Nach tödlicher Schießerei

Am Steintor in Hannover geht die Party weiter

Die Steintorstraße ist verwaist. Kein Mensch ist in der Nacht zum Sonnabend an dem Ort zu sehen, an dem in der Nacht zuvor ein Mensch erschossen worden ist. Die kleinen Geschäfte schlafen den Schlaf der Gerechten. Auf die Teestube, in der es geschah, weist nur eine Klingel hin. Nebenan wirbt ein Internet-Café um Besucher, bleibt aber so gut wie leer in dieser kalten Nacht.

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Das Nachtleben am Steintor tobt woanders. Zum Beispiel in der Scholvinstraße. Die „Sansibar“ ist rappelvoll. „Es wird alles noch viel schlimmer“, tönt es aus den Boxen. Hier in der Disko aber scheint das niemand zu fürchten. „Hier schießt keiner“, sagt Jens mit verwegenem Lächeln. „Wir verlassen uns voll auf Herrn Hanebuth.“ Der 34-Jährige aus Helstorf spricht von dem legendären Kiezkönig und Hells-Angels-Präsidenten Frank Hanebuth, der unter anderem bei der „Sansibar“ Mitgesellschafter ist und mit seinen Türstehern auf seine Weise für Ruhe im Kiez sorgt. Die breitschultrigen, muskelbepackten Herren mit den schwarzen Bodyguard-Uniformen und eindrucksvollen Tätowierungen beobachten die Besucher von der Zeitung in dieser Nacht besonders argwöhnisch und einsilbig. Ob sich die Schießerei irgendwie auf den Besuch auswirkt? Antwort: „Alles okay, Junge.“ Nur auf hartnäckiges Nachfragen erläutert ein Kollege: „Hier ist nix passiert. Geht doch rüber – in die Steintorstraße.“

Auch Jens weist darauf hin, dass das Blut andernorts fließt. „Die Drei-Sterne-Kopfschuss-Bar ist da drüben“, sagt der junge Helstorfer scherzend, und deutet zur Columbus-Bar auf der anderen Straßenseite, wo im Juni vergangenen Jahres ein Gast während der Fußball-Weltmeisterschaft zwei Männer erschossen hatte. „Da könnte es schon mal krachen, aber hier ist alles safe, keine Bedenken.“ Zum Beweis lässt Jens sich mit seiner Begleiterin Gesa auf der Mitte der Puff- und Partymeile lachend fotografieren.

Auch in der „Columbus“-Bar geht es friedlich zu. „Wenn ich hier bin, ist es immer ruhig“, sagt der Barmann, der seinen Namen nicht nennen möchte. „Rabauken gibt es natürlich überall.“ Die holzgetäfelte Kneipe ist gut besucht. Kaum vorstellbar, dass hier im Sommer die tödlichen Schüsse fielen. Ob die jüngste Schießerei alles wieder aufwühlt? Der Barmann schüttelt den Kopf. „Die Ausländer sind ja unter sich, das merken wir hier gar nicht.“ Anders ist das mit dem Prozess gegen den Todesschützen aus der „Columbus“-Bar, der gerade läuft. Doch die Stammgäste kümmert auch das wenig, sie ziehen es vor, bei Schnaps und Bier über Hannover 96 zu diskutieren.

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Auch die meisten anderen Steintor-Besucher geben sich in ihrer Amüsierlaune zwischen zwei und drei Uhr nachts unbeeindruckt von den Gewalttaten der Vergangenheit. „War hier ’ne Schießerei?“, fragt ein schon älterer Besucher. „Hab’ ich nicht mitgekriegt.“ Eine Gruppe Jugendlicher mit spürbar erhöhtem Alkoholpegel sieht in der zurückliegenden Schießerei sogar einen zusätzlichen Kick. „Ist doch geil, geht doch wenigstens was ab hier“, sagt einer des Trupps. „Wie in Chicago, echt. Da mischen wir natürlich auch mit.“ Und dann singen sie „Hey, Baby“ und wollen sich scheckig lachen.

Die Party geht weiter zwischen „Havana-Beach“ und „Bayern-Stadl“, zwischen „Sex Inn“ und „Intensivstation“, „Thai Eros“ und „Crazy Love“. Die „Drehscheibe“ wirbt wie gewohnt in stereotypen Lautsprecherdurchsagen für Striptease mit „netten, internationalen Damen“, und das „Havana“ tönt mit Karibik-Rhythmen gegen die Kälte an und hält Badelaken für die dünn bekleideten Damen bereit. „Wer hier herkommt, muss wissen, worauf er sich einlässt“, meint der 23 Jahre alte Steffen aus Peine. Und die 35-jährige Ina aus Linden findet, dass es in den vergangenen Jahren viel ruhiger geworden sei im Steintor-Viertel: „Man weiß natürlich, dass hier die Hells Angels für Ordnung sorgen. Aber als Frau muss man keine Angst haben.“

Das sehen nicht alle so. „Besorg’ Dir ne schusssichere Weste“, raunt ein Besucher dem Fotografen zu, und weist auf die vielen Türsteher und Sicherheitsleute hin, die es angeblich gar nicht gern sehen, wenn man in ihrem Revier ungefragt fotografiert.

Und dann, es geht auf drei Uhr zu, stürmen plötzlich zwei tätowierte Herren aus einer der Bars auf den Reporter zu und stoßen rüde Beschimpfungen aus. „Verpiss dich, du Kakerlake“, gehört noch zu den nettesten Beleidigungen. Es hat den Anschein, dass die Verbalattacken jederzeit in handfeste Schläge übergehen könnten. Zum Glück nähern sich gerade zwei Polizisten, die die beiden Männer – offenkundig Sicherheitsleute – zur Räson bringen.

Die Polizei hält sich im Übrigen weitgehend im Hintergrund. Bis 1.30 Uhr sind kaum Uniformierte im Rotlichtbezirk zu sehen, danach patrouilliert ein Polizei-Kleinbus in kurzen Abständen auf der Scholvinstraße. Unversehens kommen die Beamten gegen halb drei zu einem Einsatz, als vor der „Intensivstation“ zwei Männer aufeinander losgehen. Doch die Rangelei ist schnell geschlichtet. Die Nachtschicht der Einsatzgruppe (von 21 Uhr bis 6 Uhr früh) verläuft ohne größere Zwischenfälle. Dies gilt nach Auskunft der Polizeiinspektion Mitte auch für die Fußstreifen, die in dieser Nacht unbemerkt in Zivil unterwegs sind.

Was sich hinter den geschlossenen, mit Frauennamen beschrifteten Türen der Bordelle abspielt – bei Melisa oder Alexandra im „Sex Inn“ zum Beispiel – bleibt den Augen der Ordnungshüter natürlich verborgen. Maren muss auf jeden Fall mit einer Erkältung rechnen. Die junge Dame in dem ärmellosen Top hockt bei minus drei Grad mit gesenktem Kopf auf den Stufen vor dem „Havana“ und presst die Hände vors Gesicht. „Der geht es nicht so gut“, sagt eine Freundin. „Wir warten auf ein Taxi.“

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300 Personen kontrolliert

In der Nacht zu Sonnabend und Sonntag war die Polizei über mehrere Stunden im Steintorviertel im Einsatz, darunter auch zivile Kräfte. Sie überprüften rund 300 Personen, viele davon waren den Beamten zuvor durch aggressives Verhalten aufgefallen. Mit „Dauerpräsenz“ will die Polizeidirektion Hannover dafür sorgen, dass im Steintorviertel Ruhe einkehrt. Der hohe Alkoholkonsum und vor allem die damit einhergehende Gewaltbereitschaft sind den Beamten ein Dorn im Auge.

Im Oktober hatte Polizeipräsident Uwe Binias angekündigt, die Polizei werde in Zukunft rund um die Partymeile mehr Präsenz zeigen und konsequent gegen aggressive Störer vorgehen. Außerdem kritisierte Binias, private Sicherheitsdienste, die dem Rockerklub Hells Angels nahestehen, würden sich am Steintor zunehmend als Ordnungsmacht aufspielen. Nun will die Polizei ein Zeichen setzen und klarstellen, dass auch am Steintor einzig und allein die Beamten für Sicherheit und Ordnung zuständig sind. In den vergangenen Wochen gab es bereits mehrere Großkontrollen, dabei stießen die Beamten auch auf Drogen und Waffen. An normalen Wochenenden – wie dem vergangenen – sind am Steintor durchgängig etwa zehn Beamte im sogenannten Präventionseinsatz.

Heinrich Thies und Vivien-Marie Drews

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