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Theaterpremiere

Joachim Meyerhoff spielt in „Der Kaufmann von Venedig“ am Schauspielhaus Hamburg

Auf Messers Scheide: Joachim Meyerhoff (oben) mit Matti Krause und Carlo Ljubek in einer Szene aus „der Kaufmann von Venedig“ am Hamburger Schauspielhaus.

Auf Messers Scheide: Joachim Meyerhoff (oben) mit Matti Krause und Carlo Ljubek in einer Szene aus „der Kaufmann von Venedig“ am Hamburger Schauspielhaus.

Hamburg.Eigentlich würde das für zwei Leben reichen. Der Schauspieler Joachim Meyerhoff ist Autor der autobiografischen Romanreihe „Alle Toten fliegen hoch“, deren vierte und jüngste Folge „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ gerade wieder die Bestsellerlisten anführt. Er gehört zum Ensemble des Wiener Burgtheaters, wo er im vergangenen Jahr von Kritikern zum „Schauspieler des Jahres“ gekürt wurde. Zusätzlich ist Meyerhoff auch fest an Deutschlands größtem Sprechtheater, dem Hamburger Schauspielhaus, engagiert. Dort ist er nun in einer neuen Produktion von William Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ zu sehen – und spielt den Juden Shylock dabei so, als seien das mindestens zwei Rollen.

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Regisseurin und Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier hat das durchaus sonderbare Stück, das halb aus einer antisemitisch grundierten Tragödie, halb aus einer Liebeskomödie besteht, stark in Richtung der Hauperson des Juden verschoben, der dem titelgebenden Kaufmann Geld um ein Pfand aus dessen eigenem Fleisch leiht. Der Kaufmann kann nicht zahlen, Shylock pocht auf sein grauiges Pfand, wird im dazu angesetzten Gerichtsverfahren aber vom Kläger zum Verklagten.

Im ersten Teil des Abends machen Beier und Meyerhoff den Juden zur einzig ernstzunehmen Figur. All die Kaufleute, Adligen und Diener sind irrlichternde Gestalten, die nur Profit und Genuss kennen und bei denen nicht einmal das Geschlecht eindeutig zu fassen ist: Kostümbildnerin Eva Dessecker lässt sie Frauen- und Männerkleider übereinandertragen, sodass oft ein Handgriff genügt, um ein Kleid in einen Gehrock zu verwandeln und umgekehrt.

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Meyerhoffs Shylock ist eine imposante Erscheinung. Sein Selbstbewusstsein ist so hoch wie seine Gestalt und sein eleganter schwarzer Mantel alles andere als ein unförmiger Judenrock. Bei diesem fest auf dem Boden stehenden Mann laufen die Fäden zusammen. Mit eiskaltem Lächeln knüpft er die Schlinge des Schuldvertrags, der Geld gegen Leben setzt und die Mechanik dieser Tragödie in Gang setzt.

Umso erstaunlicher wirkt es, wenn dieser Shylock im zweiten Teil schlagartig den Halt verliert und vom kühlen Taktiker zur getriebenen und bald darauf geschundenen Kreatur wird. Mit dem Mantel scheint Meyerhoffs Jude auch die Würde abgelegt zu haben. Mit nacktem Oberkörper wird er vom souveränen Macher zum Spielball der eigenen Emotionen und der Ränkespiele der bigotten venizianischen Gesellschaft.

Der Wendepunkt der Geschichte kommt bei Beier, die die Liebeskomödie um ein Ehequiz mit drei metallenen Kästchen nur nebenher (und mit Meyerhoff als fabelhaft sinisterem Moderator) abfertigt, wenn Shylocks Tochter mit einem Christen durchbrennt. Das Faschingsfest, das eigentlich den Rahmen dazu bietet, wird hier zum Pogrom: Brutal zerhauen die Christen die beiden Rahmen, die Bühnenbildner Johannes Schütz als zentralen Spielort übereinandergeschichtet hat, und zerstören damit nicht nur die Kulisse, sondern auch die Persönlichkeit Shylocks.

Damit verschiebt sich auch den Schwerpunkt das Dramas. Statt wie üblich auf den Juden, richtet Beier den Fokus zunehmend auf dessen Tochter Jessica, die sich von ihrer ungeliebten Herkunft zu befreien sucht und doch längst nicht so reibungslos in einer neuen, christlichen Welt ankommt, wie es zunächst scheint. Beier hat den fünften Akt, der sich der Versöhnung der verschiedenen Liebespaare widmet, konsequent auf eine kaum einminütige Szene eingedampft. Stattdessen gehört das Finale dieses umbarmherzig klarsichtigen, brillant gespielten Theaterabends Gala Othero Winter als Jessica.

Obwohl noch Text vom Band zu hören ist, werden Worte dabei zunehmend durch Bilder ersetzt: Die zarte Schauspielerin wuchtet einen großen Tisch auf den Rücken und schwankt damit über die Bühne, als habe ihre Jessica an der Last der Vergangenheit so schwer zu tragen wie Jesus an seinem Kreuz. Mit wildem Schattenboxen wehrt sie sich gegen die Geister der Geschichte. Der stumme und einsame Kampf der jungen Frau, die wohl immer schon zwischen den Fronten gelebt hat, ist das, was bleibt, wenn mit Juden und Christen die ganze erschreckend modern erscheinende Gesellschaft endgültig moralisch bankrott geht.

Wieder am 31. Januar, sowie am 3., 23. und 25. Februar. Karten unter Telefon (040) 248714.

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Von Stefan Arndt

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