Günter Famulla

Das soziale Gewissen

Günter Famulla

Günter Famulla verabschiedet sich nach 40 Jahren Arbeit im sozialen Bereich.

Wenn Günter Famulla heute im Hannover Congress Centrum von zahlreichen Weggefährten in den Ruhestand verabschiedet wird, sollen nicht nur lobende Worte fallen. Famulla, seit zwölf Jahren hauptamtlicher Vorstandsvorsitzender des Paritätischen Niedersachsen und davor langjähriger Landesgeschäftsführer, möchte der Politik noch ein paar Merksätze ins Stammbuch schreiben. Immerhin sieben Sozialminister und die dazugehörigen Staatssekretäre hat der 65-Jährige während seiner Amtszeit in Niedersachsen erlebt. „Aber nur bei den wenigsten war die sozialpolitische Grundüberzeugung wirklich ausgeprägt - egal, welcher Couleur“, merkt der Erziehungs- und Sozialwissenschaftler an.

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Was er den Sozialpolitikern eindringlich ans Herz legen will, ist ihr laxer Umgang mit ihren eigenen politischen Programmen. „Mit viel politischem Aufwand werden Gesetze verabschiedet und Programme entwickelt, aber die Umsetzung überlassen sie den Beamten in den Ministerien.“ Nur wenige Politiker kümmerten sich hinterher ums Kleingedruckte - sprich: Richtlinien, Verordnungen und Ausführungsbestimmungen - mit der Folge, dass viele die entscheidenden sozialpolitischen Gestaltungsmöglichkeiten aus der Hand geben. „Aber in Sonntagsreden wird die freie Wohlfahrtspflege gern bemüht.“

Was den stets besonnen und gut gelaunt auftretenden Famulla außerdem große Sorgen bereitet, ist die “Ökonomisierung des Sozialen“, eine Entwicklung, die unbedingt zurückgeschraubt werden müsse. „Da ist im Bereich Pflege von Casemanagement, Fallpauschalen, Pflegemarkt und Marktsegmenten die Rede, Begriffe, die den Menschen kategorisieren und zu einer berechenbaren Effizienzgröße degradieren“, sagt der Sozialexperte.

Famulla wird 1943 in Königshütte (Chorzow), dem oberschlesischen Ruhrgebiet geboren und wächst dort polnischsprachig auf. Nach Kriegsende flüchtet die Familie ins westdeutsche Ruhrgebiet und siedelt sich in der Nähe von Dortmund an. Nach dem Sozialarbeiterstudium 1967 geht Famulla zur Bundeswehr (Leutnant der Reserve) und landet zufällig in Celle, wo er seine Frau kennenlernt und heiratet. Seine erste Stelle nimmt er in Uelzen als Bewährungshelfer an. Dort sitzt er unter anderem im Stadtrat und gründet den sozialpädagogischen Arbeitskreis und den Verein Jugendhilfe.

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Als Chef des Paritätischen, nach der Diakonie der zweitgrößte Wohlfahrtsverband in Niedersachsen, vertritt er die Interessen von 788 Mitgliedsorganisationen mit 670 000 Einzelmitgliedern und mehr als 4500 Selbsthilfegruppen. „Formal sind diese Gruppen bei uns noch nicht einmal Mitglied, aber wir unterstützen sie - auch finanziell“, sagt Famulla. „Wir halten uns da total raus, was wunderbar klappt.“ Zu den Mitgliedsorganisationen gehören unter anderem die Lebenshilfe, Pro Familia, Sozialzentren, Pflegedienste, Werkstätten für Behinderte, Krankenhäuser, Aids- und Drogenhilfen und Frauenhäuser. Der Paritätische unterhält in Kooperation mit dem MusikZentrum Hannover den Musik-in-Liner für Kinder und Jugendliche, und ist sogar Herausgeber eines deutsch-russischen Märchenbuchs, das sich zum Bestseller in Kindertagesstätten entwickelt hat.

Ab Montag soll nun Schluss sein nach 40 Jahren Arbeit im Sozialbereich. „Mir sind schon eine Reihe von Ämtern angetragen worden, die ich als Ruheständler ausüben könnte, aber ich habe abgelehnt - bis auf die beiden Posten als Vorstandsvorsitzender des Eilenriedestifts und des Vereins deutsch-polnische Zusammenarbeit im sozialen Bereich“, sagt Famulla. Seit 20 Jahren bestehen die Kontakte zu karikativen polnischen Organisationen in Posen und Breslau, die 2005 in Kooperationsverträge zwischen dem Paritätischen Niedersachsen und dem „Großpolnischen Koordinationsrat“ - ein Verband Karitativer Organisationen in Posen - und dem „Niederschlesischen Verband der Nichtregierungsorganisationen in Breslau“ mündeten. Für diese Zusammenarbeit und Aufbauhilfe der freien Wohlfahrtspflege in Polen wurde Famulla mit dem polnischen Ritterorden für ausländische Staatsbürger geehrt. Seine in der Kindheit erworbenen Polnischkenntnisse waren bei diesen Kontakte allerdings keine Hilfe: „Das habe ich fast alles vergessen.“ Ein Posten kommt dennoch auf Famulla zu: Seit 1. Juli ist er Ehrenvorsitzender des Paritätischen Niedersachsen.

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