Skandal um Will Smith

Kein Selenskyj, aber eine Ohrfeige: „Coda“ siegt bei denkwürdiger Oscargala

Will Smith nimmt bei der 94. Verleihung der Academy Awards in Hollywood den Preis als bester Schauspieler entgegen.

Will Smith nimmt bei der 94. Verleihung der Academy Awards in Hollywood den Preis als bester Schauspieler entgegen.

Hollywood-Rebell Sean Penn muss jetzt wohl seine beiden Oscars aus früheren Jahren einschmelzen: Das hatte der Schauspieler angedroht, falls der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nicht live zur Oscargala zugeschaltet werde. Auf Selenskyj aber wartete die globale Kinogemeinde vergeblich bei der 94. Oscargala, die insgesamt weit weniger politisch ausfiel, als man in Zeiten des Krieges hätte erwarten können.

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Die Oscaracademy beließ es bei einem Moment des Schweigens. Sie rief zur Solidarität mit den Menschen in der Ukraine auf. „Wir können mehr tun und sollten die Ukraine unterstützen, wo immer wir können“, hieß es auf einer riesigen Schrifttafel im Dolby Theatre am Hollywood Boulevard. Angesichts dieses unverbindlichen Aufrufs dürfte Penn seine Oscars für „Mystic River“ (2004) und „Milk“ (2009) nun wütend in den Schmelzofen schleudern.

Russlands Krieg in der Ukraine war fast kein Thema

Der Überfall Russlands auf die Ukraine wurde beinahe wie der vielzitierte Elefant im Raum umgangen. Lediglich Schleifen in den ukrainischen Landesfarben tauchten hier und da an Smokings und Abendkleidern auf. Auch die aus der Ukraine stammende Oscarpräsentatorin Mila Kunis, die viele Millionen Spendengeld eingesammelt hat, verzichtete auf eine Stellungnahme. Kenneth Branagh, ausgezeichnet fürs Originaldrehbuch für „Belfast“, sprach über das Leid in der nordirischen Hauptstadt – ohne den naheliegenden Verweis auf die gepeinigten Ukrainer.

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So konzentrierte sich Hollywood auf das, wovon es am meisten versteht: aufs Entertainment. Spannend bis zum Ende war die von den drei Gastgeberinnen Regina Hall, Amy Schumer und Wanda Sykes schwungvoll moderierte und mit übermäßig vielen Musikeinlagen versehene Show tatsächlich.

Je länger der Abend dauerte, desto enttäuschender fiel er für Netflix aus. Jane Campions gleich zwölffach nominierter Spätwestern „The Power of the Dog“ war im Voraus als schier unverrückbarer Sieger gefeiert worden – und dann zog der Independentfilm „Coda“ an der Netflix-Prestigeproduktion als bester Film vorbei.

Regisseurin Siân Heder erzählt in der Tragikomödie komisch und berührend zugleich vom schwierigen Erwachsenwerden eines Mädchens, das das einzige hörende Mitglied in einer gehörlosen Familie ist.

Allein als es an den Regieoscar ging, durfte die Neuseeländerin Campion sich von ihrem Platz erheben: Sie holte sich die zweite Trophäe nach der fürs Originaldrehbuch für „Piano“ 1994 und verlas brav ihre vorbereitete Dankesrede.

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„Coda“: Kein Sieg des Kinos

Eine der eindringlichsten Momente des Abends war denn auch die Verleihung des Nebenrollenoscars an Troy Kotsur in „Coda“: Er ist erst der zweite gehörlose Schauspieler, der den Preis gewann – nach seiner Kollegin Marlee Matlin 1987 für „Gottes vergessene Kinder“. Kotsur widmete seinen Preis der Gemeinde gehörloser Menschen.

Die versammelte Hollywood-Prominenz spendete ihm stehende Ovationen. Viele Gäste klatschten nicht, sondern hoben die Arme und drehten die Hände - das heißt Applaus in der Gebärdensprache.

Einen Sieg des Kinos bedeutet der Triumph von „Coda“ keinesfalls: Apple TV+ vertreibt den Film auf seiner Plattform. Damit hat erstmals ein Streamingfilm den wichtigsten Oscar gewonnen. Die große Frage ist, ob die Hollywood-Academy im nächsten Jahr wieder gezielt aufs Kino setzt – oder Apple, Netflix und Co. künftig über die besonderen Zugangsregeln in der Corona-Pandemie hinaus im Allerheiligsten Hollywoods das Feld aufmischen dürfen.

Die Ohrfeige, die um die Welt geht

Der irritierendste Augenblick: Komiker Chris Rock machte einen geschmacklosen Witz auf Kosten von Jada Pinkett Smith und deren raspelkurze Frisur. In diesem Moment packte Ehemann Will Smith die Wut. Er stürmte auf die Bühne und verpasste Rock eine Ohrfeige. Zurück an seinem Platz rief er: „Nimm den Namen meiner Frau nicht in deinen verdammten Mund.“ Seine Ehefrau leidet unter Alopecia, einer Autoimmunerkrankung, bei der die Haare ausfallen.

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War diese Szene echt oder doch gespielt? Das wurde erst eine gute halbe Stunde später klar.

Ein emotional immer noch angefasster Smith nahm mit Tränen in den Augen den Hauptdarstelleroscar für das Tennisdrama „King Richard“ entgegen, in dem er den ehrgeizigen Trainervater der Schwestern Serena und Venus Williams spielt. Smith entschuldigte sich in einer ziemlich wirren Rede für sein Verhalten bei der Academy, nicht aber bei Rock. Er sprach von Demütigungen in Hollywood und zugleich von der Verantwortung für die Familie, die er wie auch seine Filmfigur Richard verspüre.

Oscar-Ohrfeige: Will Smith tritt aus der Filmakademie aus

In einer Erklärung schrieb Smith am Freitag, er sei „untröstlich” und nannte sein Verhalten „schockierend, verletzend und unentschuldbar”.

Auch bei Jessica Chastain, gekürt als beste Hauptdarstellerin in „The Eyes of Tammy Faye“, lohnte sich das Zuhören: Sie brandmarkte mit Blick auf die LGBTQ-Community die „bigotten Gesetze, die in diesem Land verabschiedet werden“ – und bezog sich damit wohl auf Florida, wo das Wort „homosexuell“ vor Schülern unter zehn Jahren nicht mehr verwendet werden soll.

Zwei Oscars für Deutsche

Und die Deutschen? Die Show hatte noch gar nicht begonnen, da wusste die globale Kinowelt schon, dass der gebürtige Hesse Hans Zimmer mit „Dune“ den Oscar für die beste Originalmusik gewonnen hatte. Acht vermeintliche Nebenkategorien hatte die Academy schon vorab verliehen, um das Programm zu straffen und gab das Ergebnis bekannt.

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So erlebte der über Hollywoods neue Zwei-Klassen-Gesellschaft schwer verärgerte Zimmer seinen zweiten Oscar nach „König der Löwen“ (1995) auch gar nicht vor Ort: Er gab am Sonntag in Amsterdam ein Konzert – und zeigte sich auf Twitter im Hotelbademantel. Seine Tochter hatte ihn geweckt, um ihm die gute Nachricht mitzuteilen.

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Einen zweiten deutschen Oscar holte Gerd Nefzer. Der Schwabe gehörte zum Team für visuelle Effekte des Science-Fiction-Spektakels „Dune“ – und auch er hatte vor vier Jahren schon für „Blade Runner 2049″ einen Oscar gewonnen. Insgesamt räumte Dennis Villeneuves Wüstenspektakel an diesem Abend fünf Trophäen ab, mehr als jeder andere Film.

Da ließ sich verschmerzen, dass Maria Schraders Roboter-Romanze „Du bist mein Mensch“ schon in der Vorrunde ausgeschieden war. Den Auslandsoscar nahm erwartungsgemäß der Japaner Ryusuke Hamaguchi für „Drive my Car“ entgegen.

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Sean Penn fehlte in dieser Nacht der Nächte: Er hält sich zur Zeit in Polen auf, um mit seiner Hilfsorganisation Core ukrainische Geflüchtete zu unterstützen.

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