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Literaturhaus

F. C. Delius: „Die Zukunft der Schönheit“

Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius.

Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius.

Hannover.„Nein. Musik ist das nicht. Wohl eher Katzenmusik“, schreibt Friedrich Christian Delius. Im New York der Sechziger Jahre wird der junge Schriftsteller, heute Inhaber des Joseph-Breitbach-Preises, des Georg-Büchner-Preises und Träger des Bundesverdienstkreuzes, mit einem Free-Jazz-Konzert von Albert Alyer konfrontiert. Die Erinnerungen an dieses Konzert in Manhattans Lower East Side und die Assoziationen, die es weckte, bilden den Kern seiner Erzählung „Die Zukunft der Schönheit“.

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Der aufstrebende Autor kommt 1966 im Rahmen einer Lesung nach New York. Den letzten Abend verbringt er mit Freunden in einer Jazz-Bar. Der Free-Jazz-Saxophonist Albert Ayler gibt ein Konzert; und Delius ist entsetzt, aber auch fasziniert, fasziniert von der fremdartigen und energiegeladenen Musik. Sie packt ihn, obwohl er sie zunächst abstoßend findet. Sie regt ihn zum Nachdenken an. Seine Gedanken drehen sich um das Erwachsenwerden im dörflich geprägten Nordhessen, das Verhältnis zum Vater, die Nachkriegszeit und die Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg. Immer wieder unterbrochen von den Improvisationen des Jazz-Saxophonisten Albert Ayler.

Das Konzert wird für Delius zu einer Rückschau auf sein Heranwachsen, auf junge Liebschaften und auf zaghafte erste Schreibversuche. Das Saxophon dient als Katalysator. Es versetzt ihn in Trance und reißt ihn auch wieder aus dieser heraus: War der Vater etwa aufgrund seiner fortschreitenden Erkrankungen in den letzten Monaten seines Lebens nicht mehr Herr seiner Selbst, als er die Hand gegen den Sohn hob?

Auf dem Höhepunkt des Konzertes schließt der Lyriker Frieden: Mit dem Vater, den ehemaligen Nazigrößen und deren Töchtern in der hessischen Heimat, den Soldaten der Weltkriege und des Kalten Krieges. Der Free-Jazz, auf den er sich zuvor nicht einlassen wollte, erscheint ihm in seiner Dissonanz als vollkommen unvollkommen und öffnet ihm damit die Augen, dass es weder beim Jazz, noch im wahren Leben um Vollkommenheit geht. Delius gibt sich in der Retrospektive selbstsicher. Stets habe er das Richtige getan, auch wenn ihm das erst Jahrzehnte später einleuchtete. So kommt er zum Schluss: „Vergangenheit geschlossen. Zukunft offen.“

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Friedrich Christian Delius lädt mit seiner Erzählung auch zur Selbstreflexion ein. Das Heranwachsen, der Krieg und die Kritik an vorherrschenden Normen sind die Motive seiner Geschichte. Mit geschickten Wortspielen improvisiert er um sie herum seine eigene Jazzprosa – meist dissonanzfrei und absolut empfehlenswert.

Friedrich Christian Delius: „Die Zukunft der Schönheit“, Rowohlt, 96 Seiten, 16 Euro. Der Autor liest am Donnerstag, 16. August, um 19.30 Uhr im Literaturhaus Hannover.

Von Patrick Stein

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