Hamburg

Philipp Otto Runge in der Kunsthalle

Entsteht nicht ein Kunstwerk nur in dem Moment, wann ich deutlich einen Zusammenhang mit dem Universum vernehme?“ „Kann ich den fliehenden Mond nicht ebenso festhalten wie eine fliehende Gestalt, die einen Gedanken bey mir erweckt?“ Schon im Vorraum der gerade eröffneten, großen Hamburger Ausstellung anlässlich des 200. Todestages von Philipp Otto Runge (dieser war am 2. Dezember) wird das Versprechen des Titels eingelöst: Man wird hineingezogen in den „Kosmos Runge“.

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Da ist dem jungen Künstler, als wenn er den „Odem der Welt hörte“. Eine Raffael-Madonna erschüttert ihn „bis ins Innerste der Seele“. „Es ist doch die lebendige Natur allein, die so gewaltsam auf einen würkt, dass man vor Freudigkeit niedersinken möchte.“ Dann quält ihn die Sorge, seine Geliebte, Pauline Bassenge, nicht heiraten zu können. Die Eltern stehen einer Verbindung mit dem malenden Schwarmgeist skeptisch gegenüber. Der gesamte Raum ist übersät mit Briefzitaten. Runges Sätze – wie auch die Bilder – sind überschäumend bis überdreht. Diese Empfindungsbereitschaft ist das genaue Gegenteil der coolen Indifferenz, die heute en vogue ist.

Hubertus Gaßner, der Direktor der Hamburger Kunsthalle, sieht den etwas im Schatten Caspar David Friedrichs stehenden Romantiker als einen ästhetischen Erneuerer. Runge verkörpere das moderne Subjekt, das sich einem abweisend gewordenen Kosmos gegenübersieht. Die alte Glaubensgewissheit ist zerbröckelt, die überkommene Gesellschaftsordnung in der Revolution zerbrochen. Es ist also am Subjekt, sich eine eigene Welt zu schaffen.

Bei ihrer Ausstellung „Kosmos Runge. Der Morgen der Romantik“ kann die Kunsthalle fast das gesamte Werk des Künstlers aufbieten – weil sie es besitzt. Neben mehreren Hundert Zeichnungen und Scherenschnitten haben sich 35 Gemälde erhalten. 25 davon gehören der Kunsthalle. Fünf weitere werden gerade angekauft – die rund 15 Millionen Euro sind fast beisammen.

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Die Ausstellung erstreckt sich über 17 Räume, die in jenen intensiven Farben ausgemalt wurden, die im 18. und frühen 19. Jahrhunderts bürgerliche Wohnstuben zierten: Rot, Altrosa, Sonnengelb. Die berühmten „Hülsenbeckschen Kinder“ strahlen eine naive Unschuld aus. Diese Sehnsucht nach Reinheit findet sich in den geheimnisvollen Hauptwerken „Kleiner Morgen“ und dem unvollendet gebliebenen „Großer Morgen“ ins Mystische gesteigert. Sie werden in Hamburg fast wie Altarbilder präsentiert.

Im Zentrum der ungewöhnlichen Komposition schwebt, juwelenhaft, Aurora, die Göttin der Morgenröte. Über ihr sitzen Genien auf einer lichtdurchfluteten Lilie. Zu Füßen der Morgenröte liegt ein Knäblein, als wäre es gerade vom Himmel herabgeschwebt. Man kann es christologisch als Jesusknaben deuten. Runge knüpfte mit seinem Werk an die Schrift „Morgenröte im Aufgang“ des Mystikers und Theosophen Jakob Böhme an. Dieser versuchte im Sinne der Signaturenlehre der Renaissance in der Natur die Fußspuren des Schöpfers nachzuweisen. Auch Freimaurersymbolik (Rose, Lilie) fließt ein. Und wo in Runges Werken die Mohnblume ins Spiel kommt, gewinnen die Bildvisionen einen rauschhaften Sog.

Es ist die höchst merkwürdige, kristallin-symmetrische Struktur, die an Runges Bildern so verblüfft. Ein schier manischer Ordnungswille drückt sich in den Morgenbildern aus, so, als gelte es dem aufmerksamen Betrachter einen geheimen Code darzureichen. Heutigen Betrachtern mag Runges psychedelische Bilderwelt befremdlich anmuten. Und schon die Zeitgenossen taten sich nicht leicht damit. Runges Romantikerfreunde waren von den Bildern erschüttert – im positiven Sinn. Und Goethe sagte – da war der Maler schon gestorben –, die Werke seien „zum Rasendwerden, schön und toll zugleich“. „Wer so auf der Kippe steht, muss sterben oder verrückt werden; da ist keine Gnade.“

Der Künstler selbst dachte sich die Traumbilder als Dekoration für Romantikersalons, in denen Gedichte gelesen und Lieder gesungen werden sollten. Sogar als Stickmuster empfahl er seine Arabesken. Über das Medium des Kupferstichs beeinflusste Runge die Kunst bis in den Jugendstil hinein.

Philipp Otto Runge gehört zum Typus des tragischen romantischen Genies. Bereits als Kind erkrankte er an Tuberkulose. Dass er kreativ tätig sein konnte, verdankte er der materiellen Unterstützung durch seinen älteren Bruder, 1810 starb der Kaufmannssohn 33-jährig in Hamburg an Schwindsucht. Als ob er die enge Begrenztheit seiner Lebensspanne geahnt hätte, überschlug er sich mit einer Fülle von zeichnerischen Studien. Es sind weit mehr als Skizzen, wie die Hamburger Schau deutlich macht. Aurora oder die rosenstreuenden Genien wirken auf den Papierarbeiten nicht minder zart pulsierend als in Öl.

Caspar David Friedrich ist der Maler stimmungsvoll überhöhter Landschaften. Der drei Jahre jüngere Runge schuf geheimnisvolle Natur-Hieroglyphen als eine Art Schlüssel für paradiesische Empfindungen. Beide Künstler waren Norddeutsche, beide konzentrierten ihre Kraft auf die Natur. Landschafts- und Naturbilder waren innerhalb der protestantisch geprägten Kultur ein Refugium für die Bildkunst. Über den Umweg des Natürlichen kam auch das Künstliche zu seinem Recht. Romantische Maler versuchten ihrer „Landschafterey“ (Runge) ein regelrecht theologisches Gewicht zu geben. Als Schöpfende waren sie sich dabei ihrer dem Weltenschöpfer analogen Rolle durchaus bewusst.

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Sie lieferten Empfindungsvorlagen. Bis heute sprechen uns ihre Werke unmittelbarer an als vieles andere in der Kunst.

Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall, bis 13. März 2011, Katalog 40 Euro.

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