Neue Ausstellung

Hiwa K. baut Brücken im Kunstverein

Vor dem Kunstwerk „One Room Apartment“: Hiwa K. mit Kunstvereinsdirektorin Kathleen Rahn.

Vor dem Kunstwerk „One Room Apartment“: Hiwa K. mit Kunstvereinsdirektorin Kathleen Rahn.

Hannover. Ein Mann balanciert eine Stange mit allerhand Metall- und Glasarmen auf der Stirn, er balanciert dabei selbst vor dem Abgrund eines Tals, blickt aber nur auf die Apparatur auf seinem Schädel hinauf. Ein Traumtänzer, ein Hans-Guck-in-die-Luft, ein Sicherheitsrisiko für sich und andere? So ist es in dem Video „Pre-Image“ zu sehen, in dem dieser Mann so etwas wie ein „Vor-Bild“ des Menschen in unsicheren Zeiten bietet – eine Performance mit Kunstinstallation und dem Künstler selbst im Zentrum eines Gesamtkunstwerks. Taumelnd, schwankend, scheinbar desorientiert zwar – doch eine veritable Synthese aus Kunst und Leben, so lebendig eben wie Hiwa K..

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Längst internationalen Ruf

Hiwa – wie, bitte? Hiwa, der Herr K. frei nach Brecht? Eine kafkaeske Kunstfigur? Oder einfach: der Kurde? Der tatsächlich aus dem kurdischen Sulaimaniyya stammende Künstler lächelt und schweigt. Sicher ist: In „Pre-Image“ stellt er Teile seines Fluchtwegs aus dem Irak nach, doch verfremdet zu einem Kunstweg, kein Reenactment einer Handlung, sondern sondern eine wandelnde Allegorie prekärer menschlicher Existenz. Hiwa K. hat sich mit seinen Arbeiten längst internationalen Ruf erworben. Seit 2006 hat er an mehr als 40 Gruppenschauen in den USA und Europa teilgenommen, hat dazu zehn Einzelausstellungen gehabt, allein drei davon in Deutschland, die vierte jetzt im Kunstverein Hannover, seine Präsenz bei der Documenta in Kassel und in Athen nicht mitgerechnet. Seither gilt er als fast schon so etwas wie der Idealkünstler in Zeiten der Bedrängnis.

In solchen Zeiten könnte der Mensch mehr Antennen, mehr Kameraaugen, mehr Blickwinkel gebrauchen, als sie ihm natürlicherweise zur Verfügung stehen. Und genau das demonstriert Hiwa K. ja in „Pre-Image“, weil eben die Installation auf seinem Schädel aus lauter Spiegeln besteht, welche es ihm erlauben sechs, acht oder noch mehr Perspektiven zugleich im Blick zu behalten. Hiwa K. ist also alles andere als ein Hans-Guck-in-die-Luft, wie dies ein zweiter, klarer und vorurteilsloser Blick auf seine Installation lehren kann.

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Der Oberlichtsaal wie noch nie

In „Moon Calendar“, wie die Werkschau in Hannover heißt, bietet der 43-jährige ein Spiel mit Vorurteilen und Klischees, mit Wahrnehmungskonventionen zwischen Ost und West, zwingt Besucher in schmale Gänge zwischen Kalligrafien oder auf eine meterhohe Brücke – und damit zum Perspektivwechsel. Der orientalisch-fremde Blick auf den Okzident ist da ebenso zu erleben wie der fremde Blick auf den Orient: In Rom sind Hiwa K. die Zerstörungen der Antike während der Renaissance in Rom aufgefallen, in Hannover hat er dazu das riesige Raumkunstwerk „Was die Barbaren nicht getan haben, haben die Barberinis“ installiert. Der Titel spielt auf den Barberini-Papst Urban VIII. an, der Kanonen aus der Bronzedecke des Pantheons hat gießen lassen. Von einer Holzbrücke aus kann man fünf aus Sand geformte Nachbildungen der Pantheon-Kassettendecke erleben – und dabei zugleich den großen Oberlichtsaal erstmals aus Obersicht. Im Osten, in seiner alten Heimat, spürt Hiwa K. einstige Bastionen von Macht und Gewalt auf. Für das titelgebende Video „Moon Calendar“ beispielsweise hat er in Amna Souraka, dem einstigen Foltergefängnis von Saddam Husseins Geheimdienst in Sulaimaniyya, gedreht – und zeigt sich selbst darin beim Flamenco-Tanz.

Triumph des Exilanten über den Diktator, lauter Flüchtlingskunst? Das Thema Migration geht Hiwa K. ganz richtig grundsätzlicher an, schließlich sind die Wanderungen des Homo Sapiens die Grundlage aller heutigen Zivilisation. Darüber tauscht er sich in einem Video mit seinem Philosophenfreund Bakir Ali aus – und man kann ahnen, wie Hiwa K. zu seinen Werken kommt. „Eher stirbt der Lyriker als die Lyrik“, sagt er. Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang? „Ein Poet schreibt nicht einfach ein Gedicht, er muss es finden – und genauso ergeht es mir: Ich mache keine Kunst, ich muss sie finden.“ Und das brauche eben viel Zeit. Grund genug, sich viel Zeit auch für die Früchte dieses Findungsprozesses im Kunstverein zu nehmen.

Hiwa K.: „Moon Calendar“. Bis 29. Juli im Kunstverein, Sophienstraße 2. Eröffnung am Freitag, 25. Mai, um 20 Uhr in Anwesenheit des Künstlers. Ein Künstlergespräch findet am Sonnabend, 26. Mai, um 19 Uhr im Kunstverein statt.

Von Daniel Alexander Schacht

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