Kunstsammlungen

Doppelausstellung eines Ehepaares: Rosa Loy und Neo Rauch

„Es ist ein aus meinem Schaffen herausragendes Bild“:  Neo Rauch und Rosa Loy vor Rauchs Gemälde „Die Abwägung“ in den Chemnitzer Kunstsammlungen.

„Es ist ein aus meinem Schaffen herausragendes Bild“: Neo Rauch und Rosa Loy vor Rauchs Gemälde „Die Abwägung“ in den Chemnitzer Kunstsammlungen.

Chemnitz. Leidenschaft und Energie verstecken sich bei manchen Menschen gerne hinter trockenen Bemerkungen. „Das ist nicht die erste Doppelausstellung bei uns, nur sind die beiden Künstler hier zufällig miteinander verheiratet“, sagt Ingrid Mössinger. Dabei ist der als hartnäckig bekannten Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz mal wieder ein Coup gelungen: die erste gemeinsame Schau des seit 1985 verheirateten Leipziger Ehe- und Malerpaares Neo Rauch und Rosa Loy in Deutschland.

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Mössinger kennt Rauch seit Anfang der neunziger Jahre, ließ ihn seitdem nie aus den Augen. Lange habe sie auf eine Gelegenheit für eine Ausstellung gewartet. Der geplante Ankauf des in diesem Jahr entstandenen Rauch-Gemäldes „Die Abwägung“ durch die Kunstsammlungen war „auslösender Anlass“. Zwar weist die Beschriftung das Werk bereits als Eigentum der Kunstsammlungen aus, noch hat man aber die Kaufsumme nicht zusammenbekommen.

„Es ist ein aus meinem Schaffen herausragendes Bild“, sagte Rauch zu diesem Werk. „Es kommt sehr selten vor, dass der Raum feststeht und der Auftraggeber bekannt war.“ Im Chemnitzer Ratssaal soll die Allegorie der Entscheidungsfindung Heimat finden, dort nach Rauchs Wunsch als „Beeinflussungsmaschine“ wirken.

Die Pressekonferenz, zu der das Künstlerpaar nach Chemnitz gekommen war, wurde zunächst zur unterhaltsamen „Peepshow“. Wenn sich zwei Tisch und Bett teilen, wie halten sie es da mit der Kunst? „Wir haben ein striktes Reglement, dass nicht ungefragt kommentiert wird“, sagt Neo Rauch. Zur Unzeit könne das zerstörerisch wirken. Sie bewundert seine Fähigkeit, große Bilder zu malen, er schätzt an ihr „immer das Andere, das ich nicht habe, was ich nicht hinbekomme“.

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Es ist die zweite gemeinsame Ausstellung des Künstlerpaars. Im Essl-Museum in Klosterneuburg bei Wien waren vor gut einem Jahr rund 80 Werke von ihnen zu sehen. Hier sind es deutlich weniger Bilder. Während es in Österreich auch gemeinsame Räume gab, träumen und leben die Werke in Chemnitz gewissermaßen in getrennten Betten.

Warum? „Ich wollte das“, sagt Mössinger wieder in diesem Ton, der Nachfragen herausfordert. „Man traut dem Werk von männlichen Künstlern immer noch mehr zu als dem weiblicher. Ich wollte beiden Gerechtigkeit widerfahren lassen“, erläutert die Schwäbin. Das gelte auch für Rauchs Arbeiten, die man kaum noch ohne den Star-Status ihres Schöpfers betrachte, „und das ist nicht gut“.

Hier herrscht also Geschlechtertrennung, was eine kluge Entscheidung ist: Beide Künstler haben für sich genug zu sagen und zu verschweigen, müssen nicht Rahmen an Rahmen in Dialoge gezwungen werden. Und Rauch überwältigt schon allein angesichts von Formaten bis zu drei mal fünf Metern. Da wächst nebenan kein Gras mehr.

Man sieht den Arbeiten an, dass sie aus dem gleichen Humus kommen. Bestimmte Linienführungen, Farben, Stimmungen klingen bei beiden an. Doch hier sind - zum Glück für den Betrachter zumindest - auch erhebliche Gegensätze im Spiel. Rosa Loy, 1958 in Zwickau geboren, hat vor ihrer Malerei-Ausbildung an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst auch ein Diplom im Fach Gartenbau erworben. Sie habe Beruf und Hobby getauscht, sagt sie. Ihre Bilder zeigen Frauenfiguren in Rätselwelten. Kraftvoll, mehr erotisch als sexuell aufgeladen, ringen sie mit sich und anderen Frauen. Loys Figuren haben Lust aufeinander, die Szene bleibt aber vor der Vereinigung stehen, wie in „Gravitation“ von 2004, das zwei Frauen in großer Nähe und schwierigen Umständen darstellt und ihrer Ausstellung den Titel gab.

Schönheit hat für Rosa Loy mit dem Erleben von Glück zu tun. „Die Seele weitet sich, es kommt Luft in meinen Brustkorb. Dann weiß ich, dass ich Schönheit begegnet bin.“ Für Neo Rauch dagegen ist Schönheit mit Schmerz verbunden, „in Erwartung ihres Verschwindens und Verfalls“. Hier, könnte man fabulieren, treffen Frühling und Herbst aufeinander. Während sie Zwiebeln in die Erde setzt und zum Blühen bringt, holt er beim Umgraben Monster hoch.

Ist das so? Neo Rauch 2012 scheint etwas lichter geworden zu sein, der Blick geht weiter in die Landschaft, die Frauenfiguren wirken weiblicher, die Höllen bewohnbarer. Doch weniger unheimlich sind diese Bilderwelten nicht. „Hohe Zeit“, eines von drei Gemälden aus diesem Jahr, zeigt sonnenbeschienen eine Geigerin vor mittelalterlicher Kulisse und blauem Himmel. Sie spielt nicht, hält das Instrument nur, scheint zu träumen. Ein Narr kommt ihr entgegen, auch er hält eine ungenutzte Geige im Anschlag. Eine Feiergesellschaft tief unten muss ohne Musik auskommen. Ein Idyll am Abgrund. „Der böse Kranke“ (ebenfalls 2012) liegt zu einem Zwerg geschrumpft auf einem Bett, an dem sich verschiedene Personen zu schaffen machen. Es befindet sich auf einem Holzstapel, was Böses nicht nur ahnen lässt, zumal bereits ein erstes Flämmchen auflodert.

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In den Kunstsammlungen Chemnitz, bis 10. Februar. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr.

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