Der koreanische Erfolg

Heart and Seoul in Südkorea

Ein Mix aus Tradition und Moderne: die koreanische Hauptstadt Seoul.

Ein Mix aus Tradition und Moderne: die koreanische Hauptstadt Seoul.

Seoul. Wenn sich Patrice Villanueva Siao und Lior Gulianka über ihr neues Leben in Korea austauschen, geht es um Tanzschritte, Instagram-Videos und das Essen. „Oh Gott, dieses Kimbap ist so unglaublich scharf“, sagt Lior Gulianka und fächert frische Luft in ihren Mund. „Die Verkäuferin hat behauptet, es sei mild!“ Patrice Villanueva Siao muss lachen. „Klassiker! Scharfes Essen halte ich auch nicht aus.“ Dies sei vielleicht das Einzige am Leben hier, bei dem sie länger brauchen könnte, bis sie sich daran gewöhnt haben werde.

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Erst seit einigen Wochen leben die zwei Frauen in Südkorea. Die 20-jährige Patrice Villanueva Siao kommt von den Philippinen, die 26-jährige Lior Gulianka aus Israel. Ins für beide ferne ostasiatische Land sind sie wegen ihrer Leidenschaft gekommen. „Seit meiner Ankunft hat sich an meinem Traum nichts geändert: Ich will K-Pop-Star werden“, sagt Villanueva Siao in einem Videocall mit ihrer neuen Freundin. „Ich auch, aber für mich wäre auch eine pure Tanzkarriere okay“, meint Gulianka. Beiden war klar, dass sie dafür ihre Heimat verlassen und nach Südkorea ziehen müssten.

Was Gesang und Tanz angeht, ist das Niveau hier echt am höchsten.

Lior Gulianka, 26-jährige Israelin, die seit Kurzem in Südkorea lebt

„Was Gesang und Tanz angeht, ist das Niveau hier echt am höchsten“, schwärmt die Israelin. „Wenn man sich mal die K-Pop-Künstler ansieht, stechen sie wirklich aus dem globalen Geschäft heraus, weil sie alles sehr gut beherrschen.“ Um so geschliffen zu werden wie die Stars der mittlerweile weltweit beliebten Popbranche, haben sich Villanueva Siao und Gulianka bei einer südkoreanischen Privatschule namens ED K-Pop angemeldet. Die wirbt damit, dass die Schüler genauso wie Popstars trainieren und dass die besten Talente auch bei großen Agenturen vorgestellt werden.

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Junge Menschen brechen in der Heimat alle Zelte ab, um in einem fernen Land ihr Glück zu suchen. Man kennt so etwas von lateinamerikanischen und afrikanischen Talenten im Fußball, die es nach Europa zieht. Oder von Singer-Songwritern aus aller Welt, die durch die Clubs von New York tingeln. Auf seine Art ist auch Südkorea zu so einer Destination geworden. Die Zehn-Millionen-Metropole Seoul, die international bis vor einigen Jahren eher als Ort allgegenwärtiger Samsung-Handys und Hyundai-Autos galt, ist mittlerweile einer der popkulturellen Sehnsuchtsorte des Globus.

Ein weltweites Phänomen

In der Generation, die ab der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre geboren wurde, zählt K-Pop neben Hip-Hop und all seinen elektronischen Spielarten zum beliebtesten Genre der Popmusik. Er zeichnet sich durch eine Weiterentwicklung des Pop der 1990er-Jahre aus, der geschmeidiger produziert ist und dessen Protagonisten auch tatsächlich selbst singen und tanzen können. Da meist auf Koreanisch gesungen wird, ist der seit Jahren anhaltende K-Pop-Boom zudem teils paradox.

Denn anders als britische und US-amerikanische Popstars der vergangenen Jahrzehnte, die auf den Vorteil ihrer Weltsprache Englisch setzen konnten, lebt K-Pop mit dem Nachteil, dass der Großteil des weltweiten Publikums kein Wort der Liedtexte versteht. Allerdings: Als im Mai das Festival K-Pop Flex vor 44.000 Zuschauern in Frankfurt am Main stattfand, waren selbst diverse Sängerinnen und Sänger der auftretenden Gruppen erstaunt: Die Fans sangen lauthals mit – auf Koreanisch. Auch das Studium der koreanischen Sprache befindet sich nämlich im Aufwind.

Südkorea

 

Asiens Wirtschaftswunder

Historisch betrachtet ist es nicht lange her, dass man den Namen Korea eher mit Armut, Unterdrückung oder Krieg verbunden hat. Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurde die kriselnde, feudal organisierte Joseon-Dynastie, die rund 500 Jahre lang geherrscht hatte, vom japanischen Imperialismus verdrängt. 1910 wurde Korea japanische Kolonie. Allmählich sollte die Halbinsel kulturell japanisiert werden. Mit Ende des Zweiten Weltkriegs, in dem Koreaner und Koreanerinnen als Zwangsarbeiter und Sexsklavinnen für das japanische Militär eingesetzt worden waren, erlangte Korea die Unabhängigkeit von Japan. Allerdings war das Land fortan geteilt und damit ein frühes Opfer des Kalten Krieges. Der Norden sollte kommunistisch werden, der Süden liberal und kapitalistisch. Aus ideologischen Differenzen entstand bald ein kriegerischer Konflikt: 1950 marschierte der Norden im Süden ein. Der Korea-Krieg wurde zum ersten Stellvertreterkonflikt des Kalten Krieges, er forderte Millionen Todesopfer und konnte 1953 nur mit einem Waffenstillstand beigelegt werden: Ein Friedensvertrag ist bis heute nicht unterzeichnet. Allerdings barg schon die Abwesenheit eines kriegerischen Konflikts enormes Entwicklungspotenzial. Während die koreanische Halbinsel Mitte der 1950er-Jahre noch zu den ärmsten Regionen der Welt zählte, sollte sich dies bald ändern. Südkorea, das jedoch bald in eine Militärdiktatur verfiel, schaffte es mit anfangs kluger Industriepolitik, ein einzigartiges Wirtschaftswunder zu vollbringen. Durch eine enge Kooperation zwischen dem Staat und einigen bevorzugten Unternehmen, denen es fortan kaum an Aufträgen und Krediten fehlen sollte, wurde die Volkswirtschaft global immer bedeutender. Das Exportgeschäft begann mit Textilien, ging weiter mit der Schwerindustrie. Bald expandierten die Unternehmen in den Chemiesektor und unterschiedliche Hightechsegmente. Mitte der 1980er-Jahre demokratisierte sich Südkorea nicht nur, es wurde auch zum Industriestaat. Seit einigen Jahren ist das Land für Autos und Smartphones bekannt, außerdem für Flatscreens, Akkus und Halbleiter. Auch die Kosmetikindustrie ist – zumindest im asiatischen Raum – populär. Allerdings gilt das ökonomische Wachstumsmodell, das stets auf starken National Players basierte, heutzutage als verbraucht. Die Chaebol genannten Konglomerate von Unternehmen wie Samsung über Hyundai zu SK oder LG machen einen derart hohen Anteil der Volkswirtschaft aus, dass ihr Gewicht als zu dominant und wettbewerbsschädigend gilt. Auch ihretwegen ist der Arbeitsmarkt höchst prekär. In Nordkorea wiederum hat man andere Probleme. Die maßgeblich staatlich kontrollierte Volkswirtschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten nur wenig Innovation hervorgebracht. Das Land hatte mit Hungersnöten zu kämpfen. Laut einem vor Kurzem veröffentlichten Bericht der UN, ist ein Großteil der Bevölkerung unterernährt. Das Problem dürfte sich im Zuge der Pandemie verschärft haben. Felix Lill

Spektakuläre Plots und Bilder

Den Boom von K-Pop, durch den koreanische Gruppen immer wieder internationale Hitlisten anführen, nur auf Musik oder Tanz zu reduzieren, wäre ein großes Missverständnis. Auch die Ausweitung auf die erfolgreiche Filmbranche würde zu kurz greifen. Als 2020 der Film „Parasite“ als erster nicht englischsprachiger Film einen Oscar für den besten Film gewann, kannten Filmkenner längst ältere hochgeschätzte Produktionen aus Korea.

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Ein gutes Jahr später folgte dann mit „Squid Game“ eine Serie, die auf der Bezahlplattform Netflix zur bislang erfolgreichsten Reihe wurde. Und weil Kreative aus Südkorea eben auch im Filmgeschäft für spektakuläre Bilder, Sounds und Plots stehen, wurde vor Kurzem die spanische Erfolgsserie „Haus des Geldes“ neu aufgelegt – die Handlung verlegte man kurzerhand auf die koreanische Halbinsel und produzierte sie mit koreanischem Set neu. Seit Ende Juni läuft sie international auf Netflix, schon vorab wurde sie medial groß diskutiert.

Südkoreas hyperkapitalistische Gesellschaftsordnung

Wie ist dieser Boom entstanden? Einen Hinweis liefert die Tatsache, dass diverse Filmprojekte der vergangenen Jahre durch eine Gemeinsamkeit auffallen: Sie handeln von individuellen oder sozialen Konflikten, deren Grundlage Südkoreas hyperkapitalistische Gesellschaftsordnung ist. Viel mehr noch als K-Pop, wo die Texte oft von typischen Problemen des Erwachsenwerdens handeln, ist der koreanische Film von Kapitalismuskritik geprägt. Umso überraschender, dass ein entscheidender Akteur hinter der weltweiten Popularität südkoreanischer Populärkultur der Staat ist.

An einem regnerischen Nachmittag blickt Shin Yongshik, ein älterer Herr mit Brille und Anzug, durch das Fenster eines Besprechungszimmers über die Seouler Innenstadt. Ganz hinten ist der traditionelle Präsidentenpalast zu sehen, auf beiden Seiten davor überragen Hochhäuser aus Glas und Stahl den alten Stolz.

„Unsere Strategie verfolgen wir seit den 1990er-Jahren“, sagt Shin, der beim Kulturministerium die Abteilung für Hallyu Content Cooperation leitet, auf Deutsch: Kooperation für Inhalte koreanischer Populärkultur. „Unsere Strategie hat von Anfang an auf dem Prinzip der Nichteinmischung basiert: Wir wollen die Mittel bereitstellen, damit unsere kreativen Köpfe gut arbeiten können.“ Der Staat fördert zum Beispiel in der Filmbranche sogar solche Werke, die im Prinzip die äußerst marktwirtschaftlich eingestellte Politik Südkoreas kritisieren – und die Branche floriert. Wobei die Bereitschaft der Regierung, auch kritische Kunst zu unterstützen, nicht nur einer grundsätzlich liberalen Haltung zu verdanken ist. Es geht um ökonomische Erwägungen.

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Wer sich mit Shin Yongshik über die staatliche Förderung koreanischer Popkultur unterhält, hört viel Businesssprech mit Begriffen wie Investitionen, Wettbewerbsfähigkeit und Exportsektor. „Wir vergeben auch Grants an junge Gruppen und Projekte“, sagt Shin und hebt den Zeigefinger. „Aber die viel bedeutendere Art der Förderung ist die Bereitstellung von Infrastrukturen wie Kulturzentren, Proberäumen, Studios. Und vor allem ist unsere Deregulierung wichtig.“

Die Krise als Koreas „soziales Trauma“

Es klingt nach Wirtschaftspolitik, und wer den Ursprung der heutigen koreanischen Kulturförderung kennt, versteht, warum. Im Jahr 1997 fand der bis dahin rasante Aufstieg von einem Agrarland zum Industriestaat, der sich in nur dreieinhalb Jahrzehnten vollzogen hatte, ein jähes Ende. Inmitten der Asienkrise schlitterte neben weiteren Ländern auch der südkoreanische Staat praktisch in die Zahlungsunfähigkeit. Der Internationale Währungsfonds (IWF) bot Kredite an, verlangte aber eine radikale Deregulierung diverser Lebensbereiche, von der Unternehmensführung bis zur Arbeitswelt.

Park Gil-Sung, Soziologieprofessor an der Korea University, hat die Rettung und Umstrukturierung durch den IWF als „soziales Trauma“ bezeichnet, da traditionelle Ideale wie Kollektivismus und Solidarität durch Individualismus und Wettbewerb verdrängt wurden.

„In dieser Zeit war der Binnenmarkt ökonomisch schwach“, sagt der Beamte Shin Yongshik und blickt wieder zum alten Präsidentenpalast. „Also mussten wir uns dringend Richtung Weltmarkt orientieren.“ Gerade der Kultursektor bot viel Wachstumspotenzial. Denn über Softpower, also eine Art Markenidentität des Landes mit weltweitem Wiedererkennungswert und daraus hergeleitetem weltpolitischem Gewicht, verfügte Südkorea damals kaum. In der Krise aber läutete das bis dahin eher protektionistisch ausgerichtete Land eine Zeit der kulturellen Deregulierung ein.

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Implizite Begrenzungen für ausländische Filme und andere Popprodukte im Land wurden gesenkt. Damit war zwar einerseits die südkoreanische Gesellschaft vermehrt Filmen und Liedern aus ungeliebten Nachbarländern wie Japan ausgesetzt. Andererseits inspirierten diese Einflüsse heimische Künstler. Heute bezweifelt man auch im Kulturministerium nicht, dass diese Einflüsse eine Initialzündung für baldige Erfolge koreanischer Künstlerinnen und Künstler im Ausland waren.

Ein neues Männerbild in Korea

In Japan wurde ab 2002 die koreanische Fernsehserie „Winter Sonata“ ein Hit, in Taiwan die Popgruppe Clon. Während der Jahrzehnte zuvor waren verschiedene südkoreanische Betriebe und Arbeitskräfte im Textil-, Schwerindustrie- oder Elektroniksektor schnell darin gewesen, globale Trends zu erkennen und sich diesen anzupassen. Entsprechend taten es bald die Kreativen, sodass der Begriff Hallyu (koreanische Welle) bald auch in Thailand, China und anderen asiatischen Ländern zu einem Synonym für cool und neu wurde. Ein Jahrzehnt später wurde der Westen auf die Welle aufmerksam.

Die Ausmaße des Erfolgs sind mittlerweile fast beispiellos. Die siebenköpfige Boygroup BTS, die mit ihren femininen Zügen ein neues Männerbild prägt, hat über die vergangenen Jahre in allen möglichen Städten der Welt auf Plakaten für alle möglichen Produkte geworben. Die Sänger haben vor den Vereinten Nationen in New York gesprochen, um der Jugend inmitten der Pandemie Mut zu machen. Und als die Gruppe im Juni eine Pause ankündigte, rasten Aktienkurse von Unternehmen, die mit BTS Geld verdienen, in den Keller.

Wir wollen die Mittel bereitstellen, damit unsere kreativen Köpfe gut arbeiten können.

Shin Yongshik, leitender Beamter im Kulturministerium

Ist der Korea-Boom womöglich nur eine Mode, die bald wieder verfliegt? Einiges spricht dagegen. Als sich nach koreanischem Hightech auch die Popmusik weltweit einen Namen gemacht hatte, wurde die koreanische Küche international populär. Während man etwa im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg vor fünf Jahren noch nach einem koreanischen Restaurant suchen musste, findet man heute im Radius von 500 Metern ein halbes Dutzend. Von Kimbap über Bibimbap bis Kimchipfannkuchen und Bulgogi scheint sich das Essen durchgesetzt zu haben.

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Und es gibt noch einen Anhaltspunkt für eine bleibende Attraktivität des Koreanischen. An einem Abend im zentralen Seouler Stadtviertel Myeongdong trinkt Yookyung Nho-von Blumröder den süßen Reisschnaps Makgeolli und erzählt davon, was sich über die Jahre alles verändert hat. Vor einem Vierteljahrhundert zog die Koreanerin als 27-Jährige nach Köln, um eine Doktorarbeit in Musikwissenschaften zu schreiben. „Mir fiel damals auf, dass asiatische Frauen bei Männern beliebt waren, umgekehrt asiatische Männer bei Frauen aber kaum.“

Asiatische Männer kommen an

Bis heute ist von westlichen Frauen oft zu hören, dass sie sich von asiatisch aussehenden Männern nicht angezogen fühlen. „Aber das verändert sich gerade“, sagt Nho-von Blumröder, die an der Universität Köln Koreanischkurse gibt: „Junge Frauen sind heute ganz oft stolz, wenn sie einen Freund haben, der Koreaner ist. Asiatische Männer sind jetzt richtig begehrt!“ Yookyung Nho-von Blumröder ist sicher, dass dies mit der Popularität koreanischer Popstars zu tun hat. Deutlicher als im Sexappeal kann sich eine Zunahme an Softpower wohl nicht zeigen.

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