Erster deutscher Berlinale-Beitrag: Mit Humor gegen die brutale Wirklichkeit

Der Supreme Court wartet schon: Anwalt Bernhard Docke (Alexander Scheer) und Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan).

Es gab mal eine Zeit, in der deutsche Regisseurinnen und Regisseure die Berlinale mit größtem Misstrauen beäugten. Ihre Filme fanden beim wichtigsten Festival hierzulande alles andere als eine freundliche Aufnahme.

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Erst dem langjährigen Berlinale-Chef Dieter Kosslick gelang es mit einer schwungvollen Umarmungstaktik, das gestörte Verhältnis zu entkrampfen. Spätestens 2004 war der Knoten durchschlagen: Damals gewann der noch junge und wilde Fatih Akin mit seinem aufpeitschenden Drama „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären.

Prestigereiches Schaufenster

Seither fungiert das Festival als prestigereiches Schaufenster für deutsche Produktionen. Der jetzige künstlerische Direktor Carlo Chatrian als Nachfolger Kosslicks hält an dieser Einladungspolitik fest – auch wenn es in diesem Jahr nur zwei deutsche Produktionen in den auf 18 Beiträge geschrumpften Wettbewerb geschafft haben, die Liebesgeschichte „AEIOU – Das schnelle Alphabet der Liebe“ und Andreas Dresens Guantanamo-Film „Rabiye Kurnaz vs. George W. Bush“.

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Dresen hat am Sonnabend sogar den begehrtesten Platz des Festivals zugeteilt bekommen, den Chatrian zu vergeben hat. Dort ist zumeist gut zugängliches Hollywood gesetzt. Das glamouröse US-Kino fehlte im Pandemiejahr aber komplett. Jetzt stellt sich nur die Frage: Bringt Dresens Film bei diesem schwergewichtigen Thema die nötige Leichtigkeit mit?

Aus der Perspektive einer Mutter erzählt Dresen von ihrem über fünf Jahre im US-Gefangenenlager auf Kuba weggesperrten Sohn. Der berühmt-berüchtigte Fall des Bremers Murat Kurnaz liegt dem Film zugrunde.

Wer nun aber eine Geschichte über Folter, Misshandlung und Erniedrigung wie etwa im Hollywoodfilm „Der Mauretanier“ über den Fall Mohamedou Ould Slahi befürchtet hat, liegt falsch. Vom Gefangenenlager sehen wir nur ein paar dokumentarische Aufnahmen auf einem Bildschirm.

Menschenfreundlicher Regisseur

Vermutlich hätte der so menschenfreundliche Regisseur Dresen so viel Hoffnungslosigkeit auch gar nicht ertragen. Er verteidigt seine Filmfiguren noch in jedem Unglück – den sterbenden Krebskranken in „Halt auf freier Strecke“ (2011) genauso wie den Stasispitzel und Baggerfahrer „Gundermann“ (2018).

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Tatsächlich legen Dresen und seine Stammautorin Laila Stieler einen überraschenden Film vor – eine Mut machende Komödie. Die beiden setzen Humor gegen die brutale Wirklichkeit.

Dass dieses Konzept über weite Strecken aufgeht, ist in erster Linie der Moderatorin und Comedienne Meltem Kaptan als Mutter Rabiye Kurnaz zu verdanken – dies ist ihr Kinodebüt in einer Hauptrolle. Kaptan ist eine Mutter mit viel Herz, noch mehr Seele und türkisch-deutscher Schnauze, ein Energiebündel ohne jede Scheu vor Autoritäten.

Es geht um Gerechtigkeit

Rabiyes stärkste Waffe ist ihre Naivität. Ihre Fragen ermöglichen es dem Filmteam, die komplizierte Rechtslage mit gesundem Menschenverstand aufzudröseln. Und da kommt Bernhard Docke (Alexander Scheer, einst jener „Gundermann“) ins Spiel, ein Menschenrechtsanwalt mit trockenem norddeutschen Humor.

„Mir geht es um Gerechtigkeit“, sagt Bernhard. Und darum geht es auch Dresen, der nebenbei Laienverfassungsrichter in Brandenburg ist. Dieser Film ist geradezu eine Lehrstunde über die Bedeutung von Rechtsstaatlichkeit in einer Demokratie.

Manchmal dringt dieser pädagogische Ansatz durch. Aber keine Sorge, bald schon gibt Rabiye wieder einen türkischen Sinnspruch zum Besten und torpediert damit jeden Anflug von Pathos.

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Rabiyes Geerdetheit lässt einen beinahe übersehen, wie differenziert die Filmemacher erzählen. Auch die deutsche Politik nehmen Dresen und seine Stammautorin Laila Stieler an den Haken: Die damalige grün-rote Bundesregierung mit Frank-Walter Steinmeier als Chef im Kanzleramt versuchte offenbar, Kurnaz‘ Auslieferung nach Deutschland mit bürokratischen Tricks zu torpedieren. Deswegen saß Kurnaz noch ein paar Jahre länger in Guantanamo ein.

Schon am Sonntagabend geht es mit Krebitz‘ „AEIOU – Das schnelle Alphabet der Liebe“ weiter. Das ist auch kein schlechter Startplatz, um die Herzen des Publikums zu gewinnen.

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