Mamas Spagat: Das Psychodrama „Frau im Dunkeln“ mit Olivia Colman

Ihre Vergangenheit holt sie ein: Leda (Olivia Colman) am griechischen Strand.

Mit der Konzentration ist es für Leda vorbei, als die lärmende Großfamilie den bis dahin so ruhigen Strand okkupiert. Die Britin, Professorin für italienische Literatur, macht auf der griechischen Insel Arbeitsurlaub mit einem Koffer voller Bücher. Eigentlich müsste die ruhebedürftige Leda sich jetzt an die andere Ecke des Strandes verziehen und dort weiter ihre Texte korrigieren.

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Der New Yorker Clan mit griechischen Wurzeln fordert sie sogar recht uncharmant dazu auf. Und doch lehnt Leda (Olivia Colman) noch viel uncharmanter ab, verharrt auf ihrem Liegestühl und beobachtet unverhohlen die Eindringlinge.

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Eine seltsame Faszination scheint für sie von der unsympathischen, sogar ein wenig bedrohlichen Sippe auszugehen. In deren Mittelpunkt: die junge Mutter Nina (Dakota Johnson), die von ihrer kleinen Tochter Elena sichtlich genervt ist und am Ende ihrer Kräfte zu sein scheint. Die fokussierten Blicke zwischen ihr und Nina zeigen eine unausgesprochene Verbundenheit.

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Dass dieser Griechenland-Trip die so resolut erscheinende Professorin aus der Fassung bringen wird, haben wir schon in der ersten Filmszene von Maggie Gyllenhaals fulminantem Regiedebüt „Frau im Dunkeln“ gesehen: Da stolperte Leda am Wasser entlang und brach schließlich zusammen.

Warum bloß stiehlt Leda die Puppe?

Was also passiert mit Leda in diesem Urlaub? Warum bloß ist sie von Ninas Schicksal so gefesselt? Und aus welchem Grund stiehlt sie ganz unvermittelt die Puppe, an der Ninas Tochter so hängt und wegen der bald schon eine regelrechte Suchaktion veranstaltet wird? Hat sie sich nicht eben noch als Retterin in der Not gezeigt, als Elena plötzlich verschwunden war und sie die Kleine zur Erleichterung aller im Kiefernwald aufgespürt hatte?

Eine rätselhafte Frau ist diese Leda – und umso rätselhafter, wie Olivia Colman sie spielt, schwer ausrechenbar bei jeder Begegnung, geradezu hexenhaft. Wie sie zum Beispiel den Apartmentverwalter Lyle (Ed Harris) erst abweist und Sekunden später doch dessen Flirt so unbeholfen erwidert. Oder wie sie Nina gegenüber so hilfsbereit ist und ihr dann doch mit kleinen verbalen Nadelstichen wehtut.

„Ich bin grausam“, gesteht sie einmal. Am Abend schaut sie auf die in ihrem Apartment ganz hinten im Küchenschrank versteckte Puppe, und ihre Augen füllen sich mit Tränen.

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Licht in das Leben der „Frau im Dunkeln“ bringen die Rückblenden, die dem Film einen gänzlich unangestrengten Rhythmus geben: Leda begegnet an diesem griechischen Strand gewissermaßen sich selbst – gespiegelt in Ninas Frust und Überforderung.

Wir sehen Leda als junge Mutter (nun gespielt von Jessie Buckley) und angehende Akademikerin. Sie ist von ihren beiden kleinen Töchtern Bianca und Martha nicht weniger gestresst als Nina von Elena.

Nicht, dass sie Bianca und Martha nicht lieben würde. Das möge dieser Frau bitte niemand vorwerfen, die im Spiel mit ihren Töchtern beim kunstvollen Schälen einer Orange aufgehen kann.

Die Töchter zerren an ihr

Es ist nur so, dass Leda das Gefühl hat, kein eigenes Leben mehr zu haben. Permanent ziehen und zerren die beiden Töchter an ihr – und ihr Mann ist alles andere als eine Unterstützung.

Wenig hilft es ihr, wenn alle von ihrer wissenschaftlichen Brillanz schwärmen und sie auffordern, unbedingt ihre Arbeit voranzutreiben: Sie kann ja kein einziges Telefonat ungestört zu Ende bringen. Der Spagat zwischen Mutterschaft und Karriereanstrengung wird für sie zur Qual. Sie will endlich frei und selbstbestimmt leben.

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Die Schauspielerin Maggie Gyllenhaal hat sich mit ihrem Debüt an einen brisanten Roman gewagt: Vorlage ist das gleichnamige Buch einer neapolitanischen Autorin, die als Elena Ferrante international Furore gemacht hat. Vor fünf Jahren kürte das Nachrichtenmagazin „Time“ die bis heute in der Anonymität verharrende Ferrante zu den 100 einflussreichsten Personen auf dieser Erde.

Drama mit Thrillerqualitäten

Lange soll Gyllenhaal gezögert haben, bevor sie Ferrante um die Filmrechte bat. Die Autorin stimmte unter der Bedingung zu, dass Gyllenhaal auch die Regie bei dem Werk übernehmen würde.

Das Experiment unter dem Dach des Streamingdienstes Netflix, bereits im Kino gestartet, ist aufgegangen. „Frau im Dunkeln“ ist ein komplexes Psychodrama, das in einigen Momenten Thrillerqualitäten hat. Gyllenhaal gewann beim Festival in Venedig den Drehbuchpreis.

Die frischgebackene Filmemacherin, die hier mit so überraschender Raffinesse und Stilwillen am Werk ist, stellt eine unangenehme Überlegung in den Mittelpunkt: Was ist mit Frauen, die im Muttersein keine Erfüllung sehen, auch wenn die Gesellschaft das von ihnen erwartet? Die an der ihnen zugedachten Rolle verzweifeln und keinesfalls in ihr verharren wollen?

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Gyllenhaals schmerzhaft ehrliches Debüt erzählt von dem Preis, den eine Frau dafür bezahlt hat. Und den eine andere Frau vielleicht noch bezahlen muss.

„Frau im Dunkeln“, bereits im Kino und ab 31. Dezember auch bei Netflix. Regie: Maggie Gyllenhaal, mit Olivia Colman, Dakota Johnson, Jessie Buckley, 121 Minuten

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