Überraschung in Stöcken

Continental lässt wieder Reifen backen

Foto:Insgesamt hat Conti in den vergangenen Monaten gut 15   Millionen Euro in den Standort investiert, 235 neue Arbeitsplätze würden geschaffen, heißt es.

Insgesamt hat Conti in den vergangenen Monaten gut 15   Millionen Euro in den Standort investiert, 235 neue Arbeitsplätze würden geschaffen, heißt es.

Hannover. Er war immer stolz, ein Continentäler zu sein. Schon der Vater verbrachte sein halbes Leben im Konzern, der Sohn arbeitete sich in 20 Jahren Reifenproduktion in Hannover-Stöcken zum Meister für Maschinen- und Prozesstechnik hoch, war in der Endkontrolle als Schichtleiter für mehr als 50 Mitarbeiter verantwortlich. Bis zu jenem Tag im Herbst 2007. Thomas Winter wird zusammen mit einigen Kollegen zu seinem Chef gerufen – als moralische Stütze, wie er zunächst glaubt. Denn allen ist klar, was den Betroffenen an diesem Tag eröffnet wird. Die Sozialauswahl ist getroffen. Wer bei Alter, Familienstand und Betriebszugehörigkeit nicht genug Punkte gesammelt hat, erhält seine Kündigung. Winter soll den Kollegen beistehen. Einem nach dem anderen. Am Schluss nimmt ihn der Chef zur Seite – er habe da auch noch ein Schreiben für ihn. „Ich musste alle Kollegen trösten“, erinnert sich Winter heute, „und hatte keinen, der mich trösten konnte.“

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Es gibt Hunderte Continentäler aus Stöcken, die solche Geschichten erzählen können. Das vergangene Jahrzehnt war für das traditionsreiche Werk am Mittellandkanal eine Zeit des Niedergangs. Im Abstand von wenigen Jahren machte Continental erst die Produktion von Pkw-Reifen, dann die Lkw-Reifenfertigung dicht. Zweimal brachen Großkonflikte vom Zaun, die bundesweit Wellen schlugen. Im ersten Fall bringt Konzernchef Manfred Wennemer die Gewerkschaften gegen sich auf, weil er einen laufenden Standortsicherungsvertrag einseitig aufkündigt. Im zweiten Fall ist Conti der erste (und am Ende fast der einzige) Großkonzern, der auf die Finanz- und Wirtschaftskrise nicht mit Kurzarbeit, sondern mit einem radikalen Einschnitt reagiert.

Für Traditionen hatte die Conti-Spitze nichts übrig

Beide Male ist der Widerstand groß, beide Male schwingen sich Lokal-, Landes- und Bundespolitik auf die Seite der Beschäftigten. Auf Protestveranstaltungen sprechen unter anderem Philipp Rösler (FDP), damals niedersächsischer Wirtschaftsminister, und Stephan Weil (SPD), damals hannoverscher Oberbürgermeister. Alles vergeblich. Im Mai 2010 ist die Reifenproduktion endgültig beerdigt, nach mehr als 70 Jahren. Sie gehörte zu Hannover wie die Autos zu Wolfsburg oder die Chemie zu Ludwigshafen. Doch für Traditionen hatte die Conti-Spitze nichts übrig, es zählten nur die Kosten – und die waren in Stöcken naturgemäß höher als in Tschechien oder der Slowakei. Selbst die Schließung während der Wirtschaftskrise sei am Ende nur „eine kalte Verlagerung“ gewesen, sagt der Stöckener Betriebsratschef Michael Deister. Die Maschinen aus Hannover stehen heute im slowakischen Puchov.

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Gut 1150 Menschen waren damals in Hannover von den Schließungen betroffen. Viele konnten auf andere Bereiche im Werk oder innerhalb Hannovers ausweichen. Andere schwärmten für Conti in die Ferne aus – sogar bis nach China und Malaysia. Für mehr als jeden Vierten blieb jedoch nur die Kündigung – und die Transfergesellschaft. So wie für Thomas Winter. Er verdingt sich mit Jobs bei anderen Zulieferern, geht für zwei Jahre auf Montage. Der heute 47-Jährige ist nicht wählerisch. Kurz vor seinem Aus bei Conti hatte er ein Haus gebaut. „Das will abbezahlt werden“, sagt er. Seinen einstigen Arbeitgeber verliert er aus den Augen. Bis er sich zum Industriemechaniker umschulen lässt. Das dazugehörige Praktikum führt ihn ausgerechnet nach Stöcken. Dort erfährt er, dass der Wind sich gerade dreht. „Hier wird wieder etwas aufgebaut“, flüstert ihm ein Ex-Kollege zu.

Tatsächlich sind der Konzern und der Standort zu dem Zeitpunkt nicht mehr dieselben. In Winters Wanderjahre fällt bei Conti die Übernahme von Siemens-VDO, der Einstieg von Schaeffler, die komplette Neuaufstellung des Vorstands, die ambitionierte Wachstumsstrategie für die Reifendivision. Spartenchef Nikolai Setzer baut derzeit für eine Milliarde Euro Werke auf der ganzen Welt. Und selbst der einst so teure Standort Stöcken wird bedacht. Er bekommt unter anderem eine hochmoderne Fabrik zur Runderneuerung von Lkw-Reifen und zum Gummi-Recycling.

Insgesamt hat Conti in den vergangenen Monaten gut 15   Millionen Euro in den Standort investiert, 235 neue Arbeitsplätze würden geschaffen, heißt es. Am morgigen Dienstag wird Setzer die Anlagen offiziell einweihen – unterstützt von jenem Mann, der noch 2009 zum Widerstand gegen die Schließungspläne aufrief: Stephan Weil, heute Ministerpräsident. Natürlich haben sie bei Conti eine diplomatische Sprachregelung für ihre Rolle rückwärts gefunden – Tenor: erst sanieren, dann expandieren. Aber hinter vorgehaltener Hand macht so mancher der neuen Führungsgeneration bei Conti deutlich, dass die Konzernspitze damals überzogen hatte. „In dieser Art würde das heute nicht mehr passieren“, ist sich ein Manager sicher.

„Wir hatten seit Jahrzehnten nicht mehr so eine stabile Beschäftigungslage“

Der Standort hat den Verlust längst verkraftet. Die Beschäftigtenzahl befindet sich wieder über der 3500er-Marke – wie vor dem Streichkonzert. Das liegt vor allem an den vielen neuen Werken, die derzeit in der Welt auf- und ausgebaut werden. Die Fabrikplaner sitzen ebenso in Stöcken wie die hauseigene Maschinenfabrik und die weltweite Reifenentwicklung – alles Bereiche, die brummen und in denen ein hoher Qualifizierungsgrad gefordert ist. „Wir hatten seit Jahrzehnten nicht mehr so eine stabile Beschäftigungslage“, sagt Betriebsrat Deister. Die neue Runderneuerungsfabrik, die in den Hallen der alten Lkw-Reifenfertigung entstanden ist, werde diesen Trend noch unterstützen. Das Geschäft sei weniger konjunkturanfällig, produziert werde nur auf Auftrag. „Jeder Reifen hat schon einen Kunden“, umschreibt es der Betriebsratschef. Im Lkw-Geschäft wächst die Runderneuerung stetig, weil die Speditionen so gut ein Viertel der Kosten sparen können.

In Deutschland macht es bereits die Hälfte des Marktes aus. In Stöcken soll vor allem „heiß“ runderneuert werden – auf die Reifen werden also nicht einfach neue Laufstreifen aufgeklebt, sie werden de facto neu gebacken. Derzeit befindet sich die Fabrik in der Hochlaufphase. 50 Mitarbeiter hat der Konzern in einem ersten Schritt eingestellt – ein Gutteil der Mannschaft stellen die einst geschassten Beschäftigten aus der Reifenfertigung. Man habe ganz gezielt unter den Ehemaligen gesucht, berichtete Deister. Nicht nur aus dem Gefühl heraus, etwas wiedergutmachen zu müssen. Der Konzern braucht sie schlicht. Know-how in der Reifenproduktion ist inzwischen dünn gesät. Doch nicht bei jedem stoßen die Personaler auf offene Ohren. „Manche haben mit dem Kapitel Conti abgeschlossen“, sagt der Betriebsratschef.

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Thomas Winter jedenfalls ist zurück. Als er Wind von dem Projekt bekam, bewarb er sich – und hatte Erfolg. Nun arbeitet er wieder in derselben Werkshalle mit seiner alten Personalnummer und wie früher in der Endkontrolle. „Letztlich mache ich das gleiche wie vor sechs Jahren“, sagt der 47-Jährige. „Mit einem feinen Unterschied: Das Gehalt ist deutlich niedriger.“ Er ist keine Führungskraft mehr. Und auch bei den Dienstjahren beginnt Winter wieder von vorn. Mit der Abfindung damals ist sein erstes Leben bei der Conti quasi ausgelöscht. Ob er denn trotzdem wieder stolz darauf sein könne, ein Continentäler zu sein? Da muss Winter überlegen. „So langsam“, sagt er dann, „kommt das Gefühl zurück.“

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