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Verwaltungsgericht Hannover

Bizarres Verfahren um Kassler – Ökoland siegt vor Gericht gegen Region

Die Verpackung des eingeschweißten Kasslers führt die Verbraucher nicht in die Irre.

Die Verpackung des eingeschweißten Kasslers führt die Verbraucher nicht in die Irre.

Hannover.Ist Kassler-Aufschnitt, der ohne Nitritpökelsalz hergestellt wird, kein echtes Kassler mehr? Und wird der Verbraucher, der den Halbsatz „Ohne Nitritpökelsalz“ auf der Verpackung seiner eingeschweißten Wurst liest, damit in die Irre geführt – weil ein Kassler ohne Nitritpökelsalz gar kein echtes Kassler sein kann? Diese Frage war dem Verwaltungsgericht Hannover schon 2016 von der Vertriebsgesellschaft Ökoland Nord aus Wunstorf aufgetischt worden; am Dienstag saß man gemeinsam mit der Beklagten – der Region Hannover – in einem Sitzungssaal, um über die Feststellungsklage zu entscheiden.

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Am Ende kam ein Vergleich heraus, der Ökoland trefflich munden und der Region überhaupt nicht schmecken dürfte. Denn deutlich hatte die 15. Kammer unter Vorsitz von Ingo Behrens signalisiert, dass der Wursthersteller die Verbraucher mit der Werbung für sein Öko-Kassler keineswegs täuscht. Und so gab die Vertreterin der Region Hannover schlussendlich zu Protokoll, dass man nicht beabsichtige, „in Hinblick auf diese Verpackung oder vergleichbare Verpackungen eine Verbotsverfügung wegen Irreführung des Verbrauchers zu erlassen“. Das genau war das Ziel von Ökoland gewesen: Rechtssicherheit in einem schon Jahre währenden Streit zu gewinnen, der auch vergleichbare Produkte wie Kochschinken, Rosmarinkassler und Putenbrust betrifft.

Ausgleichende Färbung

Ohne Pökelei, das wurde in der Gerichtsverhandlung deutlich, kommt auch das auf Schweinefleisch-Basis produzierte Kassler von Ökoland nicht aus: Das Unternehmen lässt Rote-Bete-Saft in den Herstellungsprozess einfließen. Und weil dieser Nitrat enthält, das bei der Wurstproduktion in Nitrit umgewandelt wird, entsteht auch hier eine konservierende Wirkung. Allerdings ist dieses Kassler – weil weniger stark gepökelt – zunächst einmal schwächer gerötet als beim Gebrauch von Nitritpökelsalz, doch wird dieses Manko durch die färbenden Eigenschaften der Roten Bete wieder ausgeglichen. Und weil auf der Verpackung in der Zutatenliste der „Rote-Bete-Saft (färbend)“ vermerkt ist, vermochte das Gericht auch hier keine Verbrauchertäuschung zu erkennen.

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Dass ein traditionell hergestelltes Kassler rund vier Wochen haltbar ist und die Rote-Bete-Variante nur halb so lang, steht auf einem anderen Blatt. Aber da Ökoland auf diese verkürzte Haltbarkeit hinweist, wird der Wurstkäufer auch diesbezüglich nicht in die Irre geführt.

Kein Verstoß gegen Leitsätze

Die Region hatte sich auf die „Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse“ berufen, gegen die Ökoland angeblich verstoßen habe. Doch dem mochten die Richter nicht folgen. Ingo Behrens zitierte einen Absatz, in dem es heißt, dass für „umgerötete“ Fleischerzeugnisse Pökelstoffe wie Nitrite und Nitrate zu verwenden seien – doch ob man dazu Rote Bete oder Nitritpökelsalz nimmt, ist vollkommen egal.

Ganz aus der Luft gegriffen war die Sorge der Firma Ökoland nicht, von der Region mit einer Verbotsverfügung und Bußgeldbescheiden bedacht zu werden. Denn jahrelang hatte es zwischen einem Hildesheimer Bioland-Metzger und der Lebensmittelbehörde Streit gegeben, ob ein Rote-Bete-Extrakt – das als Lebensmittelzusatzstoff gilt – bei der Wurstherstellung verwendet werden darf. Das Verwaltungsgericht Hannover, das Oberverwaltungsgericht Lüneburg und das Bundesverwaltungsgericht hatten diesen Extrakt tatsächlich als nicht zulässiges Konservierungsmittel gebrandmarkt. Daraufhin war die Branche zum Rote-Bete-Saft umgeschwenkt – und der gilt als reines Lebensmittel, das man schließlich auch pur verzehren kann.

Von Michael Zgoll

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