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Kulturhauptstädte

„Magdeburg ist sehr ehrgeizig“

Kristina Jacobsen, Expertin für Fragen der Kulturhauptstadtbewerbung

Kristina Jacobsen, Expertin für Fragen der Kulturhauptstadtbewerbung

h. Gerade hat sie auf einer kulturpolitischen Konferenz über die „Nachhaltigkeit von Kulturhauptstädten“ gesprochen. Kristina Jacobsen ist Expertin für Fragen der Kulturhauptstadtbewerbung. Sie

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Auf einer kulturpolitischen Konferenz in Tallin haben Sie gerade einen Vortrag über die Nachhaltigkeit von Kulturhauptstädten gehalten. Ohne das Thema Nachhaltigkeit breit auszuspielen, würde es wohl keine Stadt schaffen, Kulturhauptstadt zu werden.

Das stimmt, so wird es in den Kriterien für die Bewerbung vorausgesetzt.

Gibt es unter den vielen Kulturhauptstädten Europas eigentlich eine, die gar nicht nachhaltig war?

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Die Kulturhauptstadtsinitiative hat sich sehr weiterentwickelt und wird von Jahr zu Jahr im Ganzen gesehen professioneller. Ich habe mich mit den drei deutschen Kulturhauptstädten der Vergangenheit beschäftigt, also Essen und das Ruhrgebiet 2010, Weimar 1999 und Westberlin 1988. Das Thema Kulturhauptstadt hat sich so entwickelt, dass man die drei Städte kaum miteinander vergleichen kann. Berlin 1988 war eigentlich nur ein kleines Sommerfestival, das damals total untergegangen ist. Bei Weimar kann man sich sehr darüber streiten, ob die Bewerbung nun nachhaltig war oder nicht.

Warum?

Die Stadt war danach so verschuldet, dass das Stadtmuseum längere Zeit schließen musste. So etwas ist ja überhaupt nicht nachhaltig. Aber wenn man heute Weimar besucht, sieht man diese Stadt mit ihrer besonderen kulturgeschichtlichen Bedeutung perfekt saniert. Dass die Sanierung so zügig erfolgte, hing mit dem Kulturhauptstadtprogramm zusammen.

Bringt eine erfolgreiche Bewerbung als Kulturhauptstadt eigentlich immer mehr positive als negative Effekte mit sich?

Das kann man so pauschal nicht beantworten. Es wäre wichtiger, gezielt zu fragen, was etwa der Hauptzweck der Bewerbung von Hannover ist. Was will die Stadt mit dem Titel Kulturhauptstadt erreichen? Und zwar sowohl währenddessen, als auch später, als langfristige Strategie.

Wollen nicht alle Städte im Wesentlichen das gleiche erreichen? Mehr Aufmerksamkeit für die kulturellen Einrichtungen, eine bessere Vernetzung der Kulturschaffenden, mehr Wertschätzung der Kultur, mehr Teilhabe, mehr Publikum?

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Die Kriterien der EU sind zwar recht allgemein formuliert, aber natürlich ist jede Stadt anders. Wenn man zum Beispiel kulturelle Netzwerke stärken will, muss man in Hannover an ganz anderer Stelle ansetzen als anderswo. Hier gibt es ja – nicht zuletzt durch den Titel Unesco City of Music - schon einiges. Man würde hier nicht bei Null anfangen, sondern sich vielleicht eher um die stärkere Vernetzung mit Partnerstädten kümmern. Die Bewerberstadt Zittau zum Beispiel hat das ganz andere Voraussetzungen – sie ist viel kleiner und in einer Grenzregion gelegen.

Sie verfolgen ja genau, welche deutschen Städte sich wie bewerben. Was denken Sie: Wer hat die besten Chancen?

Das kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Einige Städte wie etwa Magdeburg sind schon länger dabei und sie sind sehr ehrgeizig. Da ist zu merken, dass sie einen langen Vorlauf hatten und schon lange einen intensiven Dialog mit der Bevölkerung zum Thema Kulturhauptstadt führen. Das ist sehr respektabel, heißt aber noch nicht, dass dadurch der Titel nach Magdeburg geht.

Und welche Städte haben nur wenig Chancen auf den Titel?

Auch das ist derzeit völlig offen. Es ist auch nicht so, dass Zittau oder Hildesheim weniger Chancen hätten, weil sie so kleine Städte sind. Auch bei Dresden ist eine Vorhersage schwierig. Die Stadt hat zwar viele Kulturschätze, das könnte aber auch ein Problem sein – denn wozu braucht sie dann noch den Titel Kulturhauptstadt? Andererseits hat Dresden offenkundige soziale Probleme, die man wiederum intelligent in das Bewerbungsprogramm einarbeiten könnte. Es geht nicht darum, sich nur brav an den EU-Kriterien für eine erfolgreiche Bewerbung abzuarbeiten.

In Hannover gab es einen Wechsel im Kulturdezernat und viel Aufregung um den ehemaligen Kulturdezernenten. Glauben Sie dass diese politischen Querelen der Bewerbung von Hannover schaden?

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Dass so etwas die Bewerbung nicht gerade unterstützt, liegt ja auf der Hand. Das Problem ist, dass die Zeit verstreicht; in einem Jahr muss die Bewerbungsschrift abgegeben werden und jeder Monat der verstreicht, ohne dass sich etwas tut, ist der Sache nicht förderlich. Es kommt jetzt darauf an, wie gut das Kulturhauptstadtbüro agiert, und dass dessen Mitarbeiter von der Politik und der Stadtgemeinschaft unterstützt werden.

Wie wichtig ist es, dass sich eine Stadt bei ihrer Bewerbung etwas ganz Besonderes einfallen lässt?

Auf jeden Fall bringt es nichts, einen Knaller ins Programm zu bringen, der nur temporär viele Touristen in die Stadt zieht. In den EU-Kriterien wird eine mindestens zehnjährige Langzeitstrategie verlangt. Und jede Stadt muss immer einen Plan B haben – für den Fall, dass sie nicht Kulturhauptstadt wird. Wenn Hannover es ernst meint, sollte jetzt aber natürlich ein besonderes und authentisches Profil für die Bewerbung erarbeitet werden.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

Von Ronald Meyer-Arlt

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