„Regenschirme werden immer ein praktisches Accessoire sein“

Schirm mit Charme: Warum britische Regenschirme ganz besonders sind

Britische Regenschirme gelten als die besten der Welt (Symbolbild).

Britische Regenschirme gelten als die besten der Welt (Symbolbild).

England und der Regenschirm – das scheint eine schier untrennbare Freundschaft zu sein. John Steed alias Patrick Macnee ging in der Sechzigerjahreserie „Mit Schirm, Charme und Melone“ nur selten ohne. In den „Kingsman“-Filmen gehörte er zur Standardausstattung der Agenten. Und natürlich startete auch Jules Vernes Phileas Fogg im Londoner Reform Club nicht ohne einen Schirm zu seiner Reise „In 80 Tagen um die Welt“.

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Alles nur Klischee? Selbst wenn der Melonenhut längst ins Museum gewandert ist, der Nadelstreifenanzug eigentlich nur noch im Finanzviertel City of London getragen wird – der Regenschirm kommt einfach nicht aus der Mode. Und er stammt tatsächlich nur allzu oft ausgerechnet aus jenem Land, das (fälschlicherweise) stets mit Regen in Verbindung gebracht wird: eben Großbritannien.

In London regnet es gar nicht häufiger

Bis heute gelten Schirme made in England als die besten der Welt. Einige wenige traditionsreiche Hersteller produzieren sie noch immer vor Ort auf der Insel – und versenden sie in immer mehr Länder. Äußerlich haben die Schirme sich bei vielen Produzenten seit Jahrzehnten kaum verändert: Gedeckte Farben, hölzerner Griff, und das alles meist in Handarbeit hergestellt, so ist es bis heute üblich. Doch es gibt Ausnahmen.

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Paul Garrett ist sich des Klischees bewusst: „Wenn viele Menschen an England und einen echten britischen Gentleman denken, kommt ihnen das Bild eines sehr gut gekleideten Mannes in den Sinn, der oft einen Regenschirm trägt“, sagt der Geschäftsführer von Fox Umbrellas, einem der traditionsreichsten Regenschirmhersteller in London. Und in der Tat sei dieses Utensil in seinem Land bis heute ein unverzichtbarer Begleiter: „Selbst mit den heutigen modernen Vorhersagen können Regenschauer Sie manchmal erwischen.“ Statistisch gesehen regnet es dabei in London gar nicht mehr als in vielen anderen nord- und mitteleuropäischen Städten. Aber vielleicht etwas unerwarteter.

Beim Londoner Hersteller James Smith and Sons ist alles Handarbeit. Mancher Schirm hat einen kunstvoll geschnitzten Griff.

Beim Londoner Hersteller James Smith and Sons ist alles Handarbeit. Mancher Schirm hat einen kunstvoll geschnitzten Griff.

Männer mögen es gedeckt, Frauen sind experimentierfreudiger

So zeitlos Regenschirme auch wirken mögen – es gibt saisonale Unterschiede. „Jedes Jahr wirken sich Modestil und Trends auf die verkauften Farben aus, insbesondere auf dem Damenmarkt“, sagt Fox-Geschäftsführer Garrett. Herren entschieden sich bei der Farbauswahl meist eher für gedeckte traditionellere Farben: Schwarz, Marineblau, Dunkelgrün, Grau, Bordeaux und Braun. Damen hingegen seien in dieser Hinsicht oft deutlich experimentierfreudiger.

Fox Umbrellas ist nicht nur dafür bekannt, Schirme für zahlreiche Filme und Fernsehserien gefertigt zu haben – unter anderem jenen von John Steed. Die Firma beliefert auch die königliche Familie in England, außerdem andere Royals in aller Welt.

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Tradition hat ihren Preis

Kaum weniger traditionsreich ist der Hersteller James Smith and Sons. In dessen viktorianisch anmutendem Geschäft in der Londoner Oxford Street wähnen sich Kundinnen und Kunden bisweilen eher in einem Museum als in einem Laden. Die Firma existiert seit rund 200 Jahren. Bekannt ist James Smith and Sons heute nicht nur für seine traditionellen Schirme. Viele Kunden und Kundinnen kommen wegen jener aufwendigen Modelle, die tatsächlich eher einem Museum zu entstammen scheinen – einige verfügen über kunstvoll geschnitzte Griffe, etwa in Form eines Enten- oder Jaguarkopfes, die mancher durchaus als kitschig empfinden könnte.

Kreative Ansätze modernerer Art verfolgt London Uncover: Dieser 2008 gegründete Hersteller produziert seine Schirme ebenfalls in Handarbeit – doch setzt er dabei neben den klassischen Farben und Formen auf ungewöhnliche Muster und poppige Töne. Kooperationen gab es in der Vergangenheit mit Modemarken wie Carhartt, Fred Perry und Vans – solchen Labels, die sonst eher für angesagte Turnschuhe und Bekleidung bekannt sind als für Regenschirme.

Die ganze Tradition made in England hat ihren Preis: Mit den Discountangeboten aus hiesigen Drogeriemärkten (die zumeist aus Fernost stammen) können handgefertigte Regenschirmmodelle aus London und Umgebung kaum mithalten. Sie sind nicht selten für Preise ab 100 Euro oder mehr zu haben – können aber auch schon mal in die Tausenden gehen. Dafür wird ihnen eine deutlich längere Lebensdauer nachgesagt als ihren Billigkollegen aus dem Supermarkt. In England hat Qualität noch immer ihren Preis.

Ein Regenschirm als Erbstück

Aber gab und gibt es wirklich so wenige Varianten auf dem Markt der Regenschirme, dass Modelle aus alten Filmen und Serien bis heute zeitgemäß wirken? „Der Regenschirm war so ziemlich immer ein Regenschirm“, sagt Paul Garrett, „aber im Laufe der Jahre haben sich Materialien und Herstellungsverfahren geändert.“ Während etwa früher Stoffplanen für den Bezug genutzt wurde, ist es inzwischen meist Nylon.

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„Regenschirme werden immer ein praktisches Accessoire sein, ob hier in London oder auf der ganzen Welt“, ist sich Olivia Collinge Gawn sicher, Director of Partnerships & Sales beim Luxusartikelhersteller Swaine, der unter anderem die berühmten Brigg-Regenschirme produziert. Ein Brigg-Regenschirm gehe über die einfache Zweckmäßigkeit hinaus. „Er ist zu einer Form des persönlichen Ausdrucks geworden, zu einem Erbstück und einem Geschichtenerzähler in der Hand.“ Dazu komme der Aspekt der Nachhaltigkeit: Ein edler Regenschirm aus England sei vielleicht teurer –aber er halte auch ein Leben lang.

Auch wenn wir den Regenschirm heute eng mit den Briten in Verbindung bringen – erfunden wurde er sehr wahrscheinlich ganz woanders. Einer asiatischen Legende nach liegt der Ursprung etwa 2000 Jahre vor Christus. In China wurde der Regenschirm schon sehr früh und mehr als in jedem anderen Land zu einem unverwechselbaren Zeichen des sozialen Rangs. Auch Kaiser in Japan, indische Prinzen, Assyrer und Perser verwendeten ihn aus diesem Grund. Über die Türkei, Griechenland und Italien soll der Regenschirm schließlich nach Europa gelangt sein. Die Normannen brachten ihn offenbar im Jahr 1066 mit nach England. Im Mittelalter war er in vielen Ländern Europas verbreitet.

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