Oststadt

"Der kleine Laden" im Osten Hannovers ist Geschichte

Käte König dreht den Schlüssel im Schloss herum, so wie sie es abends um 20 Uhr Jahrzehnte lang getan hat. Zum letzten Mal hat sie ihren weißen Kittel ausgezogen, die Tür hinter sich zugeklappt, ist die neun grau-gefließten Treppenstufen nach oben gegangen und hat vielleicht einen letzten Blick auf ihren kleinen Laden geworfen, der auf Souterrain-Ebene in der Eckerstraße liegt. Gestern Abend hat einer der ältesten Tante-Emma-Läden Hannovers für immer zugemacht, und Käte König nicht nur eine Tür, sondern auch ein großes Kapitel ihres Lebens abgeschlossen.

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Seit 1955 existierte „Der kleine Laden“ in der Oststadt. Auguste Rieger, die König aus der Fahrschule der gemeinsamen Heimat Erfurt kannte, hatte ihn zwischen Bahnhof und Lister Meile eröffnet zu einer Zeit, in der die Eckerstraße noch ein Baugebiet mit wenigen Häusern war „und unser VW Käfer das einzige Auto in der Straße war“, wie sich König erinnert. Zwei Jahre nach Rieger, die Ende der siebziger Jahre starb, war König der Freundin in den Westen gefolgt – dann hieß es neben der täglichen Arbeit büffeln: „Ich musste ein Jahr für meine Lebensmittelprüfung lernen“, sagt die heute 77-Jährige. „Damals durften ja noch nicht an jeder Tankstelle Lebensmittel verkauft werden.“

Königs letzte Woche beginnt zwar wie jeder Morgen pünktlich um 6 Uhr, aber schon am Montag ist vieles anders. Hinter dem Schiebefenster am Eingang, wo Zeitungen, Eier, Getränke und Konserven gestapelt sind, fällt der Blick auf überwiegend leere Regale mit ein paar Filtertüten, Zigaretten und Süßigkeiten – nostalgische Tristesse. Früher gab es hier fast alles: „Wir hatten Eier, für die Kunden wegen des Geschmacks extra aus andern Stadtteilen gekommen sind, 200 Brötchen pro Tag, Milch, Butter, Konserven, Getränke – alles, was man so braucht“, sagt König. Aber das war zu einer Zeit „in der die Supermärkte noch um 18 Uhr geschlossen haben.“ Damals gab es in der Oststadt noch mehrere Läden wie ihren: „Lipke am Welfenplatz, Milchladen Wollert oder Getränkemarkt Duchow“, erinnert sich König. Aber die haben längst dicht. „Der kleine Laden“ ist einer der letzten seiner Art, der versucht hat, sich gegen die Discounter mit langen Öffnungszeiten und in einer Stadt mit einer der größten Kiosk-Dichten zu behaupten. „Das war hier alles früher anders“, sagt König resignierend, dabei ist sie sonst immer sehr bestimmt.

In den letzten Tagen schauen ihre Stammkunden alle noch einmal vorbei. Wie die 85-jährige Friedel, die seit 1955 Zeitung und Zigaretten kauft oder ein adretter älterer Herr, der eine Blume zum Abschied überreicht. 40 Jahre hat er hier eingekauft – und die neusten Geschichten aus der Nachbarschaft ausgetauscht. „Manchmal braucht man jemanden“, sagt er nachdenklich, und König erkundigt sich gleich nach seiner kranken Frau. „Ich hatte viele Stammkunden“, sagt König. Für die meisten war sie weit mehr als bloß die Besitzerin eines kleinen Ladens. Sie nahm Pakete und Schlüssel an, kochte, wusch die Wäsche und „manche Kunden habe ich sogar beerdigt“, sagt sie.

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Das Lager ist inzwischen längst ausgeräumt, und auch das hintere Zimmer, in dem König während der Mittagspausen für sich gekocht hat, ihr Bernhardiner immer aufs Gassigehen wartete oder sie auf dem Bett einen Mittagsschlaf hielt, wirkt trotz Blümchengardine und etwas ausgeblichener Tischdecke kahl. Sie wolle sich noch ein paar schöne Jahre machen, öfter in den Garten hinter den Ricklinger Kiesteichen gehen. Trotzdem geht sie mehr „mit einem weinenden Auge“, sagt sie und wird von der Klingel am Fenster unterbrochen. Dort steht Nina mit ihrem dreijährigen Sohn Jasper auf dem Arm. Sie wolle ihm noch einmal einen Tante-Emma-Laden zeigen, bevor es keinen mehr gebe, sagt Nina. Jasper blickt in den Jahrzehnte alten Laden. Dauerlutscher, wie sie Kinder bei Käte König meist bekamen, gibt es nicht mehr. Aber einen Schokoriegel hat König noch – einender letzten.

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