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Harzt IV-Debatte

Armut ist vererbbar

Um ihre Rente aufzubessern, müssen viele Ältere auch Pfandflaschen sammeln. 

Um ihre Rente aufzubessern, müssen viele Ältere auch Pfandflaschen sammeln.

Hannover.Knapp 71.000 Menschen in Hannover beziehen Hartz IV, das sind 12,9 Prozent der Bevölkerung. Das lässt sich dem Armutsbericht entnehmen, denn die Stadt im vergangenen Oktober veröffentlicht hat. Besonders dramatisch sind die Zahlen zur Kinderarmut. Ende 2016 lebten in Hannover 23.664 Minderjährige in einer Familie, die staatliche Hilfe bekommt.

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Viele Hartz IV-Bezieher sind seit mehreren Generationen arm 

Viele Familien beziehen nicht in erster Generation Hartz IV, manche sogar schon in vierter. Also einmal arm, immer arm? „Leider“, meint Klaus Müller-Wrasmann, Vorsitzender des sozialpolitischen Ausschusses des Sozialverbands Deutschlands (Sovd). „Bedürftigkeit ist vererbbar.“ Er verweist auf eine Studie, wonach es Familien in Deutschland gibt, die seit mehr als 250 Jahren aus der Armutsfalle nicht herausgekommen sind. Die Armutgefährdung ist nach Angaben der Stadt auf zuletzt 21 Prozent gestiegen.

Nach Angaben Müller-Wrasmanns sind im Roderbruch bis zur Hälfte der Schüler von Armut bedroht. Es sei bekannt, dass in Linden preiswerter Wohraum durch Sanierung verdrängt werde. Ältere Menschen aus dem Umland, vor allem aus Isernhagen und den angrenzenden Orten, würden ins Stadtgebiet ziehen, weil es in ihrem Viertel nur eine unzureichende Infrastruktur mit Ärzten und Geschäften gibt.

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Eltern aus Brennpunktschulen sind in Sorge

Immer wieder hatten sich in den vergangenen Monaten Eltern aus Brennpunktschulen etwa am Mühlenberg oder am Sahlkamp mit Brandbriefen an die Öffentlichkeit gewandt, weil in vielen Klassen zusehends Kinder aus armen Familien, aber auch ohne Deutschkenntnisse säßen. Die Verrohung nehme zu, Lehrer klagten auch über immer mehr gewaltbereite Eltern. Die Stadt Hannover soll jetzt ein Konzept erarbeiten, wie man Schulen in sozialen Brennpunkten besser helfen kann. Mehr Sozialarbeiter, Sprachförderstunden, aber auch Unterstützung durch Förderschulllehrer und andere Therapeuten gelten als wirksame Maßnahmen. Kleinere Klassen und einen zweiten Lehrer in jeder Klasse wären Sache des Landes.

Ende der Armut ist nicht in Sicht

Sovd-Mann Müller-Wrasmann lobt die Stadt und sagt, in Zeiten der Wirtschaftskrise sei es der Verwaltung gelungen, die soziale Durchmischung der Stadtteile durch viele Projekte und Hilfsprogramme so gut wie möglich aufzufangen und „das totale Abdriften der Bezirke“ zu verhindern. Aber ist der Höhepunkt der Armutswelle sei noch längst nicht erreicht. Er sieht zwei Gefahren: Das seien zum einen diejenigen, die in den 1980er Jahren in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gewesen seien –immerhin bundesweit damals eine Million Menschen – und jetzt über Arbeitslosen- und Sozialhilfe jetzt das Rentenalter erreichten. Die würden im Alter definitiv weiter auf staatliche Unterstützung angewiesen sein. Und dann gebe es die heute 30- bis 40-Jährigen, die erst spät den Einstieg ins Erwerbsleben und in sozialversicherungspflichtige Jobs gefunden hätten, auch die könnten später ohne Geld vom Staat nicht leben. „Ich sehe da eine Armutswelle auf uns zurollen, die größer ist, als wir uns heute vorstellen können“, betont Müller-Wrasmann.

Von Saskia Döhner

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