Popstar im Wandel

Goodbye, Folk: Taylor Swift zelebriert auf „Midnights“ Synthpop

Beständig ist nur der Wandel: Taylor Swift pflegt nach zwei folkigen Werken auf „Midnights“ (veröffentlicht am 21. Oktober) elektronische Klänge. Foto: Evan Agostini/Invision via AP/dpa

Beständig ist nur der Wandel: Taylor Swift pflegt nach zwei folkigen Werken auf „Midnights“ (veröffentlicht am 21. Oktober) elektronische Klänge. Foto: Evan Agostini/Invision via AP/dpa

Taylor Swift. „Die einzige Gewissheit ist die Ungewissheit“ – so lautet ein Satz aus der Fantasyserie „Die Ringe der Macht“. Und dem griechischen Philosophen Heraklit wird die Weisheit „Nichts ist so beständig wie der Wandel“ zugeschrieben. Nein, keine Serie, sondern Antike – ungefähr 2500 Jahre her. Beides trifft auf – wir begeben uns von den Höhen von Mythen und Historie in die Niederungen der Popmusik – Taylor Swift zu. Es war höchst ungewiss, ob sie mitten in dem Projekt, ihre ersten sechs Alben noch einmal einzuspielen, Zeit finden würde für eine Kollektion neuer Songs. Und das Album, das im August angekündigt wurde, klingt nun – anders.

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Goodbye Folk, hello Beats! Taylor Swift hat am Freitag (21. Oktober) Album Nummer zehn geliefert und sich vom gitarrenen (Indie-)Klang der Vorgänger verabschiedet, die sie ihre „folkloristischen Wälder“ nannte. „Midnights“ heißt es, weil es seine Entstehung nächtlicher Arbeit verdankt, und der Kontrast der Electronica zur hellen, sehnsuchtsvollen Stimme ist schon berückend. Man tanzt gern dazu, obwohl es kein Dance-Album ist, die Beats eher zurückgenommen sind, dem Lied dienen, statt es zu dominieren. Wenn der Beat mal ausbleibt, wiegt man sich zu Keyboardklängen und hat dieses schwebende Gefühl.

In den Mitternachtsessions war Jack Antonoff Swifts Partner

Jack Antonoff war der Studiopartner, Gitarrist der Bleachers, Schlagzeuger von Fun. Seit neun Jahren produziert er Songs von Swift, ist ihr bevorzugter und häufigster Songwriter-Buddy. Auch bei elf der 13 in angeblich mitternächtlichen Sessions verfassten Songs von „Midnights“ ist Antonoff als Co-Autor gelistet.

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Die Texte muten zuweilen kryptisch an. Verloren sei sie im Irrgarten ihres Verstands, singt Swift in „Labyrinth“ und erzählt von der Angst vor Beziehungen. Verkleidet diese Angst in die Angst vor Flugzeugen, die abstürzen können, die Angst vor rasend schnellen Aufzügen. Sie traut allen dreien nicht. Und dann hat sie sich wieder verliebt. Wie habe er das Flugzeug bloß umdrehen können?

Swift erzählt auch Geschichten von Distanz und Selbstzweifeln

Zur Halloweenzeit passt „You‘re on Your own, Kid“, wo sie sich – zu einer imaginären Rückkehr nach Hause („Ich hab diese Stadt nicht ausgewählt / ich träume davon, rauszukommen“) und umgeben von den alten Freunden, die ihr distanziert vorkommen – in einem blutgetränkten Festgewand vorstellt, als wäre sie die Carrie aus Stephen Kings gleichnamigem Roman („Mit den Brücken, die brennen, werden Seiten umgeblättert / alles, was du verlierst, ist zugleich ein Schritt vorwärts“).

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„Anti-Hero“ scheint ein Lied über Selbstzweifel zu sein: „Manchmal habe ich das Gefühl, jeder ist ein sexy Mädel / Und ich bin ein Monster auf dem Hügel / zu klobig zum Abhängen / langsam taumelnd in Richtung deiner Lieblingsstadt / Durch das Herz gebohrt, aber nie getötet“. Das klingt wie eine traurige Hommage an Boris Karloffs Kreatur aus „Frankenstein“, man denkt an die Szene, in der das ungeschlachte Wesen der Mühle und seinem Ende zustrebt, verfolgt vom heulenden Mob. Man möchte Swift glatt in den Arm nehmen. Dann zwinkert sie mit den nächsten Worten: „Hast du meinen versteckten Narzissmus gehört / den ich als Altruismus tarne – wie ein Kongressmann“. Jepp, Politiker sind nicht so ihr Ding.

„Vigilante Shit“: Eine Watsche für Kanye West? Swift verzichtet auf Namen

Der zuletzt immer erratischere Popstarkollege Kanye West bekanntermaßen auch nicht, der ihr 2009 bei den MTV Video Awards das Mikro aus der Hand riss, um ihren Preis Beyoncé zuzusprechen, und der Swift ein paar Jahre den Song „Famous“ widmete, in dem er sich Sex mit ihr vorstellte, weil er „diese Bitch“ durch die damalige Aktion ja erst berühmt gemacht habe. Gehört die Songwatsche „Vigilante Shit“ auf Wests Wange? Und wer steckt hinter dem „spiderboy“, der in „Karma“ sein Fett wegbekommt? Songs sind bei Swift auch probate Mittel zur Vergeltung, ihre Zunge ist ein Dolch, und doch ist sie hier Gentlewoman – es fallen keine Namen.

In „Lavender Haze“ wischt Swift den „50er-Jahre-Scheiß“ weg, „den sie von mir wollen“. Immer wieder wurde medial auf Heirat mit Joe Alwyn spekuliert, mögliches Mutterglück an sie herangetragen. Die Sichtweise auf sich, mit der sie konfrontiert wurde, erinnert an den Patriarchenhorror des Sci-Fi-Kinodramas „Don‘t Worry, Darling“. Swift singt‘s hinaus: „Das einzige Mädchen, das sie sehen / ist ein One Night Stand oder eine Ehefrau“. Wie Fremdsichten zur Heimsuchung werden, zeigt auch das Video zu „Anti-Hero“, wo gleich zwei Swifts die Geister von gestern angehen.

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„Midnights“ ist totz allem mit Swifts Folkalben vereinbar

Das Album kam ohne lange Vorwarnung, wenn auch nicht über Nacht aus dem Nichts, wie das in der Gilde der Pop-Superstars heute des Öfteren passiert. Und obwohl es jetzt so anders ist als die beiden Platten, die Swift unter den Fittichen von Aaron Dessner von The National eingespielt hatte (der heute nur noch auf ein paar dem Album Stunden später nachgeschickten Bonustracks zum Zuge kommt), ist das Gluckern, Zwitschern und Rückwärts-Geraune, der Dubstep und Trap, die Robot-Feen-Gesänge, Swifts verzerrte Stimme – eben das ganze Science-Fiction-Klangspektrum – durchaus kompatibel mit „Folklore“ und „Evermore“ (beide 2020) und vermag die Hörer zu verzaubern, die sich zuvor von ihrem Indie Folk verzaubern ließen.

Die Songs tragen keinen Produktionspanzer – sie sind entwaffnend leicht

Denn die Songs hier haben durch die Bank bezwingende Melodien, und sie könnten genauso gut mit Orchestern, mit einer Rock-‘n‘-Roll-Band, einer Countrykapelle oder solo mit Lagerfeuerklampfe umgesetzt werden. „Midnights“ ist irgendwie ein elektronisch getarntes Folkalbum, das „wärmste“ Synthiwerk, seit man denken kann. Die Songs hier haben keine Soundrüstung, mit der heutige Produktionen oft auftrumpfen, sie sind keine R-‘n‘-B-Panzer, sind nicht anstrengend zu hören, sondern sind von entwaffnender Leichtigkeit.

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Nicht von ungefähr zählt Melodienmeister Paul McCartney zu den Fans der 32-Jährigen aus Pennsylvania, die mit Countrypop begann. Und: „Wenn ich den Raum betrete“, singt die Songwriterin im Refrain von „Bejewelled“, „kann ich immer noch den ganzen Ort zum Schimmern bringen.“ Wenn ihre Stimme aus den Lautsprechern kommt, geschieht genau dasselbe.

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„Midnights“ – nächste Woche auf dem Gipfel der Charts

Man könnte die „Aufstiegsparanoia“ im Text von „Labyrinth“ auch auf die Karriere Swifts beziehen, auf die Furcht der Künstlerin, der Flug in höchster Höhe könne mit dem nächsten Wandel beendet sein. Aber da muss Swift keine Sorge tragen. Dieses Album, das soundmäßig am ehesten an das nach ihrem Geburtsjahr benannten „1989″ (2014) anknüpft, ist mit seinen Liebesgeschichten, Liebesendegeschichten und Racheerzählungen nächste Woche Nummer eins.

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