Die Tiefe des Bildes

Neuerscheinung analysiert Jeff Walls Fotokunst

Im Sog der Fluchtlinien: „Morning Cleaning, Mies van der Rohe Foundation, Barcelona“ (1999) von Jeff Wall.

Im Sog der Fluchtlinien: „Morning Cleaning, Mies van der Rohe Foundation, Barcelona“ (1999) von Jeff Wall.

Hannover. Auf den allerersten Blick könnte es ein bloßer Schnappschuss sein - schräg in einen etwas sterilen Bungalow mit nur einem Menschen hinein. Doch weder ist diese Person irgendein Bewohner noch ist dies irgendein Raum. Der ist vielmehr eine Ikone der Moderne, und wie an dessen Architektur nichts zufällig ist, so ist auch alles arrangiert an dem Bild davon, das sein Schöpfer Jeff Wall ebenso penibel wie lapidar „Morning Cleaning, Mies van der Rohe Foundation, Barcelona“ genannt hat.

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Der Kunsthistoriker ist seit Mai Fotokurator im Sprengel-Museum und war davor Leiter der Grafischen Abteilung des Kunstmuseums Bonn, die auch eine große Fotosammlung umfasst. Er demonstriert in seinem Buch, wie vielfältig sich Jeff Wall mit älteren Kunstgattungen auseinandersetzt, diese zitiert und nicht selten auf neuer Ebene zusammenführt.

Bei „Morning Cleaning“ beispielsweise dürfte schon das Entstehungsjahr des 7,6 Quadratmeter riesigen, in einem Leuchtkasten befindlichen und nur in Zweierauflage geschaffenen Bildes kein Zufall sein: 1999 wäre die Architektur Mies van der Rohes genau 60 Jahre alt gewesen; der Architekt hatte den Raum als Deutschen Pavillon für die Weltausstellung 1929 in Barcelona erschaffen. Und doch ist Walls Werk nicht dessen Abbild.

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Denn seine Fotografie zeigt einen erst in den Achtzigerjahren entstandenen Nachbau. Und wie Mies darin mit einer Frauenskulptur Georg Kolbes an traditionelle Bildhauerei erinnert, verweist Wall durch den Kamerawinkel auf weitaus ältere Fluchtlinienstrategien der Malerei, die den Blick hier an Wand- und Glasflächen entlang bis zu der Skulptur führen. Die heißt übrigens „Der Morgen“, und auch die morgendliche Aufnahmezeit, von der das Sonnenlicht zeugt, sowie die Platzierung der Reinigungskraft, die übrigens Alejandro heißt und sich von Wall hat arrangieren lassen, zeigen, dass dieser Künstler seine Bildwelten genauso sorgsam inszeniert, wie seine Kollegen aus der klassischen Malerei das getan haben und immer noch tun.

All das fördert Gronert freilich nicht nur durch genaues Hinschauen, sondern mit einem wissenden Blick zutage - an diesem und 16 weiteren Fotografiekunstwerken von Jeff Wall, die in dem opulenten Bildband großenteils panoramisch auf Doppelseiten gezeigt werden. Darunter sind Porträts, Straßenszenen und Landschaftsbilder, Personen in bizarren Situationen oder auch Tiere jenseits ihrer natürlichen Bezüge, etwa der berühmte „Donkey in Blackpool“, der auch auf dem Buchtitel abgebildet ist. Lauter exemplarische Tiefenbohrungen in die Bildwelten des Jeff Wall also, der überdies noch in einem Interview zu Wort kommt. „Auch Amateure machen ständig ,inszenierte Fotos’“, relativiert Wall darin die Bedeutung seiner Inszenierungen, „zum Beispiel Selfies.“

Gronert stellt Querbezüge zu älteren kunsthistorischen Traditionen ebenso her wie zum jüngeren, sozial engagierten Dokumentarismus. Etwa mit dem Hinweis, dass Jeff Wall bei „Morning Cleaning“ in feiner Ironie darauf anspielt, dass die Moderne, die ursprünglich bekanntlich lebensreformerische ebenso wie egalitäre Ziele verfolgte, genau diese Ansprüche nicht eingelöst hat. Das demonstriert Wall in Mies van der Rohes Raum mit der Platzierung der Putzkraft: Weder die Architektur noch die Frauenskulptur dienen dem Mann mit dem Putzeimer als Objekte von Kunstgenuss, sie sind vielmehr umgekehrt Gegenstände seines Dienstleistungsjobs - die soziale Kluft hat auch die Moderne nicht zu schließen vermocht.

Stefan Gronert: „Jeff Wall. Specific Pictures“. Schirmer & Mosel, 128 Seiten, 17 Farbtafeln, 25 Abbildungen, 49,90 Euro.

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