Schau im Dortmunder U

Niki de Saint Phalle – die rebellische Frau

Die leidende Frau: „Altar der Frauen“ von Niki de Saint Phalle.

Die leidende Frau: „Altar der Frauen“ von Niki de Saint Phalle.

Die blonden Haare sind so künstlich wie das Rouge der Wangen und das Lächeln auf den Lippen. Und auch der Schmuck tröstet nicht über die Brüche und Risse im Antlitz dieser Frau hinweg. Die ist aus Zeitungspappmaché geformt, ein Medienereignis im Wortsinn also, und dabei so verletzlich wie die Puppen auf ihrem Bustier, gleichsam die ungeborenen Kinder der „Marilyn“.

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So heißt Niki de Saint Phalles Hommage an Marilyn Monroe, die sich nach einer traumatischen Kindheit die brünetten Locken geglättet und blondiert hat und zur Sexikone stilisiert wurde, bevor sie 1962, mit gerade erst 36 Jahren, an einer Überdosis Barbituraten starb.

Die „Marilyn“-Büste - zwei Jahre nach dem Tod des Stars entstanden - ist derzeit in der spektakulären Architektur des Dortmunder U zu sehen. Genauer: im Museum Ostwall, das in dem von Ernst Neufert in den Zwanzigerjahren entworfenen einstigen Gebäude der Union-Brauerei mit dem großen „U“ auf dem Dach zwei Stockwerke einnimmt. „Ich bin eine Kämpferin“ heißt die Niki-de-Saint-Phalle-Schau, die seit der Ausstellung „Die Schenkung“ im Sprengel-Museum vor 15 Jahren die größte deutsche Präsentation zu Niki de Saint Phalle (1930-2002) ist.

Auf 1000 Quadratmetern zeigt das Museum Ostwall 120 Werke der französisch-amerikanischen Künstlerin. Das Spektrum reicht von frühen, expressiv-naiv wirkenden Ölgemälden über Collagen und Assemblagen und die (durch Schüsse auf Farbbeutel entstandenen) Schießbilder bis zu den populären Nanas. Geboten wird also deutlich mehr als die im Januar endende Niki-Schau „The Big Shots“, die im Sprengel-Museum außer Nanas und frühen Schießbildern vor allem Modelle für ihren Tarotgarten im toskanischen Capalbio zeigt.

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Eine Schau mit Überraschungen

Niki für Anfänger könnten Kenner über die Dortmunder Schau spötteln, dabei hält die selbst für Experten einige Überraschungen bereit. So sind Malereien wie der „Rosa Akt in Landschaft“ (1959) und Skulpturen wie „Louise“ (1965), eine mit Stofffäden umwickelte Vorläuferin der Nanas, erstmals in Deutschland zu sehen. Und auch „Marilyn“ wird erstmals in einem deutschen Museum gezeigt.

Trotz des fast panoramischen Überblicks, den diese Ausstellung bietet, verfolgt sie dabei einen speziellen Blickwinkel. „Wir demonstrieren, dass Niki de Saint Phalle Feministin der ersten Stunde ist“, sagt Ulrich Krempel. Der hat nicht nur die Dortmunder Ausstellung eingerichtet, der ehemalige Direktor des Sprengel-Museums hat auch die Schenkung von 400 Werken begleitet, mit der Niki de Saint Phalle im Jahr 2000 die Stadt Hannover bedacht hat. Und aus Hannover stammt nicht nur der Kurator für Dortmund, das Sprengel-Museum ist auch Hauptleihgeber der Schau im Museum Ostwall. „Niki hat sich in ihrer Kunst allen weiblichen Lebensphasen gewidmet“, sagt Krempel, „den Mädchenträumen und der ersten Liebe, der Frau als Lebenswurzel, als Lust-, aber auch als Gewaltobjekt, als Gebärerin und Matrone.“

Vieles davon lässt sich im „Altar der Frauen“ entdecken, einem bewusst blasphemisch „Triptychon“ genannten Werk aus Fundstücken und Farbe, Gips, Draht und Holz. Auf diesem „Altar“ ist die Frau im Zentrum irdischen wie transzendenten Grauens. Eine maskenhafte Braut, der man das Herz herausgerissen und durch eine Kreuzesmonstranz ersetzt hat, gebrandmarkt durch Männer- und Totenkopfgrinsen, Lebenswurzel und Sturzgebärerin und zugleich todgeweihtes Angriffsziel von Flugzeugen und Monstern.

Gegen die Männerwelt

Vieles davon hat Niki de Saint Phalle selbst erlebt und künstlerisch verarbeitet - vom Missbrauch durch den Vater über Geburts- und Trennungserlebnisse bis hin zu sexistischen und politischen Gewalterfahrungen. „Niki war eine unheimlich rebellische Frau“, sagt Krempel, „und sie ist damit einer damals auch noch oft besonders selbstherrlich und idiotisch auftretenden Männerwelt entgegengetreten.“

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Und warum so eine große Ausstellung am Rande des Ruhrgebiets? Nicht zuletzt wegen dieser Lage, ist im Museum Ostwall zu hören. Denn dies ist die erste Ausstellung von Werken der Künstlerin in einem deutschen Museum, das ein Einzugsgebiet von mehr als zehn Millionen Menschen hat. Und obwohl die Schau gerade erst gestartet ist, hat man nicht erst während der Feiertage bereits regen Publikumszuspruch verzeichnet.

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