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Umstrittene Inszenierung

Schon wieder Ärger um den "Freischütz"

Foto: Thielemann erscheint nicht: Dieses Bild der „Freischütz“-Aufführung vom Donnerstag veröffentlichte der Journalist Axel Brüggemann am Freitag in seinem Blog auf den Internetseiten des Musikmagazins „Crescendo“.

Thielemann erscheint nicht: Dieses Bild der „Freischütz“-Aufführung vom Donnerstag veröffentlichte der Journalist Axel Brüggemann am Freitag in seinem Blog auf den Internetseiten des Musikmagazins „Crescendo“.

Hannover.In der hannoverschen Inszenierung erklärt der Chefdirigent der Staatskapelle Dresden unmittelbar vor dem volkstümlichen Chor der Brautjungfern im dritten Akt in einem Interview, dass Volksmusik Kunstmusik sei. Seit der jüngsten „Freischütz“-Vorstellung am Donnerstag ist dieses Video aber nicht mehr zu sehen. Die Staatsoper hat es versäumt, die Nutzungsrechte für das Interview einzuholen, wie Intendant Michael Klügl am Donnerstag einräumte. Der Produzent des Interviews, das für eine Public-Viewing-Aufführung der Staatskapelle aufgenommen wurde, hatte der hannoversche Oper eine Klage angedroht. Die Oper erklärte daraufhin, das Video nicht mehr zu zeigen.

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Dass diese Urheberrechtsfrage aber höchstens ein Teil des Problems darstellt, macht ein Anruf bei der Staatskapelle in Dresden schnell klar. Deren Sprecher Matthias Claudi urteilt, dass die ganze hannoversche Inszenierung „Christian Thielemann, die Semperoper und Dresden in ein komisches Licht“ setze. Claudi, der ebenso wie sein Chef Thielemann die „Freischütz“-Produktion nicht selbst gesehen hat, argwöhnt nach der Lektüre von Kritiken der Aufführung, dass der Dirigent mit der Pegida-Bewegung in Verbindung gebracht werde. Außerdem liege der Verdacht nahe, dass Regisseur Voges „sich auf einfache Art und Weise über Thielemann lustig“ mache.

"Wenn er auch nur ein bisschen Humor hat, hätte er Spaß gehabt“

Die Dresdener haben sich daraufhin mit dem hannoverschen Opernhaus in Kontakt gesetzt – allerdings ohne befriedigende Ergebnisse. Erst daraufhin habe man den Filmproduzenten, der sich derzeit in Indien aufhält, über die möglicherweise unrechtmäßige Verwendung seiner Arbeit informiert. Das angestrebte Ziel, das Video mit Thielemann nicht mehr zu zeigen, wurde so auf Umwegen erreicht.

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Tatsächlich gibt es in der Inszenierung keine Gleichsetzung zwischen Thielemann und Pegida. Der Regisseur, der das verwendete Video als urheberrechtlich unbedenkliches Zitat verstanden hatte, sagte am Freitag, es wäre schön, wenn der Dirigent sich seine Arbeit angesehen hätte. „Wir gehen sehr hochachtungsvoll mit ihm um, und ich bin mir sicher, wenn er auch nur ein bisschen Humor hat, hätte er Spaß an der Szene gehabt.“ Allerdings hätten Thielemanns Äußerungen einen „unbestreitbaren dadaistischen Wert“.

Amüsieren wollte sich auch der Journalist Axel Brüggemann, der Thielemann in dem strittigen Video interviewt. In der Vorstellung, die Brüggemann besuchte, war das Video aber bereits nicht mehr zu sehen. Und statt sich zu amüsieren, musste sich der Journalist sogar ärgern: über eine seiner Meinung nach langweilige Inszenierung („Das übliche Theater, wie man es in mittelgroßen Häusern eben so macht“) – und über die rätselhafte Schweigsamkeit der hannoverschen Chefdirigentin.

Thielemann besteht auf klärendem Gespräch

Karen Kamensek hatte in der Premiere bei der jetzt entfernten Videosequenz ein Schild emporgehalten, auf dem zu lesen war: „Ich distanziere mich ausdrücklich von dieser Szene. K.K.“ Diese Distanzierung wurde ihr von Brüggemann, der in den Premierenkritiken davon gelesen hatte, zunächst als Distanzierung zu Thielemann ausgelegt. Darum fand er es „merkwürdig“, dass Kamensek nicht zu einem Gespräch zur Verfügung stand. „Wer sich positioniert, muss auch mit den Betroffenen sprechen“, sagte Brüggemann, der seinen Irrtum inzwischen bemerkt hat: Kamensek, die schon lange vor der „Freischütz“-Produktion beschlossen hat, keine Interviews mehr zu geben, hat sich nicht von Thielemann distanziert, sondern von diesem Teil der Inszenierung.

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Neuer Akt im Theater um den „Freischütz“ – in den Hauptrollen: Christian Thielemann und Karen Kamensek.

Neuer Akt im Theater um den „Freischütz“ – in den Hauptrollen: Christian Thielemann und Karen Kamensek.

Bis zu Christian Thielemann ist diese Erkenntnis allerdings noch nicht durchgedrungen: Der Dirigent, der persönlich bislang nicht offen in Erscheinung getreten ist, besteht offenbar auf einem klärenden Gespräch ausschließlich mit seiner hannoverschen Kollegin, der damit ungewollt eine außermusikalische Schlüsselrolle in der Geschichte dieser „Freischütz“-Inszenierung zufällt. Bis dahin wird wohl auch das weitere Vorgehen unklar bleiben: Ob Thielemann selbst, die Semperoper oder der Produzent des Videos weitere rechtliche Schritte einleiten werden, kann derzeit niemand sagen.

Improvisierte Lösung der Brautchor-Szene

Offen ist auch die Zukunft der Brautchor-Szene in Voges’ „Freischütz“. Am Donnerstag war zunächst eine improvisierte Lösung zu sehen: Auf der Leinwand war eine fiktive Youtube-Anfrage nach einem Thielemann-Interview zu sehen und der Hinweis „Dieses Video ist in ihrer Oper nicht zu sehen“. Künftig will Voges den Film eventuell nachspielen lassen, auch Puppentheater hält er an dieser Stelle für denkbar. Überhaupt werde sich die Inszenierung mit der Zeit verändern. So könnten beispielsweise bald andere Bilder als etwa die der Absage des Länderspiels in Hannover zu sehen sein. „Gegenwärtige Kunst soll nicht aussehen wie die Nachrichten vor drei Wochen“, sagt Voges.

Nach Hannover zurückkehren wird der Regisseur, der Intendant des Schauspiels in Dortmund ist, wohl ohnehin: Vermutlich in der übernächsten Saison könnte er hier wieder eine Oper inszenieren. Er schätze das „klassische politische Opernrepertoire“ und möge die Romantik lieber als das Barock, sagte Voges auf die Frage, welche Stück ihn reizen würde. Zumindest Letzteres verbindet ihn sogar mit Christian Thielemann. Vielleicht kommt der ja dann zur Premiere.

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