Interview

Clueso: „Die Lehrer waren meine Feinde“

Du bist einer der erfolgreichsten deutschen Singer/Songwriter, deine Alben erreichen Platin-Status, und du spielst jetzt in großen Hallen. Du warst nicht immer so erfolgreich, oder?
Ich war ein auffälliger Schüler. Und das Talent, das Potenzial in dieser Auffälligkeit, das hat niemand gesehen. So bin ich nach einigen dummen Aktionen von der Gesamtschule geflogen und nach dem Hauptschulabschluss später auch aus dem Friseurladen. Ich hatte keine Lust mehr, alten Leuten dauernd in den Mantel zu helfen, und es roch zu sehr nach Dauerwelle.

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Du bist also ein Gescheiterter?
Auf dem Papier bin ich sicher ein Gescheiterter. Aber vom Leben her nicht. Vielleicht eher ein Gescheiterer als ein Gescheiterter.

Wie auffällig warst du denn?
Bei mir passiert viel aus Lust heraus. Dinge, auf die ich keine Lust hab', die verstehe ich nicht – und mache sie auch nicht. Selbst wenn ich weiß, dass sie für mich eigentlich wichtig sind, kann ich mich nicht mehr auf sie konzentrieren.

Wie hat die Schule darauf reagiert?
Das Schulsystem kam mit mir nicht klar, weil die Lehrer nicht das gefördert haben, was mich interessiert hat. So ging es mir auch nach der Schule und abgebrochener Lehre, als ich zum Arbeitsamt musste und die gesagt haben: "Jetzt ist mal genug hier mit Abhängigkeiten."

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Dort hat man versucht, einen Job für dich zu finden?
Ja schon, aber dann meinte der Typ auf dem Arbeitsamt: "Tut mir leid, Sie sind klinisch tot, da haben wir jetzt nichts auf dem Arbeitsmarkt." Ich hätte nie im Lager gearbeitet, hätte keinen Führerschein und wollte kein Friseur sein. Auch hier hat man wie in der Schule immer versucht, etwas aus mir zu machen – anstatt das zu nutzen, was da ist. Und das war immer die Musik.

Seit deiner Schulzeit hat sich einiges geändert. Verfolgst du die Diskussionen um Gesamtschulen, G 8 und Zentralabi?
Es interessiert mich, aber durch den Erfolg bin ich manchmal wie ein Astronaut: gekappt und mich in meinem Kosmos verlierend. Trotzdem glaube ich, dass das Schulsystem nicht nur hochgradig erkältet, sondern krank ist. Man versucht schmerztablettenmäßig schnell etwas zu finden, das Probleme löst. Aber so voll, wie die Klassen sind, da wird der Mensch nicht als Individuum erkannt. Auch auffällige Schüler, wie ich einer war, haben Talente.

Könntest du dir denn vorstellen, Lehrer zu sein?
Ja, wir waren ja auch fürs Goethe-Institut in diversen Ländern und haben dort Schulen besucht. Da konnte ich – allerdings mit Musikerbonus – in die Rolle des Lehrers schlüpfen. Vorher waren die Lehrer meine Feinde, jetzt weiß ich, dass das ein knochenharter Job ist und man am Ende des Tages oft im Eimer ist. Es gibt ja auch immer noch Lehrer, die Lehrer geworden sind, um etwas zu bewegen. Aber dann treffen sie auf Lehrer – und das sind die allerschlimmsten –, die sich sagen, ich will das weitermachen, weil ich das studiert habe, auch wenn ich nicht drauf klarkomme. Und das macht dann eben auch andere Lehrer kaputt.

Wie würde denn der Lehrer Herr Clueso mit Schülern umgehen?
Ich finde, man muss den Schülern auch mal nahetreten. Ich habe mal mit jemandem gerappt, der gesagt hat: "Ich ficke deine Haushälterin!" Dann hab' ich nur gesagt: "Ah, du fickst schon, erzähl mal." Und dann versucht man, ihn erzählen zu lassen, was ihn so bewegt, bei ihm abgeht. Aber würde ein Lehrer so antworten, würde er gleich eins auf die Mütze kriegen.

Du bist gerade 30 geworden. Was macht das mit dir?
Ich habe keine Angst vor dem Alter – nur davor, dass meine Eltern und Großeltern älter werden und dass das Leben eine endliche Geschichte ist. Ich merke, dass ich mir Energieressourcen anders einteilen muss, entweder weil viel mehr los ist oder ich schneller im Arsch bin.

Bist du reifer geworden?
Ich habe im Leben zwar schon so viele Erfahrungen gemacht, die ich eigentlich mal anwenden könnte, aber am Ende tappe ich immer wieder in die gleichen Fallen, mache dieselben Fehler wie früher. Vielleicht sollte ich mal versuchen, meine Synapsen im Gehirn anders zu verbinden.

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Kannst du vom Verkauf deiner Alben noch leben, oder ist das eher Werbung für deine Tour, mit der sich heute das meiste Geld verdienen lässt?
Ich halte nicht viel davon, wenn man ausschließlich mit Livemusik Geld verdient, weil der Livemarkt dann übersättigt wird und schließlich kollabiert. Heute schickt man jeden Vampir aus der Kiste auf Tour, da gibt es ein Überangebot. Wir haben jetzt 70 000 Tickets für die Tour verkauft, dabei ist das Album noch nicht draußen. Zum Konzertticket bekommen deine Fans das Album als Gratis-Download.

Ist das nicht riskant?
Ja, das ist eine kleine Revolution. Wir legalisieren so den Fan. Und ich kann dann auf der Bühne stehen und fragen, wer mein Album gekauft hat, und dann gehen alle Arme hoch.

Kauft dann überhaupt noch jemand das Album?
Wenn man was Neues macht, ist das wie bei "Herr der Ringe": Man tritt in der ersten Reihe an, und dann kommen die Orks, und die erste Reihe ist weg – aber davor habe ich keine Angst. Und die Charts brauche ich nicht, auch wenn es cool ist, wenn ich da oben stehe.

Dein neues Album "An und für sich" kommt mit allerlei Spielereien daher, hier mal ungewohnte Elektroklänge, da ein Saxofon und dazwischen "der Mann mit der Gitarre". Das wirkt doch etwas beliebig.
Mit Abstand betrachtet vielleicht. Ich versuche Gegensätze zu finden. Für mich ist ein Album dann perfekt, wenn es angreif bar ist, gleichzeitig aber beweglich bleibt, und in dem trotzdem jeder Song für sich strahlt. Aber an manchen Stellen erkennt man Clueso gar nicht wieder. Das kann sein. Das liegt vielleicht daran, dass es mir nicht mehr um Clueso geht und das Gefallenwollen ein bisschen draußen bleibt. Trotzdem denke ich: Pop ist auch, dass man den Leuten nicht den Spaß nimmt. Ich versuch' jetzt nicht, die Leute zu schocken, sondern einfach mich selbst zu begeistern. Ich habe nie ein Problem damit gehabt, dass die Leute meine Suche mitbekommen.

Der Song "Die Straßen sind leer" klingt mit seinem ausufernden Elektropart doch etwas unentschlossen. Hören die Leute hier deine Suche?
Vielleicht. Das viel zu lange Ende provoziert mich selbst, aber ich wollte es trotzdem so lassen. Leute, die mich kennen, wissen, dass ich viel Elektro produziere, der gar nicht erscheint. Ich lege nebenher aus Spaß und heimlich Elektrosachen auf. "Die Straßen sind leer" haben wir schon vor zwei Jahren geschrieben.

Wovon lässt du dich inspirieren?
Ich höre viel Musik und überlege dann, was ich an allen Alben im Nachhinein vermisse, was ich gern besser gemacht hätte. Und ich habe schon ein paar Vorbild-Bands wie The Raconteurs, Red Hot Chili Peppers und The Parachutes. Aber ich habe diese Vorbilder am Ende nicht mehr gehabt – da gab es nur noch Clueso.

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Wie ordnest du dein neues Album ein? Ist es persönlicher als die Vorgänger?
"Gute Musik" ist für mich ein "Hallo", wo ich die Band kennengelernt hab'. Danach hatte ich Lust, ins Studio zu gehen und die Band aufzunehmen. So ist "Weit weg" entstanden. Aber das klingt irgendwie noch steif. Dann kam "So sehr dabei". Da war das wesentlich lockerer. Ich habe die Band mehr zu Wort kommen lassen. Aber mir hat ein bisschen der Groove gefehlt. Und jetzt dachte ich mir: versuche ich, die Lockerheit der Band, den Groove von Clueso und die Verspieltheit, die Doppeldeutigkeiten wieder hineinzubringen und was Neues zu erfinden, was noch mit reinkommt.

Hat es funktioniert?
Ich habe im Studio so lange gesungen, bis es da war: für niemanden, auch nicht für mich, sondern für den Song. Ich finde das Album daher viel privater, auch wenn es keine Autobiografie ist.

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Der Mann mit der Gitarre

Am Anfang war Clueso, der eigentlich Thomas Hübner heißt, noch nicht der charmante Singer/Songwriter mit Gitarre und gefühlvoll-leichten Popsongs. Ende der Neunziger zog er als Rapper noch mit Sprayern und Tänzern durchs Land und trat im Dezember 2000 mit mehreren Hip-Hoppern im Capitol auf. So hat auch sein erstes Album „Text und Ton“ (2001) noch mehr gerappten Text als gesungene Töne. Auf dem souligeren Nachfolger „Gute Musik“ (2004) tritt der Rapp hinter dem Gesang zurück. Clueso macht sich mit Auftritten bei Stefan Raabs „Bundesvison Song Contest“ und im Vorprogramm von den Fantastischen Vier und Herbert Grönemeyer einen Namen als Singer/Songwriter. Seine dritte Platte „Weit weg“ (2006), die mit Platz zwölf erstmals hoch in den Charts einsteigt, stellt Clueso – nun mit mehr Akustikgitarre – auch im Oktober 2006 im ausverkauften Musikzentrum vor. Zwei Jahre später ist der Erfurter einer der angesagtesten deutschen Songwriter des Landes. Sein viertes Album „So sehr dabei“ (2008) ist gefühlvoller Pop. Im November 2008 singt er vor 1800 Fans im ausverkauften Capitol Songs wie „Keinen Zentimeter“ und „Gewinner“. 2009 vertont er die Best-of-Songs aus neun Jahren noch einmal mit der STÜBA Philharmonie, einem hundertköpfigen Orchester, und tourt damit durchs Land.

Am Freitag erscheint Cluesos fünfte Platte „An und für sich“, auf der der smarte Sänger auch mit ungewohnten Elektroklängen daherkommt. Die Nachfrage nach Tickets für seinen Hannover-Auftritt am 
19. Oktober ist bereits so groß, dass das Konzert in die AWD-Hall verlegt wurde. In Zukunft könnte Clueso rockiger klingen. „Ich habe den Traum, mal was mit einer Rockband aufzunehmen“, sagt er. Daneben will er auch „noch ein bisschen Elektro produzieren und eine Platte machen, die sich die ganze Zeit irgendwie im Orbit bewegt“.

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