Nach zwei Prozessen

Anwalt aus Hannover kämpft um seinen guten Ruf

Die Szene ging durch alle Nachrichtensendungen. Jörg Kachelmann, der Wetterkommentator, der seine Freundin vergewaltigt haben soll, wird aus der Haft entlassen. Bevor der Prominente ins Auto steigt, umarmt er einen Mann im blassblauen Diensthemd. Der Geherzte wirkt überrascht und irritiert. Später wird Kachelmann erzählen, dass der Geherzte sein Stockwerksbeamter war. Der „Wetterfrosch“ hat mit ihm im Gefängnis jeden Tag zusammengearbeitet.

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Bei Anselm Schanz weckte diese Szene Erinnerungen, die er gern vergessen würde. Der hannoversche Anwalt hat Ähnliches erlebt: Wie Kachelmann war er erfolgreich in seinem Beruf und wurde aus heiterem Himmel verhaftet. Schanz ist keine Fernsehgröße, aber sehr wohl ein prominenter Jurist in Hannover. Einen fusseligen Bart und ein lappiges T-Shirt wie Kachelmann würde sich der Strafverteidiger allerdings nie erlauben, er ist stets zurückhaltend elegant gekleidet. Schanz steht inzwischen wieder vor Gericht – als Anwalt, nicht mehr als Angeklagter. Die Zeit im Gefängnis aber hat Spuren hinterlassen.

Beide Männer fühlten sich nach ihrer Verhaftung am Pranger. Kachelmann war in allen Nachrichtensendungen zu sehen, Schanz’ Festnahme fotografierte der Mitarbeiter einer großen Boulevardzeitung. Für den Anwalt war das Foto ein Schock und vielleicht das tiefgreifendste Erlebnis in seinem Albtraum von Gefängnis und Strafprozess: „Man hat in der Zelle keine Angst um sich selbst, man sorgt sich um die da draußen. Die Eltern, die Freunde, die Verwandten. Man malt sich aus, was die jetzt auszustehen haben nach so einem Bild in der Zeitung. Was muss das für ein endloser Spießrutenlauf sein.“ Sein Gesicht auf dem Foto war zwar verfremdet und der Nachname abgekürzt, aber das juristische Hannover wusste natürlich am nächsten Tag, wer der „Promi-Anwalt Anselm S.“ war.

Mit dem Bild von der Verhaftung war die Saat der Rache aufgegangen, die ein früherer Freund des Anwaltes gesät hatte. Der Kleinkriminelle trat im Prozess zunächst als Kronzeuge der Staatsanwaltschaft auf, gestand dann aber schließlich eine Reihe von Lügen und sagte aus, den Verhaftungstermin für 800 Euro an die Zeitung verkauft zu haben, weil er sich an dem Anwalt hatte rächen wollen.

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Kachelmann steht der Prozess noch bevor, Schanz hat seinen Kampf vor Gericht bereits hinter sich. Die Vorwürfe von Rauschgifthandel und Sexualverbrechen sind vom Tisch. Sein Urteil, um das jahrelang gerungen wurde, ist inzwischen rechtskräftig. Es ist viel darüber geschrieben worden, ob der „Wetterfrosch“ jemals wieder in ein normales Berufsleben zurückfinden kann, sollte er freigesprochen werden. Der Anwalt ist diesen mühevollen Weg schon ein Stück weit gegangen. Nach 350 Tagen im Gefängnis und einem Jahr, in dem er nicht als Strafrechtler arbeiten durfte, was einem Berufsverbot gleichkam, ist die Reihe der Fallakten in seinem neuen Büro schon wieder auf eine beachtliche Länge gewachsen. Die Kanzlei allerdings, die er aufgebaut hatte, gehört ihm nicht mehr. Dennoch sind einige der alten Mandanten wiedergekommen.

Schanz ist ziemlich ruhig in seine erste Verhandlung vor dem hannoverschen Amtsgericht gegangen. Seinem Mandanten wurde eine Bedrohung vorgeworfen. „Der Richter, dem ich schon früher in vielen Prozessen gegenüberstand, hat mich behandelt, als sei ich von einer zweijährigen Weltumsegelung zurück – ruhig, sachlich, souverän. Ich war ihm sehr dankbar dafür.“ Der Richter sprach Schanz’ Mandanten frei. Vielleicht ein gutes Omen.

Zwiespältig war dagegen die Reaktion der Anwaltskollegen. Der Konkurrenzkampf ist hart, nicht nur in Hannover. Schanz erzählt, dass ein Kollege gegen ihn bei einem potenziellen Mandanten vom Leder gezogen hat: „Wissen Sie denn nicht, dass der mal gesessen hat?“ Beeindruckt hat ihn die Offenheit eines anderen Strafverteidigers. Der nahm ihn beiseite und entschuldigte sich: „Als du verhaftet wurdest, kam bei mir so eine Art Schadenfreude auf. Für dieses Gefühl habe ich mich hinterher sehr geschämt.“

Kachelmann hat in langen Interviews berichtet, wie sehr der Gefängnisalltag ihn verändert hat. Manchmal rutschte ihm sogar der Begriff Kameradschaft heraus, aber schnell bemühte er sich, das Wort wieder einzufangen. Er saß Tür an Tür mit Kriminellen. Können das Kameraden sein? Auch Schanz gebraucht im Gespräch einmal dieses Wort, legt dann aber nach: „Ich meine das nicht im Sinne von Kumpelhaftigkeit und Verbrüderung, sondern als Offenheit. Man kommt nicht weiter, wenn man glaubt, den Menschen dort etwas vormachen zu können.“

Für jeden Strafrechtler ist das Leben hinter Mauern und Stacheldraht Teil seines Berufes. Anwälte kennen das „Knastleben“ aus diversen Erzählungen. Viele ihrer Mandanten treffen sie zum ersten Mal in den Besprechungsräumen der Gefängnisse. Schanz hat dort aber nicht als Besucher, sondern fast ein Jahr als Häftling gesessen. So eine Erfahrung schüttelt man nicht aus den Kleidern: „Ich beschäftige mich viel intensiver als zuvor mit den betroffenen Familien und rede mit ihnen darüber, was im Gefängnis passiert.“ Wenn ihn jetzt eine Mutter fragt, wie sie an eine Besuchserlaubnis für ihren Sohn komme, dann begnügt er sich nicht mehr damit, ihr nur die Telefonnummer des zuständigen Richters zu geben. Heute nimmt er sich mehr Zeit für ein Gespräch. „Viele dieser menschlichen Dinge im Umfeld des eigentlichen juristischen Geschehens waren mir auch früher schon wichtig, aber ich habe die Bedeutung ganz anders bewertet.“

Den eigenen Prozess hat Schanz nach dem rechtskräftigen Urteil zu den Akten gelegt. Die Sache ist schließlich vorbei. So gut eine Sache im Zeitalter des Internets eben vorbei sein kann. Es gibt immer noch Blogs, in denen sein Name auftaucht. Damit muss er leben. Auch das Internet, das nichts vergessen kann, ist Teil jenes Prangers, an den prominente Angeklagte in dieser Zeit gebunden werden.
Und die Staatsanwaltschaft hat die Akten auch noch nicht geschlossen. Beim angeblichen Opfer des Anwaltes nahm sie vor wenigen Wochen eine Hausdurchsuchung vor. Der Mann hatte Schanz zum Schluss des Prozesses entlastet. Die Staatsanwältin, die schon mit einem lügenden Kronzeugen Schiffbruch erlitten hatte, wollte das nicht glauben und ermittelte wegen uneidlicher Falschaussage.

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  • Der Anwalt Anselm Schanz wird am 3. Januar 2008 vor seiner Haustür verhaftet. Er bleibt 350 Tage im Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft wirft dem heute 48-Jährigen unter anderem Handel mit 15 Kilo Heroin, Strafvereitelung und sexuellen Missbrauch vor. Sechs Monate nach der Verhaftung beginnt der Prozess, der nach 31 Verhandlungstagen abgebrochen werden muss, weil eine Richterin krank wird und ein anderer Richter in den Ruhestand geht. Zwei Monate später beginnt der Prozess von Neuem. Der Hauptbelastungszeuge ist ein Kleinkrimineller, ein Spitzel des Landeskriminalamtes. Am Schluss des Prozesses bricht dieser Kronzeuge zusammen. In einem 35-seitigen Papier hatte Verteidiger Andreas Hüttl alle Lügen und Ungereimtheiten des Zeugen zusammengetragen. Anselm Schanz wird schließlich verurteilt, weil er einen Jugendlichen für sexuelle Kontakte bezahlt hatte. Von dem dramatischen Vorwurf des Heroinhandels, einer der wesentlichen Gründe für die Verhaftung, blieb am Ende nur noch eine versuchte Strafvereitelung. Schanz wurde zu neun Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Er verzichtete auf eine Haftentschädigung, um endlich wieder arbeiten zu können. Der Prozess hatte rund zwei Jahre gedauert, ein noch längeres Verfahren hätte den Angeklagten finanziell ruiniert. Verteidiger Eckart Klawitter nannte den Prozess einen Albtraum und vermisste Selbstkritik im Schlussvortrag der Staatsanwältin.

Hans-Peter Wiechers

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