Zeichen und Symbole

Ausstellung zeigt „Sprache ohne Worte“

Zeichen stiften Identität – nicht nur bei Rockern mit ihren verzierten Jacken.

Zeichen stiften Identität – nicht nur bei Rockern mit ihren verzierten Jacken.

Man würde Frank Hanebuth nicht unbedingt im Bonner Haus der Geschichte vermuten. Als Ausstellungsobjekt schon gar nicht. Doch nun steht der Ober-Hells-Angel da – in Lebensgröße. Auf einem mannshohen Bild, von hinten fotografiert neben dem Chef der konkurrierenden Bandidos beim sogenannten Rockerfrieden von Hannover. Der Fokus der Ausstellungsmacher liegt nicht auf dem Mit- oder Gegeneinander der beiden Männer, sondern auf deren verzierten Lederjacken. Die Ausstellung in der früheren Bundeshauptstadt widmet sich dem Thema Zeichen. Und die sind auf Rockerjacken wahrlich nicht zu übersehen.

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Es geht um die Symbolik des Alltags und des Berufs. Wie sprechen Politiker beim Argumentieren mit den Händen? Welche Gestik verleiht ihren Worten zusätzliche Überzeugungskraft? Bei der richtigen Zusammenstellung entlarvt sich der Politikbetrieb als Hort der typischen Handbewegung. Die Klassiker sind parallel gehaltene, auf- und abschwingenden Arme, der pointierte Zeigefinger, der mit den Händen beschriebene Kreis. Antrainierte Suggestionswerkzeuge, teils voneinander abgeschaut, teils durch die selben Trainer vermittelt.

Die Macht der Zeichen ist das Grundthema der Ausstellung. Die Zeichen der Macht stehen im Mittelpunkt, besonders die der Politik. Das ist sich die ehemalige Bundeshauptstadt wohl schuldig. Rund 600 Objekte sind zu sehen, die Ausstellung ist an Quadratmetern nicht besonders groß und wirkt auch nicht spektakulär. Ihre Größe entfaltet sie im Kopf des Betrachters. Denn das meiste, was zu sehen ist, kennt er nur zu gut. So gut, dass er sich keine Gedanken darüber macht und die Botschaft des Zeichens durch sein Unterbewusstsein verarbeiten lässt. Hier dagegen outen sich die Zeichen einmal als kraftvolle Lenkungsinstrumente. Angela Merkels typische Handhaltung – die Fingerspitzen beider Hände aneinandergedrückt vor dem Bauch – ist nicht nur zu ihrem Markenzeichen geworden, sondern mittlerweile auch in der Facebook-Welt ein gern veralberter Running Gag. Gerhard Schröder dagegen versuchte bei Reden, Entschlossenheit durch die geballte Faust zu zeigen.

Überhaupt die Hände und ihr Zeichenreservoir. Zwischen erhobenem Daumen, erhobenem Zeigefinger und erhobenem Mittelfinger liegen nicht nur Welten, sondern manchmal auch eine Anzeige oder eine Tracht Prügel. Gleichzeitig erhobener Zeige- und Mittelfinger symbolisieren das Victory-V – und mittlerweile auch das hässliche Gesicht der geldsatten Macht, das seit einer Gerichtsverhandlung im Januar 2004 dem damals angeklagten Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann gehört.

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So grenzübergreifend Handzeichen als Sprachersatz auch sein mögen – bei einigen ist äußerste Vorsicht geboten. Der mit Daumen und Zeigefinger geformte Kreis mag in vielen Ländern ein Lob oder ein „Okay“ bedeuten, in Brasilien sollte man sich nach dieser Geste lieber aus dem Staub machen, weil es dort als Beleidigung gilt, ebenso wie der hochgereckte Daumen in Griechenland, der wiederum in Japan als Liebesbekenntnis gilt.

Dabei sollen Zeichen eigentlich Klarheit schaffen und Einigkeit: Die Friedensbewegung hat das Peace-Zeichen und die weiße Taube. Der runde, gelbrote „Atomkraft – nein, danke“-Sticker hat eine immense, sagen wir, Strahlkraft und ist zu einem Markenzeichen geworden, dessen Wiedererkennungswert sich jeder Unternehmer wünschen würde.

Zeichen schaffen Identität. Wie die Rockerkutten stehen auch Tätowierungen für eine Haltung und prägen den Menschen, ohne dass man ihn kennt. Mit dem Verbergen der Tattoos unter der Kleidung und einem entsprechenden Outfit (einem der wichtigsten nonverbalen Kommunikationsmittel) nimmt man dieselbe Person plötzlich ganz anders wahr. Das eindrucksvollste Beispiel ist eine Bilderserie einer Frau, die ein Kopftuch auf mehr als ein Dutzend verschiedene Arten trägt – und je nach Stil oder auch Grad der Verhüllung beim Betrachten vorgefertigte Assoziationsschemata in Gang setzt. 

Als ein anderes, überlebensgroßes Beispiel für ein Klamottenchamäleon prangt der dreifache Karl Theodor zu Guttenberg auf einer Art Litfaßsäule – im Anzug, in bayerischer Tracht und in Bundeswehrmontur. Kopf, Rumpf und Beine sind gegeneinander verschiebbar, sodass man sich seinen eigenen Guttenberg zusammenbauen kann – ein Schuft, der Böses dabei denkt.

"Zeichen. Sprache ohne Worte" läuft bis zum 15. April im Bonner Haus der Geschichte. Informationen gibt es unter (02 28) 9 16 50 sowie im Internet unter www.hdg.de.

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