Fütterung im Zoo Hannover

Das große Fressen

Foto: Die schönste Zeit des Tages: Fütterung.

Die schönste Zeit des Tages: Fütterung.

Hannover . Lust auf eine Eistorte? Hier ein erprobtes Rezept des zu Unrecht nicht aus Funk und Fernsehen bekannten Benedikt Knüppe: Man verrühre eine ordentliche Portion Wasser mit Vanillepudding und Schmelzkäse, gebe Obst, Nüsse, Makrelen- und Rindfleischstückchen hinzu, runde das Ganze mit Lebertran ab, kippe es in einen Eimer, stelle es über Nacht in den Gefrierschrank und werfe das hart gewordene Gemisch am nächsten Tag zur Fütterungszeit ins Eisbärenbecken im Zoo Hannover. Die Bewohner flippen zuverlässig aus.

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Derartige Spezialitäten sind die Ausnahme im Zoo, es gibt sie nur zu den öffentlichen Fütterungen und zu besonderen Anlässen wie Tiergeburtstagen oder -taufen. Die mehr als 2100 Zootiere müssen sich im Alltag mit einfacheren Darreichungsformen begnügen. Sie alle so zuverlässig zu ernähren, dass sie weder vom Fleisch fallen noch zu fett werden, liegt nicht zuletzt in den Händen von Thomas Severitt. Der 50-Jährige ist Revierleiter Magazin im Zoo, also dessen Futtermeister. Seine Schützlinge sind so unterschiedlich wie das Leben selbst – es gibt Genügsame, Spezialisten, Vielfraße und Feinschmecker. Manches klingt auch überraschend: Die Schimpansen zum Beispiel genießen jeden Morgen einen speziellen Joghurtdrink zum Frühstück; und die Haubenlanguren, ebenfalls eine Affenart, stehen auf Bohnen.

Zweimal in der Woche, montags und donnerstags, fährt Severitt zu einer Zeit, in der viele andere noch im Tiefschlaf liegen, zum Großmarkt Hannover am Tönniesberg. Wie kauft man für eine derartige Großfamilie ein? „Erstens: Tiere sind keine Resteverwerter für das, was Menschen verschmähen würden. Alles muss frisch sein oder tiefgefroren. Zweitens: Entscheidend ist, was den Tieren schmeckt. Was ihnen nicht schmeckt, lassen sie liegen“, sagt Severitt. Die Ernährungspläne stimmt er mit Pflegern und Tierärzten ab.

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Auf dem Großmarkt kennt man ihn nicht nur, weil er mit seinem in Zebrastreifen lackierten und mit dem Schriftzug „Arbeitstier“ versehenen Kleinlastwagen ein auffälliges Auto fährt. Er ist schließlich Stammkunde bei drei festen Lieferanten. Die schicken ihm vorab aktuelle Preislisten, außerdem wählt er nach Qualität und Marktlage. Heute wären zum Beispiel Erdbeeren zu haben, mit denen er bei den meisten Zoobewohnern nicht falsch liegen würde. „Süß kommt immer gut an“, sagt er, lässt die Erdbeeren jedoch links liegen. Dafür steuert er den Stand vom Calenberger Gemüse-Land an, wo es zum ersten Mal heimischen Salat gibt. „25 Kisten gemischt, 15 Radieschen, 15 Blumenkohl. Wirsing?“, fragt Severitt. „Wirsing ist schon aus“, sagt Verkäuferin Astrid Gebauer. Macht nichts. Der Futtermeister geht zu seinen anderen Lieferanten, kauft Eisberg, Zucchini, Weintrauben und noch dies und das und wartet dann, bis sich die Kisten vor seinem Arbeitstier stapeln. Eine knappe Viertelstunde dauert das Verladen, dann steuert Severitt seinen Kleinlaster zurück zum Magazin in der südwestlichen Ecke des Zoogeländes.

Der Einkaufszettel

Der letzte Inventurbericht vom Januar weist für den Zoo Hannover 2177 Tiere in 211 Arten aus. Um alle zu ernähren, musste Futtermeister Thomas Severitt im Jahr mehr als 500 000 Euro ausgeben. Folgendes haben die Tiere im vergangenen Jahr verputzt (kleinere Posten wie diverse Obstsorten, Gemüsesorten in geringeren Mengen, Nüsse oder Kräuter sind nicht aufgeführt):

Die Vegetarier:

291 430 Kilogramm Heu
212 690 Kilogramm Gras
31 675 Kilogramm Karotten
19 716 Kilogramm Äpfel
9518 Kilogramm Hafer
6876 Kilogramm Bananen
16 950 Eier
3374 Kisten Salat
Dazu kommen noch Futterpellets, die der Fachhandel mittlerweile für fast alle Tierarten spezialisiert anbietet. Die drei Nashörner zum Beispiel verputzen 4050 Kilogramm Nashornpellets.

Die Fleischfresser

(drei Löwen, zwei Tiger, drei Eisbären, drei Leoparden, die Wölfe und diverse Greifvögel):
27 732 Kilogramm Rindfleisch
Dazu kommt ab und an mal eine Ziege oder ein Schaf – aber nie lebend. „Im Zoo Hannover werden grundsätzlich keine lebenden Tiere verfüttert, nicht einmal Mäuse“, sagt Sprecherin Simone Hagenmeyer.

Die Fischfresser

(Eisbären, Wölfe, Robben, Pinguine, Kormorane, Pelikane, Schweine):
7956 Kilogramm Hering
6002 Kilogramm Makrele
5700 Kilogramm Süßwasserfisch
4904 Kilogramm Lodde
1392 Kilogramm Wittlinge
300 Kilogramm Tintenfisch

Dort lagert alles, was Tier so braucht, und das stammt nicht nur vom Großmarkt. Der Tierpark bezieht frisches Gras und Heu von einem Sehnder Bauern, Äpfel aus dem Alten Land, Rinderviertel aus Schleswig-Holstein, Fisch aus Holland, Spezialfutter in Form von Pellets und vieles mehr. Im Magazin, Baujahr 1965, gibt es auch eine ähnlich alte Küche mit einem voluminösen Herd. Als man Spezialfutter noch nicht kannte, wurde dort stets aufwendig gekocht. „Heute dämpfen wir nur noch Reis und Kartoffeln oder kochen manchmal Fleisch weich“, sagt Severitt.

Während er auf dem Markt war, haben Mitarbeiterin Erika Sarnau und ihr Kollege schon Rollwagen mit Futter für die einzelnen Reviere bestückt. Bis 9 Uhr, wenn die Besucher eingelassen werden, muss alles verteilt sein. Fahrer Marko Mielisch steuert den Nashornstall, den Gorillaberg und das Menschenaffenhaus an. Für die drei Dickhäuter Kifaru, Saba und Sany stehen heute je zehn Kilo Äpfel und Karotten, drei Kilo Bananen, Staudensellerie, Chicorée und Radicchio auf der Lieferliste, im Affenhaus werden unter anderem Äpfel, Ananas, Auberginen und Porree abgeladen. Dort schnippeln die Pfleger die Ware erst einmal mit dem Messer klein – nicht aus Langeweile, sondern aus tiertherapeutischen Gründen. „Wir streuen das Futter aus oder verstecken es in Automaten. So müssen es sich die Tiere suchen und bleiben in Bewegung. In der freien Wildbahn läuft es ja auch so“, sagt Pfleger Philipp Plate.

Was die Nashörner angeht, sind Äpfel, Bananen und Salate auch nur Snacks, die Pfleger Markus Köchlin bei den für das Publikum sichtbaren Fütterungen verteilt. Ihre Hauptnahrung besteht im Sommer aus Luzernen, im Winter auch aus Rüben. Davon verdrücken sie pro Tag und Nase bis zu 50 Kilogramm. Das Publikum bekommt davon nichts mit – so wie überhaupt der größte Teil des Futtergeschäfts für die 2100 Tiere hinter den Kulissen abläuft; unspektakulär, aber zuverlässig und effizient. Und, nach allem was bekannt ist: Zur allgemeinen Zufriedenheit der Bewohner.

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