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Russischer Meisterpianist

Grigory Sokolov begeistert beim Pro-Musica-Konzert im Funkhaus

Selbstvergessen zitronengelb: Grigory Sokolov im Funkhaus.

Selbstvergessen zitronengelb: Grigory Sokolov im Funkhaus.

Hannover. Der russische Pianist Grigory Sokolov kann Klänge so raumgreifend und hoch auftürmen, dass es dem Hörer schwindlig werden kann. Er vermag ungehobelte Bassnoten weich und voll zum Klingen bringen, bis sie beruhigend säuseln wie das Wiegenlied einer Mutter. Und manchmal braucht er nur einen einzigen Ton anzuschlagen, damit der Hörer sich fühlt, als flöge ein Schmetterling aus seiner Hand: Das Herz macht vor Freude einen Sprung, weil er so selbstvergessen zitronengelb davonflattert.

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Schade nur, dass Musik von Beethoven derartigen Klangzauber nicht gut verträgt.

Bei seinem Pro-Musica-Auftritt im Funkhaus räumt Sokolov ausgerechnet diesem Komponisten einen prominenten Platz ein. Das führt zu Konflikten zwischen dem Temperament des Interpreten und dem der gespielten Werke. Im Scherzo von Beethovens früher C-Dur-Sonate (op. 2) etwa stürmt die Musik gegen die Konventionen an, ein aufbrausendes Trio kündigt bereits den Klimawandel an, den Beethoven in der Musikwelt herbeiführen wird – bei Sokolov aber klingt es, als scheine der Mond über sanft gekräuselter Wasserfläche.

Übermalt statt verdichtet

Auch die elf kurzen „Neuen Bagatellen“ (op. 119) tönen bei ihm eher übermalt statt aphoristisch verdichtet. Die Bewegungsenergie, die in Beethovens Musik steckt, den fast selbstzerstörerischen Schwung, mit dem der Komponist herkömmliche rhythmische und und melodische Strukturen überrennt, dimmt Sokolov auf lyrische Klangbilder herunter. Die Schönheit seines Spiels ist hier ein Nymphengesang, der in ein verführerisches Bad aus Tönen lockt. Beethoven aber liegt bereits erstarrt auf dem Grund.

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Pianistische Wunderwerke

In anderem Repertoire ist der Klaviermagier Sokolov allerdings noch lange nicht entzaubert. Wunderbar taucht er das A-Dur-Intermezzo der späten „Klavierstücke“ von Johannes Brahms in tiefes Abendrot, bevor er in der abschließenden Rhapsodie darüber philosophiert, was einem letzten Sonnenuntergang folgen könnte. So intensiv dieses musikalische Endspiel für alle Beteiligten ist – Pianist und Publikum sind nach gut zwei Konzertstunden noch so frisch, dass Sokolov eine Dreiviertelstunde lang Zugaben von Schubert (Impromptu op. 142, Nr. 2 und „Ungarische Melodie“), Chopin (Mazurka op. 68), Brahms (Intermezzo op. 117, Nr 2), Rachmaninow (Prélude op. 32, Nr. 12) und Debussy („Schritte im Schnee“) gibt, die alle pianistische Wunderwerke sind.

In der nächsten Pro-Musica-Saion spielt Grigory Sokolov am 26. April 2020 im Funkhaus, Karten dafür gibt es ab 29. April 2019.

Von Stefan Arndt

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