Interview

Neo Rauch: „Altern ist eine Unverschämtheit“

Wenn man mit 50 aufwacht, heißt es, und es tut nichts weh, dann sei man ...

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Mir tut nichts weh. Nein, das Schlimme ist, dass ich mich in diese Kategorie 50  plus einfach nicht einsortieren kann – und nicht möchte. Ich empfinde die Zahl als falsch, als Unverschämtheit ...

Sie bekommen gleich zwei Retrospek­tiven. Ihre erstaunliche Stil-Akkumu­lation hat sich seit 2006 verstetigt.

Mein innerer Impuls schreibt sich evolutionär fort. Ich will nicht ausschließen, dass diese Zahl, auf die ich mich jetzt rasend zubewege, und die Konzentration auf diese Ausstellungen es mir möglicherweise etwas schwerer gemacht haben, im Vorfeld einen Ausfallschritt zu machen, der vielleicht ein Straucheln hätte nach sich ziehen können. Ich habe jedenfalls das Bildprogramm etwas schärfer angepackt, vielleicht etwas zu sehr bandagiert, in dem Bestreben, jetzt kurz vor dem Erreichen dieser Wegmarke nicht noch die Fassung zu verlieren.

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Ihren Humor haben Sie behalten. Unter den jüngeren Werken sind sogar zwei quasi Selbst-Bekrönungen.

Ich hoffe, dass der Humor überall sichtbar ist. Es gibt kein Bild, das völlig frei davon wäre.

Zuweilen wird er überlagert von der krassen Darstellung eines Konflikts. Es fällt auf, wie viele Szenen der Einübung und Initiation, der Belehrung es gibt.

Das Gefühl, einem rigiden System von Hausmeistern, Kujonierern, Kommissaren und sonstigen Vorgesetzten ausgeliefert zu sein, hat mich nie verlassen. Es war in der Realität stark präsent in Kindheits- und Jugendjahren und hat sich über die Zeit hinweg nur in neuen Gewandungen über mich hergemacht. Dazu gehören die bärtigen Autoritäten, die Inhaber letztendlicher Weisheiten, die den Zweifel nicht kennen, die Bevormunder. Insofern muss ich gar keine Sorge haben, dass der Zustrom dieses Personals aus der Realität in meinen Leinwänden abreißen könnte. Es sind ja sehr elementare Situationen: Macht wird ausgeübt, es geht um psychosoziale Verhältnisse.

Nach meiner Beobachtung haben Amerikaner die sozialkritischsten Analysen Ihrer Bilder gewagt. In Deutschland sieht man Sie insgesamt wohl eher als surrealen Verrätseler. Stimmt das?

Ich habe es mit zwei Polen zu tun, von denen meine Arbeit betrachtet wird. Die einen meinen, das sei völlig entrückt, es hätte mit den Problemen und Nöten unserer Zeit nichts zu tun, würde sich in einen Märchenwald verkrümeln. Die andere Seite ist wohl eher in der Lage, all die beunruhigenden Ingredienzien zu wittern, die in diese Bilder hinein massiert wurden.

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Können Sie das konkretisieren?

Ich versuche, den mich im gleichen Maße empörenden und aufrüttelnden Vorgängen unserer Zeit zunächst einmal die Überhitztheit des Augenblicks zu nehmen und aus ihnen das die Zeiten Übergreifende, das ihre Substanz bildet, zu filtern. Letztlich ist das der Versuch, die uns bestürmende Komplexität auf einem Viereck so gerinnen zu lassen, dass es erfahrbar, aber auch ertragbar ist.

Bei allem Lob, das Sie bekommen, spielen die malerische Innovation, das Umschmelzen von Figuren, die Erfindung nicht benennbarer, aber wirkungsvoller Elemente gar keine Rolle. Warum?

Das erstaunt mich auch. Denn das ist das, was die Malerei trägt, was ihr eine Legitimation gibt. Es ist eine Frage von Dosierungen. Ich stelle fest, dass ich Mikroexzesse lieber habe als den gewaltsamen Auftritt des Breitpinsels. Das Ausbalancieren dazwischen findet statt, aber vielleicht nicht in der von manchem erwarteten Radikalität zugunsten der, wenn man so will, dionysischen Anteile.

Wenn Sie bisher vom Austarieren zwischen Ratio und „Unterholz“ bei der Bildproduktion sprachen, lag die Tendenz mal eher auf dem Unbewussten, mal auf der Kontrolle. Wie sieht es heute aus?

Ich will den Kontrollverlust feiern dürfen, wenn er denn stattfindet. Er hat seine großartigen Auftritte, immer wieder, und er hat im Alltagsgeschehen meiner Werkstatt eine Dienerexistenz. Er sitzt auf einem Klapphöckerchen und beobachtet mein Treiben. Er ist zuverlässig abrufbar, er kann natürlich auch plötzlich über mich kommen und meine Verwaltungstätigkeit, die ich da auf der Leinwand zelebriere, radikal torpedieren. Aber seine fortwährende Ober­hoheit über mein Tun würde auf eine peinture automatique hinauslaufen oder eine sonntagsmalerhafte Vorstellung von Authentizität, eine Art Action-Painting. Das wäre mit dem, was mir vorschwebt, was ich freischalten möchte an Bildhaftem, nicht in Übereinstimmung zu bringen.

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Zuweilen ging es recht militärisch zu, nun überwiegt so eine 19.-Jahrhundert-Philister-Phantasie.

Alles, was auf meinen Bildern als militant interpretiert werden könnte, trägt rein defensiven Charakter. Ich glaube, das sagen zu können, denn ich habe es ja schließlich freigeschaltet und verwaltet. Es ist ein Grundzug meiner Mentalität, der hier auf den Bildern seinen Niederschlag findet.

Eine weitere Veränderung: das Frauenbild, ein Gewinn an Leichtigkeit.

Das finde ich auch, und sie haben nicht nur schönere Frisuren bekommen. Der vierschrötige Typus der Unterstufenlehrerinnen oder Hausmeisterinnen in Gesundheitsschuhwerk, ausgestattet mit breiten Schultern und Hüften und mit massiven Knien, ist ein bisschen auf dem Rückzug zugunsten einer etwas jüngeren Garde von Engeln – und von Versucherinnen vielleicht, es könnte etwas mit dem Alter zu tun haben.

Hoffentlich nicht.

Hoffentlich nicht? Das passiert, wage ich zu behaupten, nicht etwa aus einer sich jetzt stärker ausprägenden Neigung zur Frivolität heraus. Sondern ich habe mich irgendwann fragen müssen, warum ich diesen Aspekt eigentlich ausblende. Irgendwann will man vielleicht nicht nur das hünenhafte Mannweib, das einen rücklings auffängt, wenn es einen mal aus der Spur schlägt, sondern die etwas zartere Streicheleinheit.

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Stärker sind auch Elemente der Natur.

Die Beobachtung ist generell richtig. Ich bin ein Frischluftnaturell und am ehesten in Außenräumen für subtile Zuströmungen empfänglich. Insofern ist die Natur für mich, der Gang ins Freie – letztendlich auch eine schöne Metapher – ein Mutterboden. Ich finde dort auf Schritt und Tritt Material und Nahrung.

Wie lange fahren Sie mit dem Fahrrad von Ihrem Haus im südlichen Markkleeberg nach Plagwitz ins Atelier?

Im Schnitt eine halbe Stunde, es ist aber auch in 20 Minuten zu schaffen, wenn man sich ins Zeug legt.

Das ist doch gut. Warum sollte der 50. Geburtstag also ein Krisendatum sein?

Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich jetzt ein Nadelöhr passiere. Aber was kommt – ich habe keine Ahnung. Aber ich freue mich auf die Räume hinter dem Nadelöhr. Insofern ist die Schleppe, die ich hier in Form der beiden Ausstellungen hinter mir herziehe, wahrscheinlich beim Passieren des Nadelöhrs hinderlich. Ich werde sie nicht abstreifen können, doch es könnte sein, dass es dann nicht mehr so sehr darauf ankommt, wie sie aussieht, weil sie hier ihren Auftritt hatte.

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Dann wird alles viel leichter?

Ja, vielleicht, viel-leichter. Es bleibt abzuwarten, ob die dämonischen Kräfte des Unterholzes über mich Macht erlangen oder ob sie eher Macht verlieren und ich vollständig in der Lage sein werde, sie zu domptieren.

Meinhard Michael

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