Weltkriegs-Farce

„Inglourious Basterds“: Tarantino schreibt die NS-Geschichte um

Ein wildes Märchen mixt US-Regisseur Quentin Tarantino in „Inglourious Basterds“ zusammen. Unglaublich ist manches an diesem Film – und ein bisschen auch eine Befreiung von Denk- und Sehgewohnheiten.

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Oder wie soll man es sonst nennen, wenn in diesem Film der „Führer“ höchstpersönlich bei einem Attentat stirbt? Wir sehen, wie Adolf Hitler (gespielt von Martin Wuttke, hitlererprobt auf der Theaterbühne) von Maschinengewehrsalven durchsiebt wird. Er liegt in seinem eigenen Blut und zappelt. Und das nicht irgendwo, sondern in einem Pariser Kino, in dem sich Hitler, Goebbels und Bormann an dem Propagandafilm „Stolz des Volkes“ ergötzen wollen. Sie wollen den deutschen Kriegshelden Frederick Zoller (Daniel Brühl) siegen sehen.

Zuvor ist das Pariser Kino schon in Flammen aufgegangen, genährt von Hunderten von Nitrofilm-Rollen. Für die oberste NS-Bande gibt es kein Entkommen. Kino-Berserker Tarantino traut seiner Lieblingskunst alles zu: Sie erledigt Adolf Hitler.

Ob der bekennende B-Movie-Fan sich der Bedeutung dieses Finales bewusst war, ist eine andere Frage. Bei der Premiere im Mai beim Filmfestival in Cannes verwies er auf sein Quellenstudium zur NS-Geschichte; angeblich hat die Vorbereitung auf die „Basterds“ zehn Jahre gedauert. Irgendwann muss er alle lehrreichen Bücher beiseite gefegt und losgelegt haben. Bislang hat Tarantino fiktive Gangster einander umlegen lassen („Pulp Fiction“, „Kill Bill“), nun sind eben die obersten politischen Verbrecher Nazi-Deutschlands dran.

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Zeithistoriker dürften sich die Augen reiben. So respektlos hat noch keiner in einer großen Kinoproduktion mit der Geschichte gespielt. Und dann hat Tarantino seinen Film auch noch in Deutschland gedreht, mit deutscher Kinoförderung, viele deutsche Schauspieler sind dabei. Er hat Sylvester Groth als Goebbels und Diane Kruger als Widerstandskämpferin rekrutiert.

Erinnert sich noch jemand an „Der Untergang“ über Hitlers letzte Tage im Führerbunker? Oder an „Operation Walküre“, den Film, mit dem Tom Cruise angeblich Deutschlands Bild in der Welt verändern sollte? Heftige Debatten gab es jedes Mal darüber, ob diese Werke der historischen Wahrheit gerecht würden.

Tarantino pfeift auf solche Überlegungen. Er lässt seiner kindlichen Begeisterung auf vermintem Gelände freien Lauf und zerhäckselt die NS-Geschichte in einen Film, der selbst wie ein Bastard daherkommt, als Spaghetti-Western beginnt (mit Klängen von Ennio Morricone) und dann in die Fächer Melodram und Farce wechselt. Die Nazis sind zur Kinospielmasse geworden, werden eingespeist in die Popkultur. Es könnten auch Wikinger oder Cowboys auf der Leinwand auflaufen.

Der Blutzoll fällt für Tarantinos Verhältnisse bescheiden aus, obgleich mit dem Baseballschläger geprügelt (Spezialist: Sgt. Donny Donnowitz, gespielt von Eli Roth) und mit der Machete Hakenkreuz-Narben in Nazihaut geritzt werden. Insgesamt wird in ausgefeilten Dialogen mehr geredet als gemetzelt.

Zwei Handlungsstränge führen zu dem Showdown im Pariser Kino, gleich zwei Widerstandsgruppen haben es auf Hitler abgesehen: Da sind die „Basterds“ um US-Lieutenant Raine, eine jüdisch-amerikanische Elitetruppe (verstärkt durch einen schweigsamen Til Schweiger), die sich im besetzten Frankreich darauf spezialisiert hat, Nazis zu skalpieren. Und da ist die Pariser Kinobetreiberin Shosanna Dreyfus (Mélanie Laurent), einzige Überlebende einer französisch-jüdischen Familie.

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„Inglourious Basterds“ zitiert den gleichnamigen Italo-Kriegswestern von 1977, inszeniert von Enzo G. Castellari. Dessen „Inglorious Bastards“ – Tarantinos abenteuerliche Schreibweise hat wohl mit seinem Bekenntnis zu seiner Legasthenie zu tun – ging jeder spielerische Geist ab. Ein Häuflein harter Hunde, Deserteure und Verbrecher (darunter Raimund Harmstorf), hatte genug damit zu tun, um sich zu schießen.

Tarantino poliert den Kern des Films mächtig auf, und dann geht er aufs Ganze. Lange zweifelt man daran, ob er das unglaubliche Attentat tatsächlich durchzieht. Und doch bleibt hinterher wie so oft bei Tarantino der Verdacht: Es geht bei ihm um rein gar nichts, die Sensation verpufft. Beinahe jedenfalls.

Denn da ist auch noch der Österreicher Christoph Waltz. Bislang war er vor allem aus dem Fernsehen bekannt, nun gibt er den SS-Oberst Hans Landa, den diabolisch-psychopathischen Gegenspieler der Widerständler, einen Judenjäger, wie das Kino wohl noch keinen gesehen hat. Formvollendet parliert Landa auf Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch. Doch hinter seiner Kultiviertheit lauert tödliche Gefahr. Waltz stiehlt Hollywoodstar Brad Pitt die Show. Beim Filmfestival in Cannes gewann er mit dieser Vorstellung den Darstellerpreis.

Nicht der tote Hitler ist das Beste, was „Inglourious Basterds“ zu bieten hat – das Beste ist Waltz.

Von Donnerstag an im Kino.

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