründers weiterarbeiten, denn Alexej Agranowitsch und Alexej Kabeschew, die die Leitung des Hauses damals übernahmen, sind Gefolgsleute Serebrennikows. Doch nun wurden auch sie ersetzt – durch Anton Jakowlew und Alexander Botscharnikow, die in keinerlei Verbindung zum bisherigen Führungsteam des Gogol Centers stehen. Dass für das Haus wohl eine einschneidende Zäsur bevorsteht, kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass es hastig in Dramatisches Theater Gogol umbenannt wurde.

„Das Schicksal des Gogol Centers ist ein Beleg dafür“, schreibt der Theaterkritiker Anton Chitrow des russischen Exil-Nachrichtenportals „Meduza“, „dass der Staat heute einen Künstler nur dann bezahlt, wenn er sich seine Werte vorschreiben lässt – mit anderen Worten, wenn er aufhört, ein Künstler zu sein. (…) Dies ist eine schlimme Nachricht für das russische Theater, das maßgeblich vom Staat finanziert wird.“

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