Prozess am Landgericht

Autodiebe lesen Schlüsselcodes von SUVs aus

Sergey G. (l.) - hier mit Verteidiger Viktor Schulz - strapazierte die Geduld des Gerichts.

Sergey G. (l.) - hier mit Verteidiger Viktor Schulz - strapazierte die Geduld des Gerichts.

Hannover. Sieben Straftaten werden Sergey G. vorgeworfen: Autodiebstahl, Hehlerei und Urkundenfälschung. Seit Montag muss sich der 35-Jährige Kasache vor dem Landgericht Hannover verantworten. Er und mindestens ein flüchtiger Mittäter sollen mehrere japanische SUV gestohlen und mithilfe gefälschter Papiere sowie Fahrzeug-Identifizierungsnummern weiterverkauft haben. Im Rahmen von Verständigungsgesprächen mit der 3. Großen Strafkammer legte G. ein Geständnis ab – doch dies war so unvollständig, dass der Deal um ein Haar geplatzt wäre. „Wir fühlen uns von Ihnen nicht ernstgenommen“, hielt eine sichtlich genervte Vorsitzende Richterin Renata Bürgel dem 35-Jährigen nach sechsstündiger Sitzung entgegen. Und sie ergänzte: „Wir fällen unsere Urteile nicht so, wie es der Angeklagte möchte.“

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Funksignale abgegriffen

Die Täter hatten zwischen August 2016 und Januar 2017 vordringlich Wagen vom Typ Toyota RAV4, aber auch einen Honda CR-V gestohlen. Leidtragende waren Autobesitzer in Wettbergen und der Südstadt sowie in Seelze und Langenhagen. Geknackt wurden die Autos, die mit schlüssellosen Funksystemen zu öffnen und zu starten waren, vollkommen gewaltlos. Die Diebe schlichen sich an die Wohnhäuser der Opfer heran, griffen mittels Auto- und Schlüsselscanner die permanent ausgestrahlten Funkwellen der Keyless-Go-Schlüssel ab – und konnten losfahren. Verkauft wurden die SUV mit gefälschten belgischen Papieren an Kunden in Hildesheim, Springe und den Niederlanden. Der Wert der fünf gestohlenen Wagen beträgt laut Anklage 111.500 Euro.

Der Autohändler Sergey G. wurde von verschiedenen Gerichten in Niedersachsen und Baden-Württemberg schon mehrfach wegen Diebstahlsdelikten und Hehlerei verurteilt. Einige Urteile sind rechtskräftig, gegen andere hat der 35-Jährige Berufung eingelegt. Vor diesem Hintergrund machte ihm die Strafkammer ein Angebot: Wenn G. die Berufungen zurückziehe und im aktuellen Prozess ein Geständnis ablege, werde das Landgericht zwei von sieben Anklagepunkten fallenlassen und eine Gesamtstrafe verhängen, die sich in einem – sehr moderaten – Rahmen zwischen viereinhalb und fünf Jahren Haft bewege. Der Prozess wäre ansonsten sehr langwierig geworden, man hätte sogar Zeugen aus dem Ausland bemühen müssen. G. und sein Stuttgarter Anwalt Viktor Schulz willigten ein, doch dann begann der Angeklagte einen unbegreiflichen Eiertanz.

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Große Barabhebungen

Bei der Befragung zu den einzelnen Autodiebstählen mochte G. nur eine Tat zugeben. Auch bestritt er gewusst zu haben, dass er gestohlene Wagen verkaufte. Verantwortlich für all das sei sein Kompagnon gewesen; er sei aber trotzdem bereit, eine fünfjährige Haftstrafe abzusitzen. Auch behauptete der Angeklagte, nur 500 Euro für den Verkauf eines Autos erhalten zu haben – dabei hatte er im November 2016 glatte 50.000 Euro bei einer Sparkasse eingezahlt und ständig große Barabhebungen getätigt.

Erst als das Gericht eindringlich mit einer Aufkündigung des Deals drohte, gab G. zu, an einem weiteren Diebstahl beteiligt gewesen zu sein und gewusst zu haben, mit gestohlenen Wagen zu handeln. Die Kammer will ihr Urteil nun schon am morgigen Dienstag fällen.

Von Michael Zgoll

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