Sven Regener: „Humor ist eine kalte Technik“

Der Autor und Musiker Sven Regener, aufgenommen am 22.10.2021 auf der Buchmesse in Frankfurt am Main.

Herr Regener, hat man Sie in den Achtzigerjahren eigentlich Svenni genannt?

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Natürlich. Ich kenne niemanden, der nicht irgendwann einen zweisilbigen Vornamen oder Spitznamen hatte. Ein Michael wird zu Micha oder Michi, Charlotte wurde zur Charlie oder zu Lotte oder Lotti. Damals wie heute, alles strebt zur Zweisilbigkeit bei Namen, auch bei den einsilbigen. Frank wird zu Frankie und so weiter.

Es ist sowohl in „Wiener Straße“ als auch in Ihrem neuen Roman „Glitterschnitter“ ein Thema.

In meinen Büchern gibt es ja keine Nachnamen – oder nur sehr selten. Und wenn, sind sie extra ausgestellt wie bei Herrn Lehmann. Oder bei Karl Schmidt – der ja partout nicht Charlie genannt werden will.

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Und der sagt: Nennt mich doch Karl Schmidt, das ist auch zweisilbig.

Genau.

Warum ist es Ihren Romanfiguren um Frank Lehmann nicht egal, ob man Frank oder Frankie genannt wird?

Weil die Leute in meinen Büchern aufgrund ihres Alters und ihrer sozialen Lage dauernd um ihre Unverwechselbarkeit und ihre Individualität kämpfen müssen, darum, in der Welt wahrgenommen zu werden. Sie wollen dazugehören, sie wollen mitspielen im Spiel der Erwachsenenwelt und sich dort eine Existenz aufbauen. Und da ist natürlich ein Name das erste Markenzeichen, das man hat. Man will ernst genommen und eben nicht Frankie genannt werden. Es gibt Leute, die reagieren ganz empfindlich auf so etwas. Es erinnert an Kindheit und Unernst.

Ohne Spaß geht es nicht. Das gilt für alle Kunst, glaube ich.

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In „Glitterschnitter“ geht es wie in „Wiener Straße“ wieder um die Kneipe „Einfall“ in der Wiener Straße, es kommt auch aus Ihren bisherigen Büchern bekanntes Personal vor. Kommen Sie nicht los von dieser Zeit in Berlin?

Es geht nicht um die Kneipe und nicht um die Zeit. Es geht um die Leute. Ansonsten muss man die Romane schreiben, für die man die Ideen hat. Bei mir kommen die Ideen immer über die Figuren und dann fast von allein. Wenn ich einen Roman wie „Wiener Straße“ schreibe, entwickeln sich die Figuren ja immer weiter. Dann inspirieren sie einen auch für mehr. Mir macht das Schreiben mit diesen Figuren viel Spaß. Und das ist das Wichtigste. Ich kann nicht ein Jahr lang an so einem Roman arbeiten, ohne dass es mir Spaß macht.

Das ist ja schon ein großer Luxus.

Aber ohne Spaß geht es nicht. Das gilt für alle Kunst, glaube ich. Ich könnte ein solches Buch nicht schreiben, nur weil ich glaube, anderen Leuten würde das vielleicht Freude machen, aber ich würde mich damit quälen. Man kann den Leuten nur das vorsetzen, was man selbst auch richtig gut findet.

Sonst wäre es ja auch – wie Kerstin in „Wiener Straße“ sagt – Kunstmarktscheiß.

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Ja, ganz genau!

Kann man „Glitterschnitter“ auch ohne „Wiener Straße“ verstehen?

Auf jeden Fall. Schon deshalb, weil es gar nicht so viel zu verstehen gibt. Ich finde es wichtig – auch im richtigen Leben –, dass man die Dinge zunächst einmal wahrnimmt. Und zwar so, wie sie sind, und sich dann erst später ein Urteil bildet. Das war doch auch früher in der Schule immer das große Problem: Wenn man Franz Kafka las, sollte man sofort sagen, was eigentlich gemeint ist. Das ist aber nicht gut. Das verdirbt einem den Zugang zur eigentlichen Sache, zum Werk. Neugier ist wichtiger als Urteil. Besser ist, einfach erst einmal alles so zu nehmen, wie es da steht. Dann fängt das Ganze plötzlich an zu schweben und zu leben. Und man merkt, dass es gar nicht wichtig ist, dass das Gelesene direkt mit der eigenen Welt in Einklang zu bringen ist. Die Worte und auch die Handlungen bekommen so einen ganz eigenen, unverwechselbaren Zauber.

Und wie ist das in Ihren Büchern?

Ich achte bei meinen Büchern schon darauf, die Figuren immer wieder so einzuführen, dass jedes Buch ein Buch in seinem eigenen Recht ist. Ich fände es schade, wenn man meine Bücher in einer bestimmten Reihenfolge lesen müsste.

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„Wiener Straße“ beginnt zeitlich kurz nach „Der kleine Bruder“. Können Sie die einzelnen Zeiträume der Romane und die Reihenfolge Ihrer Bücher überhaupt noch auseinanderhalten?

Muss ich ja. Bei Frank Lehmann ist es relativ einfach. Der hat ja in meinem ersten Roman „Herr Lehmann“, der 1989 spielt, bereits sehr verhärtete, krause Gedanken und eine verkrustete Weltbildstruktur. Das ist alles schon relativ verfestigt. Bei „Glitterschnitter“ und „Wiener Straße“ ist er jünger und anders, Anfang der Achtziger ist Frank Lehmann einer, der neu nach West-Berlin und in den Kosmos des „Einfall“ kommt und der überhaupt nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Lehmann begins, gewissermaßen. Er hängt etwas in der Luft und sucht einen Weg, diesen Zustand zu beenden oder jedenfalls sein Leben dauerhaft einzurichten. Die anderen Leute um ihn herum sind schon viel weiter, die sind schon länger in dieser Welt und haben einen relativ genauen Plan, was sie eigentlich wollen. Oder auch nicht wollen.

So mancher fragt sich bei Ihren Büchern: Schreiben Sie an einem vielteiligen Werk um Frank Lehmann, Karl Schmidt und all die anderen? Und der wievielte Teil ist dann der jeweilige Roman in der Reihenfolge des Geschehens? Aber muss man sich Ihr Romanwerk wirklich so linear vorstellen, oder ist es nicht eher wie eine Galaxie, die um ein Zentralgestirn kreist?

Ja, darum sage ich ja, dass jedes Buch ein Buch in seinem eigenen Recht ist. „Glitterschnitter“ und „Wiener Straße“ sind noch einmal anders als etwa „Herr Lehmann“ oder „Neue Vahr Süd“, sie sind nicht mehr aus einer einzigen Perspektive, etwa Frank Lehmanns, geschrieben, sondern aus dem Blickwinkel vieler verschiedener Protagonisten. „Glitterschnitter“ vor allem wuchert und ufert nach allen Seiten aus mit vielen Handlungssträngen, Sichtweisen, Erzählungen. Es hat mir viel Spaß gemacht, frei mit den Handlungssträngen umzugehen, manche anzufangen und wieder fallen zu lassen, so wie es im richtigen Leben ja auch oft passiert, nur nicht so radikal. Im Grunde genommen spiegelt dies auch die künstlerische Haltung wider, die bei den Künstlern in meinem Buch zum Vorschein kommt, und die mich auch beeinflusst hat. Man hat damals in den Achtzigern gern gesagt: „Wir fangen jetzt einfach mal an, und dann schauen wir später, was daraus wird.“ Es ist wichtig, dass Kunst Ecken und Kanten hat, nicht zu durchgeplant und dann auch durchschaubar ist und vor allem, dass sie nicht zu glatt wird. Die ganze Kunst damals in den frühen Achtzigern war immer leicht brutal, grob und drastisch.

So würden Sie Ihre Kunst auch beschreiben?

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Selbstbeschreibungen von Künstlern sind immer problematisch, im Grunde doof. Aber ich kann sagen, dass mich dieser Ansatz immer interessiert und geleitet hat. Das hat auch viel mit den frühen Achtzigerjahren zu tun, denn die Kunstauffassung jener Zeit war sehr vielfältig. Jeder konnte damals machen, was er wollte und kam dann auch irgendwie damit durch. Das spiegelt sich in meinem Roman dann zum Beispiel in so was wie der Band Glitterschnitter wider, die Musik mit Synthesizer, Schlagzeug und Bohrmaschine macht.

Bei Humor geht immer ein Teil des Mitleids flöten.

Ihre Bücher durchzieht viel Komik und Witz. Darüber kann man manchmal leicht vergessen, dass Sie auch ernste Themen behandeln. Etwa jetzt in „Glitterschnitter“ die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Kerstin und Chrissie. Ist es das Los, wenn man Komik als Stilmittel benutzt, dass die ernsthaften Fragen immer ein wenig in den Hintergrund treten?

Ja. Humor ist eine kalte Technik. Letztlich ist es doch so: Bei Humor geht immer ein Teil des Mitleids flöten. Über Menschen und Figuren zu lachen ist ja auch ein aggressiver Akt. Man wischt ihnen auch einen aus. Die Leute, die ich beschreibe, sind zumeist zwischen 20 und 25. Sie sind also in einem Alter, in dem sie so viel Verzweiflung, so viel Anpassung – oder eben auch nicht Anpassung –, so viel Hadern mit dem erleben, was da auf sie zukommt, und so viel Angst, nicht genug respektiert zu werden. Damit muss man erst einmal klarkommen. Humor ist da eine Möglichkeit, das alles überhaupt zu ertragen.

Besteht nicht die Gefahr, dass man die Figuren in Ihren Büchern auslacht?

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Ich kann immer nur hoffen, dass die Leserinnen und Leser, die über meine Figuren lachen, dabei gleichzeitig auch über sich selbst lachen, weil sie sich mit ihnen identifizieren. Denn wenn die Leserinnen und Leser über sich lachen, distanzieren sie sich auch von sich selbst. Und das wäre ein befreiender Akt. Sigmund Freud nennt das „Lustgewinn durch ersparten Gefühlsaufwand“. Ich liebe Freud für solche Formulierungen. Besser geht es ja wohl nicht! Beim Lachen entledigt man sich einfach mal kurz seiner Gefühle. Es ist wie Urlaub vom Ich oder besser: vom Über-Ich.

Man erkennt sich als Leser wieder in Ihren Figuren, obwohl „Glitterschnitter“ und „Wiener Straße“ in den Achtzigern und damit in einer völlig anderen Zeit und völlig anderen Welt spielen. Aber Freundschaft oder Liebe oder emotionale Verletzungen sind überzeitlich.

Aber natürlich nichts gegen Zahnspangen. Verboten ist das natürlich auch nicht.

Wir haben 2000 Jahre alte Theaterstücke von Sophokles. Und man muss nicht Schauspieler in einen Pyjama oder einen Smoking stecken, damit man versteht, was bei „Antigone“ passiert. Auch antike Literatur braucht keine Aktualisierung – weil es ewige Stoffe gibt. Es ist ein ewiger Grundkonflikt zwischen Loyalität zur Familie, zur Abstammung einerseits und der Gesellschaft und ihren Gesetzen andererseits, den Antigone gegen Kreon ausfechten muss. Aber heutige Theaterinszenierungen müssen keine Zahnspangen oder kein Multimedia auf die Bühne bringen, um das damit verbundene Jammern und Schaudern beim Publikum zu bewirken. Das Faszinierende dieser alten Stoffe liegt in den beschriebenen Konflikten selbst. Aber natürlich nichts gegen Zahnspangen. Verboten ist das natürlich auch nicht.

Benedict Wells hat im vergangenen Jahr mit „Hard Land“ ein Buch über die Achtzigerjahre geschrieben, Ulrich Peltzer mit „Das bist du“ auch. Jens Balzer hat gar eine ganze Geschichte des Jahrzehnts geschrieben. Haben Sie eine Erklärung, warum die Achtzigerjahre gerade auf ein solch großes Interesse stoßen?

Das weiß ich nicht genau. Es liegt vielleicht auch daran, dass man immer eine gewisse zeitliche Distanz braucht, um eine Periode, eine Epoche bewerten zu können. Mir ist das aber gar nicht so wichtig. Ich will mit dem Roman eigentlich gar nicht so viel über die Achtzigerjahre und auch nicht über Westberlin aussagen, wie man vielleicht denken mag.

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Sie sind ja nicht nur Schriftsteller, sondern auch Sänger der Band Element of Crime. Wird es mal wieder ein neues Album geben?

Ja, ich denke, wir werden in diesem Jahr ein neues Album schreiben und aufnehmen. Das ist wieder mal überfällig. Uns gibt es als Band schon sehr lange. Wir nehmen nicht mehr jedes Jahr eine Platte auf, sondern nur noch alle vier, fünf Jahre. Aber ich halte es schon für sehr wichtig, dass man neue Songs schreibt und auch aufnimmt und veröffentlicht, und sei es nur, um zu sehen, wo man in der Gegenwart steht. Sonst wird man irgendwann zum Abspielgerät seiner eigenen Vergangenheit.

Hinter den Songs, die man schon geschrieben hat, warten immer noch neue darauf, geschrieben zu werden.

Wäre das so schlimm? Andere Musiker machen es doch auch so.

Wir haben natürlich ein riesiges Repertoire. Wir könnten sicherlich drei Monate auf Tour gehen und jeden Tag ein anderes Programm spielen. Aber das ist ja keine Herausforderung! Die Herausforderung besteht darin, dass man sich immer wieder und immer wieder neu mit den Dingen auseinandersetzt, die einen bewegen. Hinter den Songs, die man schon geschrieben hat, warten immer noch neue darauf, geschrieben zu werden. Wie bei den Haien mit ihren Zahnreihen. Die vorderste muss raus, damit die hinteren weiterwachsen können. Das ist bei den Romanen genauso. Ich hätte auch nach einem Buch Schluss machen können, das wäre ja auch okay gewesen. Ich hätte auch nach „Neue Vahr Süd“ sagen können: Das war es.

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Warum machen Sie dann doch immer weiter?

Weil das Gefühl überwiegt, dass neben meinen schon geschriebenen Büchern und Songs immer noch mehr da ist. Ich fühle mich ein wenig so wie die frühen Seeleute, die immer weitergesegelt sind in der Hoffnung, dass sie hinter dem Horizont noch etwas finden. Auch wenn sie Angst hatten, irgendwann von der Erde runterzufallen. Aber das werden wir am Ende ja sowieso alle.

Wenn die U-Bahn über der Erde fährt

Die literarische Begabung Sven Regeners ließ sich immer schon erahnen, wenn man seine Lieder hörte. Dank seiner Band Element of Crime, die anfangs noch auf Englisch sang, sind Songs wie „Weißes Papier“, „An einem Sonntag im April“, „Delmenhorst“ und Zeilen wie „Alle vier Minuten kommt die U-Bahn hier vorbei / Und alle dreieinhalb Minuten kommt ein neues Bier / Und ich sage dir, / Das ist ungesund / Weil es nämlich irreführend und gefährlich ist / Wenn etwas U-Bahn heißt / Das über unser‘n Köpfen rattert / Schließlich steht das ‚U‘ / Für Untergrund“ unsterblich geworden. Die Geschichte der Band mit ihren mittlerweile 17 Alben und mehr als 1000 Konzerten ist in dem sehr schönen Podcast „Narzissen und Kakteen“ nachzuhören.

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Im Nachhinein kann es da nicht verwundern, dass Regener auch gleich mit seinem ersten Roman 2001 einen großen Erfolg hatte. „Herr Lehmann“ war eben keins von jenen Büchern, die Sängerinnen oder Schauspieler aus Langeweile schreiben. Sondern dialogreiche, unkonventionelle, lebensnahe Literatur. Seitdem sind fünf Bücher aus der Welt von Frank Lehmann, Karl Schmidt und anderen erschienen. Das neue Werk aus diesem Kosmos heißt „Glitterschnitter“ (Galiani Berlin, 480 Seiten, 24 Euro) und ist eine multiper­spektivische Erzählung rund um Künstler zu Beginn der Achtzigerjahre.

Regeners Bücher sind zum Teil verfilmt worden. So spielte in der Regie von Leander Haußmann Christian Ulmen „Herrn Lehmann“.

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