Pro-Musica-Konzert

Hilary Hahn und das Houston Symphony Orchestra im Kuppelsaal

Andrés Orozco-Estrade und das  Houston Symphony Orchestra im Kuppelsaal.

Andrés Orozco-Estrade und das  Houston Symphony Orchestra im Kuppelsaal.

Hannover. Dass Dirigenten sich über die für sie überraschende Akustik im hannoverschen Kuppelsaal auslassen, ist immer mal wieder vorgekommen. Der größte Konzertsaal der Republik hat zumindest vor seiner Renovierung und der damit verbundenen akustischen Auffrischung manchen Pultstar verwirrt bis verärgert. Aber dass sich ein Dirigent leidlich scherzhaft darüber beklagt, er könne den Applaus des Publikums nicht richtig hören, das war neu.

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Andrés Orozco-Estrade hatte sich nicht ganz verhört. Nach seiner Interpretation von Dvoraks 7. Sinfonie war der Beifall zwar sehr freundlich, aber nicht überschäumend. Das hatte Gründe. Das Pro-Musica-Publikum hat eben schon viel gehört in seinem Leben und weiß in der Regel eine ordentliche von einer außerordentlichen Darbietung zu unterscheiden. Und mit Antonin Dvorak konnte der in Kolumbien geborene, aber seit gut 20 Jahren in Wien lebende Andrés Orozco-Estrada weniger überzeugen als mit Leonard Bernstein.

Ausgerechnet die formstrengste der neun Dvorak-Sinfonien versuchte der derzeitige Chefdirigent des Houston Symphony Orchestra auch dort mit Gefühl und Gefühligkeit aufzuladen, wo Konsequenz und dramatische Essenz wichtiger gewesen wäre. Und wenn sich sein Orchester vor allem im Kopfsatz doch mehr um Stringenz bemühte, klangen die Geigen eher spitz als spannungsstark. Im Programmheft ist zu lesen, das Orchester und sein Chef nehmen derzeit einen Dvorak-Zyklus auf. Der dürfte für das Orchester wichtiger sein als für die Dvorak-Exegese.

Wesentlich überzeugender fiel die Huldigung an Leonard Bernstein aus. Mit dem Jubilar, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, haben die Texaner eine besondere Verbindung. Das Houston Symphony Orchestra spielte vor 35 Jahren bei der Uraufführung von Bernsteins erster und einziger abendfüllender Oper „A Quiet Place“. Und „Lennie“ Superstar dirigierte ein paar Tage später ein stimmungsstarkes Open-air-Konzert mit eigenen Werken.

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Wie gut das Orchester die farbenreiche, effektvolle Musik Bernstein beherrscht, zeigten zu Beginn drei Tanzepisoden aus dem frühen Musical „On the Town“: schwung- und effektvoll. Hier ist der gelenkige Orozco-Estrada sichtlich und hörbar in seinem Element. Er tanzt fast noch mehr als einst der junge Bernstein, der dafür öfter und höher sprang.

Dass sich der Orchesterchef aber auch den nachdenklicheren Seiten der Bernstein-Partituren stilsicher nähert, bewies er als hilfreicher Partner in Bernsteins „Serenade“, in der nur Streicher, Harfe und Schlagzeug die Solistin Hilary Hahn auf ihrem Weg durch die griechische Philosophiegeschichte begleiten. Der intellektuelle Allesaufsauger Bernstein ließ sich von Platons „Symposion“ zu seinem fünfsätzigen, halbstündigen Werk inspirieren. Doch er hat bei allen Gedankenspielen die Formspiele nicht vergessen. Man muss das Programm dieses Werks nicht studieren, um seine Freude daran zu haben. Wie es mit seiner melodischen Verkettung das lyrische Fugato des Beginns in ein kleines Violinfeuerwerk münden und die Geige mal grazioso, mal überschießend singen und sinnieren lässt, das macht diese Serenade zu einem Hörvergnügen

Hilary Hahn, die in Hannover immer wieder gerne gesehen und gehört wird, widmet sich diesem dankbaren Violinsolo mit großem Ernst und noch größerer Spielfreude. Gewiss, Gidon Kremer hat mit dem Komponisten das einst von Isaac Stern uraufgeführte Opus forcierter eingespielt, Anne-Sophie Mutter vielleicht glamouröser, aber Hilary Hahn überzeugt durch die liebevolle Sorgfalt, mit der sie den Solopart ausleuchtet. Ihr Geigenton verströmt sich nicht, er konzentriert sich auf die Farbvaleurs. Aber wenn „Lennie“ es dann krachen lässt, dann lächelt sie fast spitzbübisch (sorry, für diesen Ausdruck gibt es kein feministisches Gegenstück).

Überaus herzlicher Beifall, für den sich die hochschwangere Geigerin mit einer Bach-Zugabe bedankt.

Am Donnerstag, 14. April, gastiert der Tenor Juan Diego Flórez um 19.30 Uhr bei Pro-Musica im Kuppelsaal.

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Von Rainer Wagner

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