Literarischer Salon

Dänemarks Stadtplaner Jan Gehl beeindruckt das Publikum im Audimax

Gegen „Motorismus“ und „Modernismus“: Jan Gehl (rechts) im Gespräch mit Joachim Otte.

Gegen „Motorismus“ und „Modernismus“: Jan Gehl (rechts) im Gespräch mit Joachim Otte.

Hannover. Er ist der Mann hinter der Wiederbelebung von New Yorks Zentrum, er hat einen Ausbau von Fußwegen in Moskauer und von Plätzen in Londons initiiert – und er hat bewirkt, dass jährlich rund 400 Stadtplaner die dänische Metropole Kopenhagen besuchen. Denn dort wirken die erstaunlichen Stadtentwicklungsimpulse des Jan Gehl schon am längsten, sind die Auswirkungen am sichtbarsten.

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Jetzt ist der 82-jährige Architekt und Stadtplaner von Kopenhagen nach Hannover gekommen – was Joachim Otte, der Moderator des Literarischen Salons, zum Anlass für einen kühnen Vergleich des Gasts aus Dänemark nimmt – mit Hannovers Nachkriegsstadtplaner Rudolf Hillebrecht. Jan Gehl, sagt Otte unter aufbrandendem Gelächter im vollbesetzten Audimax, in das die von der VHV-Stiftung geförderte Veranstaltung wegen des großen Andrangs verlegt worden ist, sei ja „sozusagen der Hillebrecht von Kopenhagen“.

Flirten auf zwei Rädern

Aber eben nur sozusagen. Schließlich hat Hillebrecht vor 60 Jahren als Architekt der „autogerechten Stadt“ Hannover Berühmtheit erlangt, zur selben Zeit, als der gut eine Generation jüngere Architekturstudent Gehl genau diesem Denken schon mit Skepsis begegnet ist. Der Zeitgeist eines „Motorismus“, eines Kults ums Auto, und eines „Modernismus“, einer auf die Gebäude verengten Moderne, hätten in jenen Jahren eine für die Stadtentwicklung fatale Allianz gebildet. „Seit 1960 wurden Städte für Autos statt für Leute entworfen“, sagt Gehl und nennt dies „die größte Manipulation der Menschheitsgeschichte“. Dagegen hat er sein ganzes Berufsleben hindurch gekämpft – mit einigem Erfolg: „Seit der Jahrtausendwende beginnt man wieder, Städte für Menschen zu bauen.“

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Platzbedarf von Mensch und Auto

Platzbedarf von Mensch und Auto: Joachim Otte und Jan Gehl vor der Versuchsanordnung des Planungskritikers Hermann Knoflacher.

Doch ist das nicht eine Selbstverständlichkeit? „Wenn du die Menschen liebst, kannst du ein guter Architekt werden“, sagt Gehl, doch viele seiner Kollegen seien ihren Mitmenschen statt in Augenhöhe lieber aus der Vogelperspektive von Bauklotzplanern begegnet, hätten statt auf menschengemäße Stadtentwicklung aufs technisch maximal Machbare an Tempo, Dichte und Höhe gesetzt. Als Beispiele dafür werden im Audimax Wolkenkratzerbilder aus Singapur und Dubai gezeigt. „Da verlassen die Leute in ihrer Freizeit die Hochhäuser, denn fünf, sechs Stockwerke, das ist noch tauglich für Menschen, alles darüber ist für Dinosaurier.“ Und was ist sonst das rechte, das „Menschliche Maß“, wie ein Dokumentarfilm über den dänischen Visionär heißt? Gehl empfiehlt den Blick auf traditionelle Städte, deren Straßen und Plätze auf den Bewegungsradius des menschlichen Körpers ausgerichtet sind. Und Moderator Otte präsentiert dazu eine Aufnahme des muschelförmigen Piazza del Campo von Siena und fragt: „Ist das die beste Stadt?“ „Ja“, lautet Gehls kurze Antwort.

Das Kopenhagen von 1960 war davon weit entfernt, die Stadt war von Autotraversen durchschnitten, das Durchschnittstempo lag bei 60 Stundenkilometern. Doch 1962 wurde dort auf Initiative Gehls die erste Straße für den Autoverkehr gesperrt, dann wurden Fußwege verbreitert, Parkplätze wieder in Parks, Plätze aus Verkehrsknotenpunkten in Treffpunkte verwandelt, Autostraßen zurückgebaut, 1000 Kilometer Radstraßen geschaffen, Sitzbänke installiert, Bäume gepflanzt, Räume zur Begegnung geschaffen. „Wenn man Kinder und alte Leute auf der Straße sieht“, sagt Gehl, „dann ist man in einer Stadt von guter Qualität.“ Heute nutze jeder zweite Kopenhagener statt des Autos das Fahrrad, jede dritte Familie habe ein Lastenrad. „Reden, trinken, spielen, flirten – das findet da alles auch auf zwei Rädern statt.“ Möglich sei das auch durch ein angemessenes Tempo. „Fünf bis 15 Stundenkilometer“, sagt Gehl, so wie beim Laufen oder Radfahren, „das entspricht dem menschlichen Handlungsrahmen.“ Kein Wunder, dass Stadtplaner solche Akzente inzwischen „Kopenhagenizing“ nennen.

Spektakuläre Akzente

Die spektakulärsten Akzente außerhalb Kopenhagens hat Jan Gehl in New York gesetzt. Aus dem Time Square, einst einer schnöden Kreuzung im ansonsten auch früher schon schicken Theater District, ist unter seinem Einfluss ein verkehrsberuhigter Platz geworden. Und genau so wurden an allen Schnittstellen zwischen dem Broadway und den Avenues von Manhattan die Autos zurückgedrängt, beleben Straßencafés und Ruheplätze die Hochhausschluchten. „Insgesamt sind 50 neue Plätze entstanden“, sagt Gehl. „Früher strömten eine Million Pendler täglich mit dem Auto ins Zentrum, inzwischen sind auch dort mehr als 1000 Kilometer Radstrecken geschaffen worden.“

„Die beste Stadt“

„Die beste Stadt“? Der Piazza del Campo und die Altstadt von Siena.

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Aus dem eher jungen und vorwiegend mit dem Rad angereisten Publikum kommen am Ende des gut zweistündigen Abends Fragen nach Strategien auf dem Weg zu lebenswerteren Städten. Ob Appelle an Politiker reichten oder dafür massenhafter Druck nötig sei („Eine Graswurzelbewegung ist schon wichtig“). Wie eine neue Generation zu Fortbewegung ohne das Auto bewegt werden könne („In Kopenhagen wird schon im Kindergarten das Radfahren geübt“). Und Joachim Otte will wissen, ob Jan Gehl etwa überhaupt keine Autos wolle. „Nein, aber ich will Städte für Menschen.“

Genau so, „Cities for People“, heißt auch sein jüngstes Buch, das 2015 auch auf Deutsch erschienen ist („Städte für Menschen“, Jovis-Verlag, 304 Seiten, 32 Euro), nur fünf Jahre nach der Publikation in Dänemark. Immerhin, bei seinem Buch ,Leben zwischen Häusern‘ (1987) sind bis zur deutschen Übersetzung 25 Jahre vergangen. „Das“, fügt Gehl zwischen Freude und Sarkasmus hinzu, „ist doch schon ein großer Fortschritt.“

Von Daniel Alexander Schacht

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