Kommentar

Auch „Heuschrecken“ sind willkommen

Um das Wort des früheren SPD-Chefs Franz Müntefering noch einmal zu gebrauchen: Jetzt sind die „Heuschrecken“ endgültig in der Stadt eingefallen. Nach tausenden von hannoverschen Wohnungen haben US-Fonds nun auch noch fast das gesamte Ihme-Zentrum gekauft. Der Vorgang klingt dramatisch, ist aber zunächst einmal eine gute Botschaft. Der Immobilienstandort Hannover ist offenbar für weltweit aktive Finanzprofis so attraktiv, dass sie dreistellige Millionenbeträge investieren und sich saftige Renditen erhoffen. Es gibt wahrlich schlechtere Nachrichten für die Stadt.

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Nun muss man sich nichts vormachen. Die US-Fonds, in diesem Fall die Carlyle-Gruppe, sind nicht als Samariter gekommen, die den Lindenern zuliebe den städtebaulichen Schandfleck Ihme-Zentrum verschönern wollen. Für solche Geldhäuser zählt nur die Rendite. Sie wollen kurzfristig hohe Erlöse im deutlich zweistelligen Prozentbereich, und sobald diese nicht mehr zu erzielen sind, stoßen sie die Immobilien wieder ab. Das wird auf absehbare Zeit auch im Ihme-Zentrum so sein. Die Fonds müssen so handeln, um den Interessen ihrer privaten Geldanleger gerecht zu werden. Milliardenbeträge warten auf eine Verwendung, und der deutsche Immobilienmarkt ist derzeit eine exzellente Anlageform. Zur Wahrheit gehört aber auch: Diese recht anonyme Form der Finanzierung birgt langfristig erhebliche Probleme. Sobald der erste Fonds sich zurückzieht, weil ihm die Rendite nicht mehr reicht, beginnt das sogenannte „trading down“, das Herunterwirtschaften. Die Immobilien werden in immer kürzeren Zyklen von einem Eigentümer zum nächsten weitergegeben, die meist wenig investieren und nur die Mieten kassieren wollen. Am Ende können die betroffenen Häuser derart verwahrlosen, dass wieder Millionen aus Steuergeld hineingesteckt werden müssen, um sie für neue Investoren attraktiv zu machen. Genau das passiert ja aktuell am Ihme-Zentrum, das gerade mal 30 Jahre alt ist und nur mit millionenschwerem Entgegenkommen der Stadt wieder investorenfein wird. Es ist möglich, dass sich in 15 oder 20 oder vielleicht auch 30 Jahren das gleiche Spiel wiederholen könnte.

Immobilienwirtschaft muss aber nicht so funktionieren, und weil gerade Freitag Richtfest an einem völlig anders finanzierten Bauwerk gefeiert wurde, soll hier erwähnt sein, wie Häuser ursprünglich errichtet wurden – und glücklicherweise auch heute noch manchmal. Gestern war Richtfest für das Joachimszentrum, ein Büro- und Geschäftshaus in Bahnhofsnähe. Auch dieser Bau kostet etliche Millionen, doch steht kein anonymer Fonds dahinter, sondern ein Bürger Hannovers. Veit Pagel, Erbe einer angesehenen Unternehmerfamilie und engagierter Innenstadt-Hotelier, finanziert das Projekt privat mit seiner Schwägerin. Pagel hätte von seinem Geld einfach Fondsanteile zeichnen und sich hohe Renditen auszahlen lassen können – weit höher als das, was er jemals mit dem Joachimszentrum verdienen wird. Er investiert stattdessen in ein Neubauprojekt im Herzen der Stadt, er beschäftigt örtliche Architekten, bemüht sich um eine ansehnliche Fassadengestaltung, sucht sich die Mieter gemeinsam mit einem örtlichen Makler aus. Und er darf nicht darauf hoffen, dass der Staat ihn mit Steuergeld unterstützt, wenn sein Projekt irgendwann scheitert.

Pagel ist kein Einzelfall. Auch die Kaufmannsfamilie Sander hat mit ihrem Neubau neben dem Kröpcke-Center gezeigt, wie sich die Worthülse vom bürgerschaftlichen Engagement praktisch füllen lässt. Durch solche „Bürgerhäuser“ sind die europäischen Städte groß geworden. Die internationalen Fonds sind den Beweis noch schuldig, dass sie ihrer Verantwortung für Immobilien und Städte auch langfristig gerecht werden. Sie sind trotzdem willkommen in Hannover, weil diese Stadt sie zur Revitalisierung großer Projekte benötigt. Die privaten Bauherren aber, die Investoren und Bürger zugleich sind, sollten wir auf Händen tragen. Sie prägen das Gesicht dieser Stadt – nachhaltiger und dem Wohle Hannovers mehr verpflichtet, als internationale Fonds dies je könnten.

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