Ausstellung im Sprengel Museum

Von der Leidenschaft des Sammlers

Kann Erkenntnis Sünde sein? Chagalls Lithografie von 1960 und Picassos Zeichnung von 1931 (rechts).

Kann Erkenntnis Sünde sein? Chagalls Lithografie von 1960 und Picassos Zeichnung von 1931 (rechts).

Hannover. Ein Mann blickt hinab auf eine nackte Frau, die ihre Augen geschlossen hält – das Weib als blindes Objekt männlichen Handelns. Genau so sieht es auf zwei Bildern aus, die jetzt im Sprengel Museum zu sehen sind und deren Botschaft doch kaum unterschiedlicher sein könnte: Das eine, Pablo Picassos „Ein Mann enthüllt eine Frau“ (1931), handelt von Liebe. Das andere dagegen, Marc Chagalls „Gott verdammt Eva“ (1960), von der Sünde.

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Museumskuratorin Karin Orchard betrachtet die beiden Werke als Beispiele dafür, wie strategisch der Kunstsammler Ernst-Joachim Sorst (1931–2012) vorgegangen ist. Das fällt wegen der Vielfalt seiner Sammlung nicht auf den ersten Blick ins Auge. Immerhin hat der hannoversche Unternehmer über fast ein halbes Jahrhundert hinweg Werke von mehr als einem Dutzend verschiedener Künstler gesammelt. Darunter sind so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Ernst Barlach, Jeanne Mammen oder auch Oskar Kokoschka. Doch in dieser Vereinigung von expressionistischen, neusachlichen, realistischen und symbolistischen Werken sind durchaus rote Fäden zu finden – das dokumentiert die neue Ausstellung „Von Kollwitz bis Picasso“.

Deren Grundlage ist die Dauerleihgabe der Sammlung Ernst-Joachim Sorst durch die Söhne Bernhard und Harald Sorst an das Sprengel Museum, die wegen der großen Grafikbestände des Museums gut in das Haus passt. Sorst hat sich nämlich ganz auf Grafiken konzentriert. Und weil er ein Faible für sozialkritische Werke hatte, zählen auch Arbeiten von George Grosz, Otto Dix und eben Käthe Kollwitz dazu. Da finden sich viele thematische Parallelen. Etwa bei Milieuskizzen rund um Armut, Alkoholismus oder Prostitution wie in der Lithografie „Dirne und Mann“ (1922) von George Grosz oder in der Zeichnung „Im Bordell“ (1923) von Rudolf Schlichter. Es gibt aber auch handwerkliche Überschneidungen. Etwa zwischen den Landschaftsholzschnitten von Karl Schmitt-Rottluff und denen von Erich Heckel. Oder zwischen Horst Janssens „Liegender Akt und Katze“ (1953) und Grieshabers „Katze und Vogel“ (1960), die beide die Gegenständlichkeit der Figuren in glatte Flächen auflösen. Es ist der Leidenschaft des Sammlers Sorst zu verdanken, dass solche Parallelen jetzt zu besichtigen sind.

Von besonderer Sammelleidenschaft zeugt auch eine Präsentation aller Grafiken des Expressionisten Edvard Munch (1863–1944), die gleichzeitig in einem weiteren Grafik-Ausstellungsraum des Sprengel Museums gezeigt wird. Bei immerhin 28 der insgesamt 35 Munch-Grafiken, die hier zu sehen sind, handelt es sich um Schenkungen des hannoverschen Lehrers August Nitzschner (1856–1929). Der hatte auch einen Blick für Besonderes – und hat so eindrucksvolle Munch-Grafiken wie „Der Kuss“, „Eifersucht“ oder „Der Tod des Marat“ gesammelt. Dass der impulsive Norweger seinerseits wichtige Impulse aus Deutschland empfangen hat, lässt das gleichfalls ausgestellte Porträt „Paul Cassirers Tochter“ ahnen – der Kunsthändler Cassirer war schließlich eine Schlüsselfigur in der Berliner Kunstszene der Jahrhundertwende.

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„Edvard Munch. Der grafische Bestand“ bis 26. Januar 2014 und „Von Kollwitz bis Picasso“ bis 2. Februar 2014 im Sprengel Museum, Kurt-Schwitters-Platz. Eröffnung heute um 18.30 mit Karin Orchard, Bernhard Sorst und Museumsdirektor Ulrich Krempel.

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