Kugelspiel im Georgengarten

„Boule hat für mich mit Erotik zu tun“

Man muss auch loslassen können: Auf der Allee im Georgengarten geht’s für Boule-Enthusiasten wie Jürgen Piquard (l.) um Millimeterarbeit.

Man muss auch loslassen können: Auf der Allee im Georgengarten geht’s für Boule-Enthusiasten wie Jürgen Piquard (l.) um Millimeterarbeit.

Hannover. Was das Boule-Spiel ausmacht? Bei der Frage lächelt Jürgen Piquardt versonnen. „Für mich hat das viel mit Erotik zu tun“, sagt der frühere Chef des Restaurants „La Provence - Paradies“ und greift zwei Kugeln. „Allein, wenn ich die in meiner Hand kreisen lasse, ist das schon erotisch. Wenn ich erst einmal eine Kugel des Gegners wegschieße - dieses Klick, wenn sie trifft! - das ist dann Erotik pur.“ Seit vergangenem Dezember lebt Jürgen Piquardt mit seiner Frau Heike in Südfrankreich - der Hochburg der Kugelsportart, da, wo die Menschen auch bei Regen ihre Täschchen mit den beiden Stahlkugeln zum Boule-Platz tragen und nur spielen wollen. Hierzulande ist das Spiel gern auch Beiprogramm für Picknick und Grillen. Dann heißt es Boule und nicht Pétanque. Pétanque ist die sportliche Version des Boule, das ist wie bei Federball und Badminton.

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Ich habe mich mit Chansons von Jacques Brel und einem Croissant am Morgen auf die Trainingsstunde eingestimmt. Mein französisches Lebensgefühl verfliegt schnell angesichts des wolkenverhangenen Himmels über dem Georgengarten und der Aussicht, mich unter Profis des Kreisverbandes Boule-Pétanque beweisen zu müssen. Jürgen Piquardt möchte, dass wir die vereinbarte Trainingsstunde „im Spiel“ mit den anderen Mitgliedern abhalten. Wir spielen „Doublette“ - also zwei gegen zwei. Meine Mitspielerin heißt Renate Bäszmann, sie soll eine gute „Schießerin“ sein. Gut zu wissen.

Das Ziel des Spiels ist einfach: Es geht darum, näher an das sogenannte Schweinchen, also die kleine bunte Kugel zu kommen, als die Gegner. Entweder indem man die eigene Kugel nah heran-„legt“ (es heißt legen, nicht werfen!), die Kugel des Gegners wegschießt oder eine Kugel der eigenen Mannschaft mit einer anderen dichter an das Schweinchen „drückt“. Das Team, das zuerst 13 Punkte erreicht, gewinnt. „Man muss den Kopf frei haben, sonst funktioniert es nicht“, rät Piquardt.

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Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Meine Mitspielerin zeigt mit dem Finger auf die Stelle, dich ich anspielen soll. Der Schotterboden im Georgengarten ist uneben, deshalb ist diese rechts vom Schweinchen. Der mentale Druck ist hoch, alle Augenpaare sind auf mich gerichtet, man will offenbar wissen, ob ich Talent habe. Also in die Knie gehen, Arm ausstrecken und zielen, das gleiche noch einmal mit Schwung - und loslassen. Die Kugel kommt weit hinter der Zielkugel auf, und sie rollt noch weiter, gefühlt bis zum Schloss.

Das war zu viel Schwung - Anfängerfehler. „Gleich noch eine hinterher“, sagt meine Mitspielerin. Die nächste rollt viel zu kurz. „Das war zu zaghaft“, sagt Piquardt, „beim nächsten Mal geht es bestimmt besser.“ Diesen Durchlauf kann auch meine geübte Mitspielerin nicht mehr retten. Drei Kugeln des Männerteams liegen näher zum Schweinchen als die beste von uns - damit steht es 3:0 für die Männer. Für mich ist das Bild indes verwirrend. Ich kann nicht einmal meine eigenen Kugeln von den anderen unterscheiden. Die Erfahrenen erkennen ihre auf Anhieb, auch wenn deren Kennungen nur bei näherer Betrachtung zu sehen sind. Die Spieler sprechen von einer „persönlichen Beziehung“ zu ihrem Sportgerät. „Als ich sie das erste Mal angefasst hatte, wusste ich: Das sind meine Kugeln“, sagt Jörg Landmann. „Mit anderen Kugeln kann ich nicht spielen“, ergänt Hanns-Jörg Dahl. Ich denke: Vielleicht habe ich einfach die falschen Kugeln in der Hand. Von Fall zu Fall rollen meine Kugeln dann doch mal recht dicht ans Schweinchen - manchmal auch nur, weil sie der unebene Boden dorthin lenkt. Mein Jubelgeschrei stelle ich schnell ein. Denn wenn der Gegner sagt: „Die schieß ich weg!“, meint er das auch so. Am Ende steht es 13:8 (dem Schießen meiner Mitspielerin sei Dank) für die anderen. Von Erotik ist noch nichts zu spüren. Dafür Ehrgeiz. Beim nächsten Grillen hab ich Boule-Kugeln dabei.

Hier schieben Sie eine ruhige Kugel

Die Region Hannover gilt in Deutschland als Hochburg für Boule und Pétanque. Mehr als 1000 Spieler sind in 42 Vereinen und Sparten organisiert. Boule und Pétanque stehen auf der Liste des Internationalen Olympischen Komitees IOC als "Recognized Sport" und damit mögliche zukünftige olympische Disziplin. Wer den Kugelsport im Verein ausprobieren möchte, kann sich unter www.petanque-hannover.de informieren. Von Himmelfahrt, 9. Mai, bis Pfingstmontag, 20. Mai, wird auf der Herrenhäuser Allee (Höhe Universität) das 16. Boulefestival ausgetragen. Die Veranstalter – die Familie Piquardt und der Petanque-Kreisverband – laden täglich (Montag bis Freitag ab 17 Uhr, Wochenende und Feiertage ab 12 Uhr) zum Wein- und Biergarten und zur provenzalischen Jahrmarktsküche. Am Pfingstmontag gehört eine Bio-Pfingsttafel zum Programm. Für Einsteiger sind Leihkugeln vorhanden. Weiteres unter www.boulefestival.de 

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